Berlin, 25. und 26. 9. 2006
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| Die Ergebnisse von zwei großen Untersuchungen zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen werden in den kommenden Tagen veröffentlicht. |
Die vorliegenden Daten zur Verbreitung von Übergewicht und Adipositas zeigen, dass die Gewichte in allen Perzentilen angestiegen sind: in dem als Übergewicht eingestuften Bereich stiegen sie um 50%, bei der Adipositas um 100%. Der Anstieg geschieht vor allem im Grundschulalter, nicht so sehr ausgeprägt im Kindergarten. Es besteht kein Ost-West-Gefälle. Niedriger Sozialstatus und Migrationshintergrund erhöhen das Risiko erheblich.
Die schriftliche Befragung zu Essstörungen basierte auf fünf recht allgemeinen Fragen. Bei 2 "positiven", abnormen Antworten wurden Hinweise auf eine mögliche Essstörung gesehen. Nach dieser Definition wurde bei ca. 20% der Verdacht auf Auffälligkeiten geäußert. In der unteren sozialen Schicht war dies bei 28% der Kinder der Fall, in der oberen sozialen Schicht bei 16%. Es wurde ausdrücklich gesagt, dass damit ein Verdachtsmoment aufgezeigt, keine Diagnose gestellt wurde. In der dpa-Meldung in der Neuen Osnabrücker Zeitung vom 26. 9.2006 lautete dann die verkürzte Überschrift "Jedes dritte Mädchen hat Essstörungen".
| Zeitplan für die Veröffentlichung der Ergebnisse: | |
| September 2006 | Symposium, erste Ergebnisse |
| Dezember 2006 | Darstellung der Ergebnisse in einer Broschüre für die Eltern |
| Mai 2007 | Basispublikation |
| Oktober 2007 | Ergebnisse in einer Public Use File zugänglich |
| Dezember 2007 | Gesundheitsbericht, Teil 1 |
Die Daten zu allergischen Erkrankungen beruhen auf Befragungen, nicht auf ärztlichen Diagnosen. Über Heuschnupfen klagen 9% der Kinder und Jugendliche. Ein Ost-West-Unterschied konnte nicht festgestellt werden. Die Kinder aus sozial schwachen Familien waren vermehrt betroffen. Die Häufigkeit von Asthma lag zwischen 3% und 5%, allerdings wurde nicht genau definiert, was eigentlich als Asthma angesehen wird. Auch hier fand sich kein Ost-West-Unterschied und auch kein Unterschied hinsichtlich des sozialen Hintergrundes. 8% der befragten Kinder und Jugendlichen klagten über Neurodermitis. Bei den getesteten ca. 20 IgE-Antikörpern war mindestens ein positives Ergebnis bei 40,8% aller Kinder und Jugendlichen gefunden worden. Aktuell hätten - auf Grund dieser, wie dargestellt, nicht sehr gründlichen Erhebung - 17% eine allergische Krankheit.
Was die Jodversorgung anbetrifft, kann gesagt werden, dass Deutschland kein Jodmangelgebiet (mehr) ist. Bei Ultraschall-Untersuchungen fanden sich in 36% der Fälle vergrößerte Schilddrüsen-Volumina, im Schnitt betrug die Erhöhung 22% (unter Zugrundelegung der Referenzwerte der Weltgesundheitsorganisation).
Nach Sport und Bewegung befragt, spielten 75% der Kinder und Jugendlichen täglich im Freien. Hier kann natürlich die Zuverlässigkeit von Angaben der Eltern zum Spielverhalten ihrer Kinder kritisch hinterfragt werden. Dagegen wird der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey interessante und valide Daten zur Motorik liefern. Ein ausgebildetes Team hat etwa 4000 Kinder und Jugendliche untersucht. Tatsächlich scheint ein erheblicher Teil unserer Kinder und Jugendlichen ungeschickt zu sein und sich zu wenig zu bewegen.
Besondere Aufmerksamkeit verdient das im KIGGS eingebettete Moduls des Kinder-Umwelt-Surveys (KUS), hierüber wird gesondert zu berichten sein:
Lärm: 13% der 8- bis 14-jährigen (also Kinder und Jugendliche vor dem Discoalter)haben einen Hörverlust von mehr als 20 Dezibel (mindestens in einer Frequenz auf mindestens einem Ohr), 2,4% von mehr als 30 Dezibel.
PCB: Polychlorierte Biphenyle im Blut sind auch jetzt noch bei den 13- bis 14-jährigen deutlich höher bei gestillten Kindern - im Vergleich zu nicht gestillten.
Blei: Die Bleibelastung ist weiter abgefallen.
Vorerst ist für die Auswertungsphase noch vorgesorgt. Die Geschäftsstelle wird aus den (auslaufenden) Mitteln noch aufrecht erhalten werden können. Anzustreben ist eine Folgefinanzierung mit einer permanenten Geschäftsstelle.
Eine wichtige repräsentative Studie wurde mit ersten Ergebnissen der Öffentlichkeit dargestellt. Die Veranstaltung war sehr gut besucht, sowohl seitens der Presse wie vor allem auch durch zahlreiche ausgewiesene, renommierte Fachleute.
Die notwendigerweise sehr verkürzte Darstellung von Ergebnissen birgt das Risiko einer verzerrten Wiedergabe durch die Medien ("Jedes dritte Mädchen hat Essstörungen", "Mehr als 25% der Kinder haben vergrößerte Schilddrüsen" etc.)
Wiederholt, fast stereotyp wurde die Forderung nach Prophylaxe, nach primärer Prävention geäußert, wobei allerdings zuvor nach genauer Definition von Zielgruppen und auch nach der Kosten-Nutzen-Relation von Interventionsversuchen gefragt werden müsste.
Das KIGGS-Team und dessen Sprecherin, Frau Prof. B.M. Kurth, haben in den vergangenen Jahren mit großem Aufwand gute Arbeit geleistet, diese gut präsentiert, und es ist zu hoffen/zu fordern, dass KIGGS und die angehängten Module nicht Eintagsfliegen bleiben, sondern den Beginn einer kontinuierlichen Gesundheitsberichterstattung über die Lage der Kinder und Jugendlichen in Deutschland darstellen.
Eine Erweiterung auf das Alter von 0 - 3 Jahren wäre wünschenswert.
Autor:
Prof. Dr. K. E. von Mühlendahl
Stand:
28.9.2006