
Nein. Das ist das grundsätzliche Ergebnis der Interphone-Studie, die vor zehn Jahren begonnen und nun in der angesehenen Fachzeitschrift „International Journal of Epidemiology“ veröffentlicht wurde. Sie ist weltweit eine der größten Fall-Kontroll-Studien und wurde von der Internationalen Krebsforschungsagentur (IARC) in Lyon koordiniert.
Die Frage, ob Krebserkrankungen im Kopfbereich durch Mobiltelefonate vermehrt auftreten könnten, ist angesichts der weltweiten Mobiltelefonnutzung von großer Brisanz. Die an der Interphone-Studie beteiligten Forscher in 13 Ländern fokussierten ihre Aufmerksamkeit auf Gliome (Tumoren des Stützgewebes im Hirn), Meningeome (Tumoren der Hirnhaut), Akustikusneurinome (Tumoren des Hörnervs) und Parotistumoren (Ohrspeicheldrüse). Als Fälle wurden Patienten in der Altergruppe 30 bis 59 Jahre angesehen, bei denen zwischen 2000 und 2004 ein Gliom oder Meningeom diagnostiziert wurde. Alle Diagnosen wurden histologisch oder durch bildgebende Verfahren bestätigt. Insgesamt wurden 2708 Patienten mit einem Gliom und 2409 Patienten mit einem Meningeom sowie eine entsprechende Anzahl entsprechend ausgewählter Kontrollpersonen in die Studie einbezogen. Der Studienablauf erfolgte nach einem gemeinsamen, vorher festgelegten Studienprotokoll. Im Rahmen der computergestützten Befragung wurden die Telefoniergewohnheiten und weitere Daten erfasst. Die (geschätzte) Telefonierdauer diente als Maß für die Exposition gegenüber den Mobilfunkfeldern. Ferner wurde gefragt, ob der Tumor auf der Kopfseite auftrat, auf der hauptsächlich telefoniert wurde. Hier ist natürlich die Gefahr von Erinnerungsverzerrungen gegeben. Die Nutzung von Freisprecheinrichtungen wurde gesondert berücksichtigt.
Die Ergebnisse im Einzelnen:
Die Ergebnisse zu Akustikusneurinomen und Parotistumoren werden zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht werden.
Das BMU hatte die Strahlenschutzkommission um eine vorläufige Analyse der jetzt vorliegenden Ergebnisse gebeten (Link).
Insgesamt bleiben zwar noch Fragen offen (etwa zu den Langzeitauswirkungen in der Gruppe der intensiven Vieltelefonierer über viele Jahre hinweg), auf der anderen Seite passt das Ergebnis der Interphone-Studie recht gut in das bisher bekannte Gesamtbild zur Wirkung hochfrequenter elektromagnetischer Felder auf den Menschen. Das Deutsche Mobilfunk Forschungsprogramm hatte hierzu wesentliche Beiträge geleistet.
Angesichts des vorliegenden, umfangreichen Wissens zu Mobilfunk und anderen Funkanwendungen werden Stimmen laut, die die zukünftige Forschung auf diesem Gebiet begrenzt sehen möchten – auch mit Blick auf wichtigere Forschungsthemen.
Dafür sprechen eine Reihe von Gründen. Epidemiologische Studienansätze werden bald an ihre Grenzen stoßen:
Ob die bereits laufende Mobi-Kids-Studie zur gleichen Fragestellung bei Kindern belastbare Ergebnisse bringen wird, wird sich zeigen.
Empfehlungen
Vorsorgliche Empfehlungen zu einer bedachtsamen Nutzung der Mobiltelefone durch Kinder und Jugendliche, wie sie die Kinderärztliche Umweltmedizinische Beratungsstelle (Kinderumwelt), das Bundesamt für Strahlenschutz und weitere Institutionen ausgesprochen haben, basieren auf dem Vorsorgegedanken und verlieren durch die INTERPHONE-Ergebnisse nicht an Aktualität.
Autor: Dr. M. Otto
Sachstand: 18. Mai 2010, ergänzt am 15.07.2010
Literatur:
1. The INTERPHONE Study Group (2010): Brain tumour risk in relation to mobile telephone use: results of the INTERPHONE international case-control study. International Journal of Epidemiology, 2010. DOI: 10.1093/ije/dyq079
2. Bahnemann, C. (2010) Kein erkennbar erhöhtes Hirntumorrisiko durch mobiles Telefonieren. http://idw-online.de/pages/de/news369730
3. Bundesamt für Strahlenschutz (2010): INTERPHONE-Studie findet kein erhöhtes Hirntumorrisiko durch Handynutzung – BfS rät weiterhin zur Vorsorge www.bfs.de/de/elektro/hff/papiere.html/interphonestudie.html
4. BMU (Mai 2010): Bundesumweltministerium beauftragt Strahlenschutzkommission mit Bewertung der Ergebnisse der neuesten Mobilfunkstudie. Link
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