Bei Patienten mit Allergien, vor allem mit einer Pollenallergie oder Sensibilisierung auf Pollen, kann es beim Genuss bestimmter Nahrungsmittel zu allergischen Reaktionen an der Mundschleimhaut und im Bereich des Magen-Darmtraktes kommen. Die verschiedenen Symptome werden unter dem Begriff "orales Allergiesyndrom" (kurz OAS) zusammengefasst (Reimann 2000).
Symptome
Die Symptome sind Brennen im Mund, Schwellung der Zunge, Taubheit und Schwellung der Lippen bis zu Schwellungen im Kehlkopfbereich, die auch Atemnot verursachen können. Gerade während der Pollenflugzeit können diese Reaktionen verstärkt auftreten (Reimann 2000).

Häufigkeit
Die Häufigkeit von Nahrungsmittelallergien bei Erwachsenen wird unterschiedlich angegeben und schwankt zwischen 0,8 und 2,4 Prozent. Bei Patienten mit einer Pollenallergie (vor allem gegen Baumpollen) werden Symptome des oralen Allergiesyndroms in den letzten Jahren häufiger beschrieben. Bis zu 60 Prozent der Birkenallergiker geben auch Symptome des oralen Allergiesyndroms auf Nahrungsmittel wie Äpfel und Nüsse an (Frei 1998).
Die Ursache dafür ist nicht eindeutig geklärt. Es wurde beobachtet, dass mehr Patienten nur Sensibilisierungen gegen Baumpollen aufweisen (Oertmann 1997). Eine Zunahme stark Allergie auslösender Baumpollen wurde gezeigt (Frei 1998). Wie es dazu kommt, ist noch nicht eindeutig geklärt. Diskutiert werden als Ursachen
Daneben scheint für einige Patienten auch eine genetische Bereitschaft (Disposition) mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung eines oralen Allergiesyndroms verbunden zu sein (Boehncke 1998).
Wie kommt es zu den Reaktionen? - Kreuzreaktionen zwischen Allergenen
Die Allergene bestimmter Nahrungsmittel und andere Allergene, vor allem von Pollen, sind sich chemisch ähnlich. Dadurch kommt es zu einer Kreuzreaktion zwischen diesen Allergenen. Patienten, die gegen Beifuß und Birke sensibilisiert sind, haben am häufigsten mit diesen pollenassoziierten Nahrungsmittelreaktionen zu kämpfen, zum Beispiel gegen Sellerie und Obst (siehe Tabelle unten) (Reimann 2000).
Die Reaktionen bleiben oft nicht auf ein Nahrungsmittel beschränkt, sondern treten bei mehreren Nahrungsmitteln auf, die die kreuzreagierenden Allergene ebenfalls enthalten. Solche häufig auftretenden Symptomkombinationen werden mit speziellen Namen wie Sellerie-Karotten-Beifuß-Gewürz-Syndrom oder Birkenpollen-Nuß-Obst-Syndrom beschrieben. Innerhalb einer biologischen Familie sind Kreuzreaktionen verständlich. Aber nicht immer muss eine biologische Verwandtschaft zwischen den Allergenen bestehen, wie zum Beispiel zwischen Gräsern und Getreide, bei denen es sehr häufig zu Kreuzreaktionen kommt. Es gibt auch Kreuzreaktionen, die bei nicht verwandten Arten auftreten können und bei denen man diese nicht sofort vermutet.
Kreuzreaktionen sind ebenfalls zwischen Nahrungsmitteln und Allergenen möglich, die nicht zu den Pollen gehören, wie Latex (Früchte), Hausstaubmilben (Schalentiere) und Vogelfedern (Ei) (Escribano 1998).
