Wie eine Quecksilberbelastung sich auf die Gesundheit auswirkt, hängt davon ab, welche Quecksilberform (elementar, anorganisch, organisch) aufgenommen wurde, und ob die Aufnahme
akutplötzlich, schnell (bei Krankheiten meist mit einem heftigen Verlauf einhergehend) oder
chronischder meist schleichend einsetzende und lange andauernde Verlauf einer Erkrankung erfolgt. Letztlich ist neben der insgesamt zugeführten Quecksilbermenge auch die Konzentration in den einzelnen Zielorganen entscheidend.
Die Inhalation großer Mengen von Quecksilberdampf schädigt zunächst die Lunge. Als kritisch gelten Konzentrationen von mehr als 1 Milligramm Quecksilber pro Kubikmeter Luft. Sie können zu Husten, Atemnot, ulzerierender Bronchitis und interstitieller Pneumonie führen. Kleinkinder sind besonders gefährdet.
Die orale Aufnahme von anorganischen Quecksilbersalzen macht sich schnell durch Metallgeschmack und vermehrten Speichelfluss (Hypersalivation) bemerkbar. Im weiteren Verlauf kommt es zu Verätzungen des gesamten Magen-Darm-Traktes mit Erbrechen und Durchfällen. Als Folge treten schwere Elektrolytverschiebungen auf, die zum Schock führen können. Ferner kommt es zu akutem Nierenversagen. Später kommen zentralnervöse Krankheitszeichen hinzu. Die tödliche Dosis für einen Erwachsenen liegt bei ca. 1 bis 4 Gramm.
Früher galten beruflich exponierte Menschen – etwa Hutmacher, die mit quecksilbergebeizten Fellen und Filz arbeiteten – allgemein als verrückt ("Mad Hatter" aus Alice im Wunderland). Viele neuere Erkenntnisse über die chronische Quecksilbervergiftung stammen ebenfalls aus der Arbeitsmedizin. Leitsymptome für eine lang andauernde inhalative Belastung mit Quecksilberdampf sind Tremor (beginnend mit feinschlägigem Fingerzittern), krankhaft gesteigerte Erregbarkeit und eine Entzündung der Schleimhaut der Zahnbögen (Gingivitis).
In weiteren arbeitsmedizinischen Untersuchungen zur chronischen Quecksilberintoxikation wurden Schäden an verschiedenen anderen Organen beobachtet. Betroffen sind etwa das Zentralnervensystem mit einer Beeinträchtigung des Kurzzeitgedächtnisses und der Koordinationsfähigkeit, das sensorische System mit Störungen des Farbsehens, das periphere Nervensystem, die Niere mit einer Glomerulonephritis infolge der Bildung von Immunkomplexen.
Selten kommt es auch zu einer Autoimmunerkrankung der Nieren. Darüber hinaus besteht die Gefahr der Sensibilisierung der Haut, allergische Reaktionen sind jedoch selten. Untersuchungen bei amalgamverarbeitenden Zahnärztinnen haben gezeigt, dass bei mangelhaften Arbeitsbedingungen die Fruchtbarkeit beeinträchtigt sein kann. Beim Kind führt die chronische
IntoxikationVergiftung zum - heute seltenen - Bild der Feer'schen Krankheit (Synonyma: Feer'sche Neurose, M. Selter-Swift-Feer, Akrodynie, Pink Disease).
Offensichtlich ist der Organismus, insbesondere das Gehirn, bei Kleinkindern empfindlicher gegenüber relativ geringen Quecksilbermengen, als das bei Erwachsenen der Fall ist. Es hat wiederholt Fallberichte über Kleinkinder gegeben, die bereits bei Urinkonzentrationen unterhalb von 50 Mikrogramm pro Liter schwere Krankheitsbilder entwickelt haben. Die Symptomatik wird von zerebralen, vegetativen und dermatologischen Symptomen geprägt: ausgeprägte Hypotonie, später Verweigerung von Gehen, Stehen und Sitzen, unlustiges, mürrisches, jämmerliches Verhalten, motorisch bedingte Apathie, Muskel- und Gliederschmerzen, Appetitverlust, Gewichtsabnahme, nächtliche Schlafstörungen, tags Somnolenz, vermehrtes Schwitzen, ausgeprägter Juckreiz, Blutdruckerhöhung, Lichtscheu; symmetrische Rötung (Akrodynie, Pink Disease) an der Nase und an Händen und Füßen (von Mühlendahl 1991 und 1995).
