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Stellenwert der Haaranalyse (Haarmineralanalyse)

Beschreibung

Haaranalysen und - etwas enger gefasst - Haarmineralanalysen werden immer wieder angeboten. Medienberichte über den erfolgreichen Einsatz zum Nachweis eines Drogenkonsums suggerieren, dass die Haaranalyse auch zum Nachweis von Umweltbelastungen geeignet sei (Drexler und Schaller 2002). Laboratorien versprechen, durch eine Haarmineralanalyse einen kompletten Überblick über den Mineralstatus, über die Versorgung mit essentiellen Spurenelementen sowie Spurenelementen mit nicht bekannter physiologischer Funktion und über die Belastung mit Schwermetallen zu erstellen.

Der Patient bekommt neben dem eigentlichen Analyseergebnis meist auch eine rechnerische Auswertung in Form von Mineralstoff- oder Spurenelement-Verhältnissen (z. B. Ca/Mg, Fe/Mn). Ferner werden dem Patienten oft auch Informationen über das Vorkommen von Mineralstoffen und Spurenelementen sowie standardisierte Empfehlungen zum Ausgleich unausgewogener Mineralstoffverhältnisse gegeben.

Was ist von solchen Haaruntersuchungen zu halten?

Die Einlagerung von Mineralien, Spurenelementen, Schwermetallen und organischen Substanzen kommt über vier Wege zustande:

  1. Während des Wachstums über Kapillarblutgefäße,
  2. durch eine transzelluläre Schadstoffinkorporation (Schadstoffeinlagerung),
  3. durch Talgdrüsen und
  4. durch Anlagerung von außen.

Haaranalysen weisen eine Reihe von Vorzügen auf

  • Die Probennahme, Lagerung und Transport sind unproblematisch,
  • in die Haarmatrix eingelagerte Substanzen sind dort dauerhaft gespeichert,
  • die Analyse von Haarsegmenten der Länge nach gestattet die Feststellung auch von zurückliegenden Belastungssituationen (gerichtsmedizinische Fragestellungen ! ).

Diesen Vorteilen steht eine Reihe von Nachteilen gegenüber

  • Das Verhältnis von Masse zu Oberfläche ist ungünstig.
  • Eine Verunreinigung durch Anlagerung von außen stammender Substanzen ist leicht möglich.
  • Die Schwankungsbreite solcher Analysen ist sehr hoch. Die Ergebnisse variieren von Labor zu Labor. Eine angemessene Qualitätssicherung ist bisher nicht erfolgt und auch kaum möglich.
  • Validierte Referenzwerte für umweltmedizinische Fragestellungen liegen nicht vor.
  • Die Schwankungsbreite der Referenzwerte ist bereits für Einzelstoffe sehr groß. Aus Gründen der Fehlerfortpflanzung ist die Berechnung von Mineralstoff- bzw. Spurenelement-Verhältnissen daher kaum sinnvoll.
  • Die bisherigen Studien zeigen, daß lediglich für zwei Stoffe, nämlich für Arsen und Methylquecksilber, verwertbare Meßergebnisse erhalten werden.

Gut geeignet ist die Haaranalyse zum Nachweis einer Tabakrauch/Passivrauch-Belastung. Dabei ist folgendes zu beachten:

  • Generell werden mehrere Haarproben vom Hinterkopf entnommen (der Stirnhaarbereich von Rauchern erfährt eine deutlich höhere Schadstoffbelastung als der Hinterhaarbereich).
  • Für übliche Analysen wird kopfnahes Haar analysiert, da hier die Wahrscheinlichkeit einer exogenen Schadstoffexposition geringer ist.
  • Um das Analyseergebnis beurteilen zu können, sind folgende Zusatzinformationen wichtig: Haarfarbe, Verwendung von Shampoo, Haarpflege- und Haarfärbemitteln, Beruf, Rauchgewohnheiten und Medikamenteneinnahme.

Schlussfolgerungen

  • Der diagnostische Wert von Haarmineralanalysen ist begrenzt.
  • Haaranalysen am Individuum eignen sich zur Diagnostik von Vergiftungen, zum Nachweis der Einnahme bestimmter Arzneimittel und Drogen sowie zur halbquantitativen Abschätzung einer Tabakrauch- oder Passivrauchbelastung.
  • Eine Bestimmung des Mineral- bzw. Spurenelement-Status durch eine Haarmineralanalyse kann allenfalls Hinweise auf eine überhöhte oder verringerte Zufuhr dieser Substanzen liefern; dieser Verdacht ist durch entsprechende Blut- und Urinuntersuchungen abzuklären.
  • Als Screeningtest zur Feststellung der Belastung von Bevölkerungsgruppen mit einzelnen Schadstoffen bietet die Methode keine wesentlichen Vorteile gegenüber Blut- oder Urinuntersuchungen.

Im Februar 2005 hat die Kommission "Human-Biomonitoring" beim Umweltbundesamt zur Haaranalyse Stellung genommen. Ihre Schlußfolgerungen decken sich weitestgehend mit den hier gemachten Aussagen.

Autoren: Dr. M. Otto Prof. K.E. von Mühlendahl

Stand: November 2011

Nächste Aktualisierung: November 2012

Quellen und weiterführende Literatur

Drexler, H. und K.-H. Schaller (2002): Haaranalysen in der klinischen Umweltmedizin. Deutsches Ärzteblatt 99 (45); 2395-2397

Ewers, U., M. Kramer, und H. Körting (1992): Diagnostik der inneren Exposition (Human-Biomonitoring). In: Handbuch der Umweltmedizin (Hrsg. H.E Wichmann, H. W. Schlipköter, G. Füllgraf), Ecomed-Verlag, Landsberg

Hamilton, T., Schweinsberg F. (2003): Ergebnisse eines Ringversuchs mit Haarproben eines gesunden Probanden. Umweltmed. Forsch. Prax 8 (3) 123 - 130

HelmholtzZentrum München - Informationsstelle Humanbiomonitoring (2008): Human-Biomonitoring: Haaranalyse als Methode. www.helmholtz-muenchen.de/pdf/Haare.pdf

Kempson IM, Lombi E. (2011): Hair analysis as a biomonitor for toxicology, disease and health status. Chem Soc Rev. 40(7) S. 3915-40

Kommission "Human-Biomonitoring" des Umweltbundesamtes (2005): Haaranalyse in der Umweltmedizin. Bundesgesundheitsbl Gesundheitsforsch Gesundheitsschutz 48 (2): 246 - 250

Kruse-Jarres, J. D. (1997): Interpretation von Haaranalysen. Rückschlüsse auf den Stoffwechsel unmöglich. Dtsch Ärztebl. 94 (34/35); 2180 Wilhelm, M. und H. Idel (1996): Hair analysis in environmental medicine. Zbl Hyg 198: 485-501


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