Die Tabelle gibt einige der bekannten und häufig auftretenden Kreuzreaktionen wieder (Modifiziert nach (Reimann 2000):
| Name | Allergen | Möglicherweise kreuzreagierende Nahrungsmittel |
| Birkenpollen-Nuss-Obst-Syndrom und weitere Kreuzreaktionen zu anderen Pflanzenfamilien | Birkenpollen- allergene Bet v 1 Bet v 2 |
Haselnussgewächse: Haselnuss; Rosengewächse: Apfel, Birne, Pfirsich, Aprikose, Kirsche, Pflaume, Mandel; Bananengewächse: Bananen; Doldenblütler: Sellerie, Karotte, Fenchel, Dill, Anis, Koriander, Kümmel, Liebstöckel; Nachtschattengewächse: Tomate, Kartoffel, Chilipfeffer; Sumachgewächse: Mango, Pistazien, Cashewnüsse; Lorbeergewächse: Kiwi, Litschi, Avocado; Lippenblütler: Basilikum, Majoran, Oregano, Thymian, Pfefferminz; |
| Beifuß-Sellerie-Gewürz-Syndrom und weitere Kreuzreaktionen | Beifußpollen- allergene | Doldenblütler: Sellerie, Karotte, Fenchel, Dill, Anis, Koriander, Kümmel, Liebstöckel; Nachtschattengewächse: Tomate, Kartoffel, Chilipfeffer; Pfeffergewächse: Schwarzer und grüner Pfeffer; Sumachgewächse: Mango, Pistazien, Cashewnüsse; Lorbeergewächse: Kiwi, Litschi, Avocado; Lippenblütler: Basilikum, Majoran, Oregano, Thymian, Pfefferminz; Korbblütler: Artischocke, Sonnenblume, Estragon, Kamille, Wermut, Löwenzahn, Traubenkraut; Kürbisgewächse: Kürbis, Gurke, Melone |
| Gräser-Getreide-Reaktionen | Gräser- allergene | Getreide: Roggen, Weizen; Hülsenfrüchte: Erbse, Erdnuss, Linse, Sojabohne)Banane, Tomate Kürbisgewächse: Kürbis, Gurke, Melone Nachtschattengewächse: Tomate, Kartoffel, Chilipfeffer; Lippenblütler: Basilikum, Majoran, Oregano, Thymian, Pfefferminz; Korbblütler: Artischocke, |
| Traubenkraut (Ragweed)-Bananen-Melonen-Syndrom | Traubenkrautspollen- allergene | Banane, Melonen, Curry |
| Milben-Schalentier(Schnecken)-Syndrom | Hausstaubmilben- allergen Tropomyosin | Garnelen, Hummer, Languste, Krebs, Schnecken |
| Latex- Frucht-Syndrom | Latexallergen Hev b1 | Avocado, Banane, Kiwi, Papaya, Pfirsich, Melone, Birne, Feige, Passionsfrucht, Esskastanie, Haselnuss, Kartoffel, Tomate, Sellerie, Buchweizen |
| Vogel-Ei-Syndrom | Vogelfedern allergen alpha-Livetin | Hühnerei (Dotter), Hühnerfleisch |
Wichtig aber ist, dass
Viele Patienten mit OAS stellen fest, dass sie gekochtes und zubereitetes Obst und Gemüse deutlich besser vertragen als im rohen Zustand. Dies ist verständlich, da viele der in den frischen Obst- und Gemüsesorten enthaltenen Allergene durch das Kochen und die Zubereitung verändert, somit nicht mehr vom Körper als fremdes Allergen erkannt werden und deshalb nicht zu allergischen Reaktionen führen, d.h. sie sind hitzelabil. Dies trifft allerdings auf viele Gewürze und Sellerie nur bedingt zu. Sellerieallergene sind oftmals sehr hitzestabil und werden häufig auch im gekochten Zustand nicht vertragen.
Auch zwischen den Sorten einzelner Nahrungsmittel gibt es Unterschiede im Allergengehalt. So wird z.B. nicht jeder Apfel gleich gut oder schlecht von allen Birkenallergikern mit OAS vertragen. Sorten wie Golden Delicius und Granny Smith sind deutlich allergenreicher als z.B. Cox Orange, Goldparmäne, Boskop oder Grafensteiner. Ein geschälter Apfel enthält weniger Allergene, da diese sich vor allem unterhalb der Schale befinden und durch das Schälen entfernt werden können. Ein geraspelter Apfel oder stark erhitzter Apfel verliert seine Allergene durch Denaturierung (Buchart 2001).
Diagnostik
Die Diagnose ist in vielen Fällen einfach, weil nach dem Genuss von Nahrungsmitteln sofort die typischen Symptome auftreten. Um die Pollenallergie und auch die kreuzreagierenden Nahrungsmittel auszutesten, bieten sich gängige Allergieteste wie Pricktest und Bestimmung des spezischen IgE an. Sie geben ausreichende Sicherheit. Bei der Klärung der auslösenden Nahrungsmittel (zum Beispiel Karotte, Sellerie, Kirsch, Apfel, Tomate, Orange und Pfirsich) kann es im Einzelfall sinnvoll und genauer sein, Hauttests mit den frischen, unverarbeiteten Nahrungsmitteln in einem "Prick in Prick-Test durchzuführen (Ortolani 1999).