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Unsere Kenntnisse zur Gefährlichkeit organischer Quecksilberverbindungen stammen vorwiegend aus zwei Umweltkatastrophen: der illegalen Einleitung von Quecksilberverbindungen in die Minamatabucht (Japan) und der Massenvergiftung im Irak durch quecksilbergebeiztes Saatgut, das irrtümlich zur Brotherstellung verwendet wurde.
Organische Quecksilberverbindungen wirken hauptsächlich auf das Nervensystem. Es kommt zu Sehstörungen (verschwommenes Sehen, Einschränkung des Sehfeldes), Hörstörungen (Hörverlust, Einschränkungen im Wortverständnis) und Sensibilitätsstörungen (Finger, Zehen), gefolgt von Problemen beim Gehen und der Armmotorik (s. Übersicht bei F. Schweinsberg, 2002).
Die Übergänge zwischen akuter und chronischer Vergiftung sind fließend. Während der Schwangerschaft aufgenommenes organisches Quecksilber beeinträchtigt die Kindesentwicklung. Die Auswirkungen auf das Ungeborene sind in mehreren Studien gut untersucht worden. Kinder weisen eine im Vergleich zu Erwachsenen 5 – 10-fach erhöhte Empfindlichkeit gegenüber organischem Quecksilber auf, die sich in motorischen und kognitiven Entwicklungsstörungen äußert:
"Erste Symptome waren verzögertes Gehen- und Sprechenlernen. Bei vier- bis siebenjährigen Kindern belasteter Mütter wurden Hörverluste, erhöhter Muskeltonus in den Beinen, gesteigerter Sehnenreflex (nur bei Jungen) und Ataxie festgestellt. Die empfindlichsten Reaktionen wurden bei Siebenjährigen in neurophysiologischen Tests beobachtet (...)." (Kommision Humanbiomonitoring 1999).
In zwei großen, auf den Färöer Inseln und den Seychellen durchgeführten Studien ist der Frage

nachgegangen worden, welchen Einfluss der regelmäßige Konsum deutlich quecksilberbelasteter Fische und Meeresfrüchte (mittlerer Gehalt ca. 0,3 Milligramm pro Kilogramm Fisch) während der Schwangerschaft auf die Kindesentwicklung hat. Die Färöer-Studie lieferte Hinweise darauf, dass es mit zunehmender Quecksilberkonzentration zu Entwicklungsdefiziten bei den Kindern kommt: bei 7-Jährigen zeigten sich Auffälligkeiten in neuropsychologischen Tests, wenn der (Organo)-Quecksilbergehalt im Haar der Mutter 10 Milligramm pro Kilogramm überstieg. Veränderungen im Bereich von Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Sprache traten bereits bei noch geringeren Werten auf.
Warum derartige Entwicklungsstörungen in der Seychellen-Studie nicht beobachtet wurden, ist bisher nicht geklärt.
Dentalamalgam: die von Dentalamalgamen freigesetzten Quecksilbermengen sind viel zu gering, um eine Quecksilbervergiftung im beschriebenen Sinne auszulösen. Einzelne Wissenschaftler ( vgl. z.B. J. Mutter und Mitarbeiter 2004, 2005) vertreten hier eine andere Meinung, die jedoch nicht unwidersprochen blieb (von Mühlendahl 2004).
Autoren: Dr. M. Otto, Prof. K. E. von Mühlendahl
Stand: September 2009
Nächste Aktualisierung: September 2010
Arbeitsgemeinschaft Zahngesundheit (Heidelberg) www.agz-rnk.de (zuletzt aufgerufen im Juli 2009)
Halbach S. (2005) : [Amalgam: a risk assessment using a review of the latest literature through
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Kommentare zu diesem Artikel:
1. Zs. Gesundheitswesen. 2006 68(4), e1-6, e6-15.
2. von Mühlendahl KE. Int J Hyg Environ Health. 2005, 208(5) S. 435
von Mühlendahl, K. E., U. Oberdisse, R. Bunjes und S. Ritter (1995): Vergiftungen im Kindesalter. Ferdinand Enke Verlag Stuttgart; S. 201 und 295
von Mühlendahl, K. E. (1991): Die Feer'sche Krankheit. Monatsschr. Kinderheilkd. 139; 224-227
Schweinsberg, F. (2002): Bedeutung von Quecksilber in der Umweltmedizin - eine Übersicht. Umweltmed Forsch Prax 7 (5); 263-278
Schweinsberg, F. (2002): Methylquecksilber in Fisch: Aufnahme durch den Menschen und Fallbeschreibungen. Umweltmed Forsch Prax 7 (6); 328-330
Tan, D.K. & Mullins, M.E. (2008) Mercury toxicity. http://emedicine.medscape.com/article/1009691-overview
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