Am 18.12.2006 hat der Umweltministerrat der EU die neue europäische Chemikalienverordnung REACH (Registrierung, Evaluierung, und Autorisierung von Chemikalien) endgültig verabschiedet. Das Europaparlament hatte dem Gesetzesentwurf bereits am 13.12.2006 zugestimmt. REACH wird im Juni 2007 in Kraft treten.
Zur Vorgeschichte und zu den Aufgaben von REACH ist bereits vieles gesagt worden, die Links am Textende helfen allen Interessierten weiter. Ein Kommentar mag aber sinnvoll sein.
In der nun erzielten Kompromisslösung für REACH stecken große Potentiale für unser Wissen um Chemikalien und ihren möglichen Einfluss auf Umwelt und Gesundheit. Wichtige Informationen über toxikologische und umweltrelevante Eigenschaften von mehr als 30 000 bisher wenig untersuchten Stoffen werden dann verfügbar sein. Voraussetzung ist allerdings, dass die Umsetzung von REACH mit Sachverstand und auf wissenschaftlicher Basis erfolgt. Wenn sich die zu erbringenden toxikologischen Daten nicht an den möglichen Risiken orientieren, die von einem Stoff oder einer Stoffklasse bei einer konkreten Verwendung ausgehen können, sondern an starren, vorgeschriebenen Versuchsreihen (im Reagenzglas und an Tieren), könnte sich REACH auch zu einem teuren Datenfriedhof, einem bürokratischen Monster entwickeln. Unternehmen sorgen sich darüber hinaus darum, inwieweit bei größtmöglicher Transparenz ihr spezielles „Know-how“ gewahrt werden kann.
Erst allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass die alte griffige Formel „Natur ist gesund – Chemie macht krank“ nicht gilt. Alle Lebensprozesse basieren auf (bio)chemischen Reaktionen. Die Umweltmedizin kennt zahlreiche Beispiele dafür, dass Naturstoffe sensibilisierend, giftig, erbgutverändernd und/oder krebserzeugend sind. Umgekehrt wird oftmals verkannt, dass die moderne Chemie längst Bestandteil unseres tägliches Lebens und eine der wichtigsten Innovationskräfte geworden ist. Ohne sie wäre vieles nicht möglich, denken wir an Haushaltsgegenstände, Baustoffe, Farben, Textilien, Kosmetik, Arzneimittel, aber auch an innovative Produkte für den Umweltschutz, z.B. Solar- und Windkraftanlagen. Mit manchen in der Nanotechnologie verwendeten und von der Natur abgeschauten Stoffen und physikalischen Prinzipien wird die Grenze zwischen Natur und Chemie zunehmend fließend.
Allerdings gibt es auch Beispiele dafür, dass in der Vergangenheit sinnvolle und oftmals innovative Produkte (man denke beispielsweise an Dichtmassen, Weichmacher, Flammschutzmittel) vor ihrer breiten Verwendung nicht ausreichend auf ihr Verhalten in der Umwelt hin untersucht worden sind. Die in REACH vorgesehene Verlagerung der Verantwortung auf den Hersteller ist hier wichtig: Hersteller müssen nachweisen, dass ihre Produkte weder Gesundheit noch Umwelt über Gebühr belasten. Zukünftig soll bei Hinweisen auf Persistenz, Bioakkumulation und allgemeine Toxizität in der Umwelt eine Abwägung zwischen sozioökonomischem (gesellschaftlichem) Nutzen und Nachteilen erfolgen. Falls ein mögliches Risiko für Umwelt und Gesundheit nicht ausreichend kontrolliert werden kann, sollte nach Alternativen gesucht werden, was gleichzeitig ein wichtiger Innovationsanreiz ist. Nicht immer wird also der kostengünstigste Stoff oder das kostengünstigste Verfahren zum Einsatz kommen können. REACH bietet hier die Chance, einen gesellschaftlichen Diskurs auf breiter Basis über akzeptable und nicht mehr akzeptable Risiken in Gang zu bringen.
Weiterführende Links zu REACH (Auswahl):
www.gsf.de/flugs/neu/links-reach.php
www.umweltbundesamt.org/fpdf-l/2431.pdf
www.euractiv.com/de/umwelt/chemikalienpolitik-umstrittenes-reach-paket-angenommen/article-160465
Stand: 2.4.2007
Dr. M. Otto
Prof. K. E. von Mühlendahl