Therapie des Oralen Allergie Syndroms
Als Therapie des oralen Allergiesyndroms bleibt zunächst nur die Meidung des auslösenden Allergens, also des entsprechenden Nahrungsmittels. Auftretende Symptome müssen je nach Ausprägung entsprechend mit Medikamenten (wie z.B. Antihistaminika) behandelt werden.
Die einzige Möglichkeit, die Ursache einer Allergie zu bekämpfen, besteht in der spezifischen Immuntherapie (Hyposensibilisierung). Sie verläuft bei mehr als zwei Dritteln der Patienten mit einer Pollenallergie erfolgreich und führt langfristig zu einer Verbesserung der Beschwerden (Leitlinie Hyposensibilisierung 2009).
Auf orale Allergiesymptome wirkt sich die Hyposensibilisierung allerdings nur bedingt aus. 10 bis 30 Prozent, in einigen Studien auch 50 Prozent der Patienten berichten über eine Besserung der oralen Allergiesymptome (Henzgen 1997, Henzgen 2005). Insbesondere für Patienten mit Baumpollenallergie stehen die Chancen gut (Lepp 2002). Herzgen (Henzgen 2001) führte eine Untersuchung an 40 Patienten mit einer Pollenallergie gegen Hasel, Birke durch. Von ihnen wiesen 31 (also 78 Prozent) eine Unverträglichkeit gegen Nahrungsmittel auf, speziell gegen Äpfel und Haselnüsse. Nach Abschluß der dreijährigen Immuntherapie gaben 74 Prozent eine Besserung der Pollensymptome und 53 Prozent (6 von 31 Patienten) vertrugen bestimmte Nahrungsmittel besser.
Bei dem Latex-Frucht-Syndrom, dem Milben-Schalentier-Syndrom und auch dem Vogel-Ein-Syndrom bleibt allerdings nur die Meidung der entsprechenden Nahrungsmittel. Der Grund: Entweder ist keine spezifische Immuntherapie verfügbar (Latex, Vogel) oder die Immuntherapie könnte im Einzelfall sogar ein Risiko für die Entwicklung des oralen Allergiesyndroms darstellen (Hausstaubmilben) (Sidenius 2001).
Für Patienten mit OAS ist es nicht immer einfach, unverträgliche Nahrungsmittel zu meiden. Mögliche Kreuzreaktionen sind nicht immer genau bekannt. Auf den Lebensmitteln sind die Inhaltsstoffe nicht immer ausreichend gekennzeichnet. Es gibt aber gute vertiefende Literatur mit Hintergrundinformationen und Rezepten, die weiterhelfen können.
Seit November 2007 müssen laut der EU-Richtlinie 2007/68/EG die 14 häufigsten Auslöser für Lebensmittelallergien und -unverträglichkeiten in der Zutatenliste eines Lebensmittels aufgelistet werden:
Gelangen jedoch unbeabsichtigt Spuren der Allergene in ein Lebensmittel, so ist es bislang den Herstellern überlassen, ihre Produkte für Allergiker entsprechend zu beschriften. Eine gesetzliche Regelung existiert hier nicht. Vorsorglich kennzeichnet die Lebensmittelindustrie ihre Produkte mit Hinweisen wie „Kann Spuren von Erdnüssen enthalten“ oder „In unserem Betrieb wird auch Fisch verarbeitet“, obwohl nicht gesichert ist, ob die Allergene im Produkt enthalten sind. Für Allergiker kann das eine erhebliche Einschränkung in der Produktauswahl bedeuten.
Unverpackte Lebensmittel oder Speisen im Restaurant unterliegen keiner Kennzeichnungspflicht.
