Beide Begriffe nehmen eine besondere Empfindlichkeit des Körpers gegenüber elektromagnetischen Feldern (EMF) an. Aus diesem Grund wird gelegentlich auch der Begriff " elektromagnetische Hypersensibilität" (oft mit "electromagnetic hypersensitivity" übersetzt) verwendet.
Beide Begriffe sollen unterschiedliche Auswirkungen auf die Gesundheit beschreiben:
Elektrosensibilität ist die (selbst berichtete) Fähigkeit, elektrische und elektromagnetische Felder besser als der Bevölkerungsdurchschnitt wahrzunehmen - ohne daß dies mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen verbunden sein muss.
Elektrosensitivität bedeutet die Entwicklung von Krankheitssymptomen als Folge der Einwirkung elektrischer und elektromagnetischer Felder. Gelegentlich wird darunter allein die Überzeugung verstanden, "dass elektrische und elektromagnetische Felder krank machen würden".
Leider werden sowohl in der Fachwelt als auch in der Öffentlichkeit beide Begriffe auch mit genau umgekehrter Bedeutung verwendet, was die Verständigung über dieses schwierige Thema erschwert und Mißverständnisse hervorrufen kann.
Die oben angeführte Definition entspricht dem Vorschlag von Prof. N. Leitgeb und der Verwendung der Begriffe im Datenblatt Nr. 296 der Weltgesundheitsorganisation zu diesem Thema.
Elektrosensitivität ist durch eine Reihe nicht spezifischer Symptome charakterisiert.
Diese umfassen dermatologische (Hautrötung, Kribbeln) und neurasthenische/vegetative Symptome (Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, Schwindel, Herzklopfen, Verdauungsprobleme). Die Symptome sind bei den Betroffenen real vorhanden, können aber in ihrer Stärke und Ausprägung variieren.
In skandinavischen Ländern und in Deutschland wird häufiger als z.B. in Großbritannien, Österreich und Frankreich über Elektrosensitivität geklagt.
Die meisten der bisher durchgeführten Studien deuten darauf hin, dass Personen mit selbstberichteter Elektrosensibilität elektromagnetische Felder mit der gleichen (Un-)Genauigkeit wahrnehmen, wie Nichtbetroffene dies können.
Unter kontrollierten Bedingungen durchgeführte Doppelblindstudien zeigen, dass die geschilderten Symptome mit der Höhe der EMF-Belastung nicht im Zusammenhang stehen. Auch die von Prof. Leitgeb betreute EPROS-Studie zur Schlafqualität bei elektrosensiblen Anwohnern von Basisstationen unter häuslichen Bedingungen hat keine belastbaren Beweise für EMF-bedingte Schlafstörungen erbracht.
Möglicherweise spiegeln die den elektromagnetischen Feldern zugeschriebenen Beschwerden eher ungünstige Arbeitsbedingungen (z. B. Computerarbeitsplatz, flackerndes Licht, Stress) oder Innenraumprobleme (Schimmel, Innenraumluft, Infraschall usw.) wieder.
Elektrosensitivität ähnelt in vielerlei Hinsicht der Multiplen Chemikalienempfindlichkeit (MCS). Beiden ist gemeinsam, dass ihre Symptome eher unspezifisch sind und eine toxikologische Basis bzw. ein plausibler Wirkmechanismus fehlen.
Im Deutschen Mobilfunk-Forschungsprogramm wurde das Phänomen "Elektrosensibilität/-sensitivität" epidemiologisch und an Probanden näher untersucht:
Die Langfassung enthält Zusammenfassungen der jeweiligen Studienergebnisse.
Letztlich kommen alle 3 Studien zu dem Schluss, dass ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Beschwerden der Betroffenen und den (hochfrequenten) elektromagnetischen Feldern mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden kann. Gleichzeitig darf der (oftmals erhebliche) Leidensdruck der Betroffenen ärztlicherseits nicht negiert werden.
G. Berg-Beckhoff et al. (2010) an der Universität Bielefeld haben untersucht, wie Allgemeinmediziner die Risiken durch elektromagnetische Felder einschätzen. Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, daß bei dieser Arztgruppe bei Wissensfragen zu Eigenschaften und Risiken von
EMFelektromagnetische Felder erhebliche Wissenslücken bestehen.
Vielfach würde, wenn der Patient über EMF-assoziierte Beschwerden klagte, zu einer Entfernung der betreffenden Geräte oder gar zu einem Umzug geraten. Das bestärkt den Patienten in seiner Vermutung über die Ursachen seiner Beschwerden und bürdet ihm sachlich nicht gerechtfertigte Maßnahmen mit erheblichen Konsequenzen für das eigene Leben auf. Natürlich besteht dabei auch die Möglichkeit, daß die wirklichen Ursachen für seine Beschwerden nicht gesucht oder erkannt werden.