Eine kleine Auswahl an hilfreicher Literatur:
Buchart, Karin; Frömel, Wolfgang: Nahrungsmittelallergie endlich im Griff. Praktischer Leitfaden zum Umgang mit Nahrungsmittelallergien und –intoleranzen. Januar 2001; 1. Auflage; ISBN 3-8311-1242-8
Lebensmittel Intoleranz Datenbank der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung: Lebensmittelintoleranzdatenbank
Informationen des Deutschen Allergie- und Asthmabundes im Internet: Lebensmittelallergie
Informationen des Polleninformationsdienstes zur Pollenallergie und zum Oralen Allergie Syndrom: www.pollenstiftung.de
Henzgen, M.; Vieths St.; Reese, I; Erdmann St. et al: Nahrungsmittelallergien durch immunologische Kreuzreaktionen. Leitlinie der Arbeitsgruppe Nahrungsmittelallergie der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und kliniksche Immunologie (DGAI) und des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen (ÄDA). Allergo J 2005; 14: 48-59.
Autor: Dr. Sabine Schmidt, aktualisiert durch J. Linnemann
Letzte Aktualisierung: August 2011
Reimann, S.; Worm, M.; Sterry, W.; Zuberbier, T.: Pollenassoziierte Nahrungsmittelallergien - Orales Allergie-Syndrom. Zeitschrift für Hautkrankheiten 2000; 75: 8-16.
Frei, Th.; Oertmann, Ch.; Bergmann, K-Ch.: Vergleich von Pollenflugdaten und pollenassoziiertem oralem Allergie-Syndrom. Allergologie1998; 21: 98-104.
Oertmann, Chr.; Bergmann, K.-Chr.: Die Zunahme des pollenassoziierten oralen Allergie-Syndroms - Marker für einen Wandel innerhalb der Pollinose. Allergologie 1997; 20: 611-619.
Boehncke, W.-H.; Kalbacher, H.; Gall, H.: Identification of HLA-DR and -DQ allesles conferring susceptibility to pollen allergy and pollen associated food allergy. Clinical Experimental Allergy 1998; 28: 434-441.
Escribano, M.M.; Munoz-Bellido, F.-J.; de la Calle, A.: Oral allergy syndrome to bird meat associated with egg intolerance. Allergy 1998; 53: 903-904.
Buchart, Karin, Frömel, Wolfgang: Nahrungsmittelallergie endlich im Griff. Praktischer Leitfaden zum Umgang mit Nahrungsmittelallergien und –intoleranzen. Januar 2001; 1. Auflage; ISBN 3-8311-1242-8
Ortolani, C.; Ispano, M.; Pastorello, EA: Comparison of results of skin prick tests (with fresh foods and commercial food extracts) and RAST in 100 patients with oral allergy syndrome. Journal of Allergy and Clinical Immunology 1999; 83: 683-690.
Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Immunologie (DGAI): Die spezifische Immuntherapie (Hyposensibilisierung) mit Allergenen bei IgE-vermittelten allergischen Erkrankungen.Allergo J 2009; 18: 508-37. Im Internet unter: Leitlinie
Henzgen, M.: Hyposensibilisierung bei Nahrungsmittelallergie Allergo Journal 1997; 2 (4):75-76.
Henzgen, M.; Schlenvoigt, G.; Diener, C.; Jäger, L.: Nahrungsmittelallergie bei Frühblüherpollinosis und deren Beeinflussung mittels Hyposensibilisierung. Allergologie 199114:90-94.Meglio, P.; Falagiani, P.; Rossi, P.: Does SIT to Der p protect from snail sensitization? Allergy 2002; 57: 868-869.
Henzgen, M.; Vieths St.; Reese, I; Erdmann St. et al: Nahrungsmittelallergien durch immunologische Kreuzreaktionen. Leitlinie der Arbeitsgruppe Nahrungsmittelallergie der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und kliniksche Immunologie (DGAI) und des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen (ÄDA). Allergo J 2005; 14: 48-59.
Lepp U et. al: Therapiemöglichkeiten bei der IgE-vermittelten Nahrungsmittelallergie. Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI) unter Beteiligung der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DGG), des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen (ÄDA) und der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin. Allergo Journal 2010; 19: 187-95. Abgerufen am 10. August 2011 von Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF): www.awmf.org
Sidenius, K. E.;Poulsen, L. K.;Mosbech, H.: Allergen cross-reactivity between house-dust mites and other invertebrates Allergy 2001; 56: 723-733.
Richtlinie 2007/68/EG der Kommission vom 27. November 2007 zur Änderung von Anhang IIIa der Richtlinie 2000/13/EG des Europäischen Parlaments und des Rates hinsichtlich bestimmter Lebensmittelzutaten. Online verfügbar. Zuletzt abgerufen am 27. August 2010.