Hier besteht erheblicher Bedarf für die ärztlicher Fortbildung.
Im Bereich der Hausinstallation lassen sich sinnvolle Maßnahmen benennen, deren Umsetzung aber dem Fachmann vorbehalten ist:
Weitere denkbare Maßnahmen zur Verringerung elektrischer Wechselfelder beinhalten:
Hinweis: Netzfreischalter reduzieren das elektrische Feld nur etwa um den Faktor 20, da weiterhin eine Hilfsspannung von ca. 2 - 10 Volt weiterhin anliegt.
Wenig sinnvolle Maßnahmen sind:
Insgesamt können diese Maßnahmen für manche Patienten ein Weg sein, um mit den Beschwerden umzugehen und den Leidensdruck zu verringern. Es sollte allerdings immer bedacht werden, dass hierbei nur die elektrischen Felder verringert werden, die als unkritisch angesehen werden. Magnetische Felder lassen sich nicht auf einfache Weise abschirmen.
Aufwendige Abschirmungskonzepte zum Schutz vor "elektromagnetischen Feldern", wie sie von manchen Baubiologen angeboten werden, sollten sehr kritisch hinterfragt werden ! Das BfS hat hierzu im Oktober 2006 eine Stellungnahme veröffentlicht.
Autoren: Dr. M. Otto, Prof. K. E. von Mühlendahl
Stand: Dezember 2010
Nächste Aktualisierung: Dezember 2011
Berg-Beckhoff, G. et al. Wie schätzen Allgemeinmediziner die Risiken durch elektromagnetische Felder ein ? Deutsches Ärzteblatt 107, (19. November 2010) Heft 46, S. 817 - 823
David, E. und G. Hosemann (2001): Stress durch elektromagnetische Felder? - Sieben Fragen, 14 Antworten. Umweltmed Forsch Prax 6 (1): 9-13
David E., J. Reißenweber, A. Woytysiak und M. Pfotenhauer (2002): Das Phänomen der Elektrosensibilität. Umweltmed Forsch Prax 7 (1); 7-16
Deutsches Mobilfunk-Forschungsprogramm (2008): www.emf-forschungsprogramm.de/forschung/biologie/biologie_abges (1. TU Graz., 2. Bezirksklinikum Regensburg, 3. Univ. Mainz)
emf-Portal (2006): www.emf-portal.org/
Katalyse-Institut f. angewandte Umweltforschung e.V. (2005): Bericht im Rahmen des Deutschen Mobilfunk-Forschungsprogramms
Leitgeb, N. (2000): Machen elektromagnetische Felder krank? Springer-Verlag, Wien (lesenswert !)
Leitgeb, N. und J. Schrottner (2003): Electrosensibility and electromagnetic hypersensititvity. Bioelectromagnetics 24 (6); 387-94
Leitgeb, N. (Februar 2006): EPROS-Studie EPROS Deutschland - Untersuchung der Schlafqualität bei elektrosensiblen Anwohnern von Basisstationen unter häuslichen Bedingungen
Radon, K. und Ch. Maschke (1998): Gibt es Elektrosensibilität im D-Netzbereich. Umweltmed Forsch Prax 3 (3): 125-129
Reißenweber, J. (August 2004): Suche nach einem neuen Forschungsansatz zur Erklärung des Phänomens der Elektrosensibilität www.innovations-report.de/html/berichte/medizin_gesundheit/bericht-32219.html
Röösli, M. und Mitarbeiter (2004): Symptoms of ill health ascribed to electromagnetic field exposure - a questionnaire survey. Int. J. Hyg. Environ. Health 207: 141 - 150
Ruppe, I. und E. Vogel (1999): Lösen schwache elektromagnetische Felder subjektive Symptome aus und haben diese gesundheitliche Folgen? Umweltmed Forsch Prax 4 (1): 56-57
Seitz, H., Eikmann, Th. und Röösli, M. (2006): Elektromagnetische Hypersensibilität (EHS) und Befiundlichkeitsstörungen durch elektromagnetische Felder des Mobilfunks - eine Literaturstudie. Umweltmed Forsch Prax 11 (2) S. 71 - 79
Wölfle, R. D.: EMVU-Informationsseite www.ralf-woelfle.de/elektrosmog/
WHO (Dez. 2005) Factsheet 296
Die Angaben zur Häufigkeit der (selbst berichteten) Elektrosensibilität in der Allgemeinbevölkerung variieren stark. Arbeitsmediziner schätzen sie auf einige wenige Personen pro 1 Million Einwohner. Betroffene und Selbsthilfegruppen geben eine Häufigkeit von bis zu 10 Prozent der Bevölkerung an.
Auffällig ist, dass die Häufigkeit von Land zu Land unterschiedlich ist. Höhere Angaben finden sich in skandinavischen Ländern und in Deutschland, während sie in Großbritannien, Österreich und Frankreich eher geringer sind.