
Eine schwedische Untersuchung vom April 2002 zum Acrylamidgehalt in Lebensmitteln hat gezeigt, dass nennenswerte Acrylamid-Mengen in stärkehaltigen gebratenen, gebackenen oder fritierten Lebensmitteln vorkommen. Deutlich bis hoch belastet waren Kartoffelchips und Pommes frites, Kekse, Kräcker, Knäckebrot und Frühstückscerealien. Fleisch, Fisch und Gemüse in gebratener Form waren wenig belastet. In gekochten und rohen Lebensmitteln wurde kein Acrylamid gefunden.
In Deutschland untersucht das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) Lebensmittel systematisch auf ihren Acrylamidgehalt und veröffentlicht die Ergebnisse im Internet.
Zwischen Produkten verschiedener Hersteller und auch zwischen einzelnen Produktchargen bestehen große Unterschiede. Diese schlagen sich in der erheblichen Schwankungsbreite der Analysewerte nieder. Testergebnisse finden sich in der Zeitschrift "Test" der Stiftung Warentest (Heft 2/2003, Heft 12/2003, Heft 5/2004, im Pommes-Frites-Test vom Februar 2007 im Heft 3/2007). Auch die Zeitschrift "Ökotest" hat in den Ausgaben 4/2003 und 12/2004 ihre Testergebnisse veröffentlicht.
>> Persönliche Acrylamid-Aufnahme abschätzen
In einer Studie des Gesundheitsamtes der Stadt Frankfurt von September 2007 wurde erstmals die innere Acrylamid-Belastung von Kindern durch Bestimmung der Acrylamid-Stoffwechselprodukte im Urin untersucht und die Aufnahmewege ermittelt. Es zeigten sich signifikante Zusammenhänge zwischen einer hohen Konzentration dieser Stoffwechselprodukte im Urin und dem angegebenen häufigen Verzehr von Pommes oder von frittierten Lebensmitteln.
Acrylamid bildet sich, wenn stärkehaltige Lebensmittel ohne Wasserzusatz in Gegenwart von Eiweiß auf Temperaturen über 120 Grad C erhitzt werden. Das Temperaturoptimum für die Acrylamid-Bildung liegt bei 180 Grad C. Bei trockener Erhitzung reagieren die aus der Stärke stammenden Zucker in einer so genannte Maillard-Reaktion mit Aminosäuren, insbesondere mit Asparagin. Die Maillard-Reaktion ist übrigens auch für die Bildung von Bräunungs- und Geschmacksstoffen verantwortlich.
Inzwischen hat man herausgefunden, dass beim Brotbacken bzw. Rösten von Toast ein weiterer Schadstoff, das so genannte 3-MCPD entstehen kann. 3-MCPD (chemisch: 3-Monochlorpropandiol) bildet sich, wenn fett- und salzhaltige Lebensmittel erhitzt werden.
Die in der Übersicht genannten Lebensmittel werden zum Teil seit vielen Jahrhunderten zubereitet und verzehrt. Daher handelt es sich bei der Acrylamid-Belastung um ein lange bestehendes Problem, das erst mit Mitteln der modernen Analytik aufgedeckt wurde. Die nun vorliegenden Kenntnisse über den wahrscheinlichen Entstehungsweg des Acrylamids versetzen Lebensmittelhersteller und Verbraucher gleichermaßen in die Lage, diesen Vorgang weitgehend zu verhindern.
Acrylamid ist gut wasserlöslich, wird gut resorbiert und im Körper schnell und gleichmäßig verteilt. Eine endogene Bildung im Körper selbst findet nicht statt.
Im Stoffwechsel entsteht aus Acrylamid die Verbindung Glycidamid. Diese gilt als die eigentliche krebserzeugende Verbindung (siehe auch BfR 2009). Acrylamid und insbesondere Glycidamid reagieren mit körpereigenen Proteinen und körpereigener DNA. Die Ausscheidung von Acrylamid, Glycidamid und seiner weiteren Stoffwechselprodukte ("Merkaptursäuren") erfolgt im Verlauf weniger Stunden vorwiegend über den Urin. Acrylamid findet sich auch in der Muttermilch und geht auf den Föten über.
Für Acrylamid sind eine nervenschädigende Wirkung, eine Beeinträchtigung der Fruchtbarkeit und eine krebserzeugende Wirkung bekannt.
Einzelheiten hierzu finden sich im Informationstext "Acrylamid". Acrylamid gehört zu den wenigen Stoffen, für die gezeigt werden kann, dass der erbgutverändernde (mutagene) Effekt auch vererbt werden kann.
Der Acrylamid-Gehalt in Lebensmitteln ist derzeit nicht gesetzlich geregelt. Vom ehemaligen Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin BgVV wurde ein Aktionswert von 1000 Mikrogramm pro Kilogramm Lebensmittel empfohlen. Dieser Aktionswert wird durch produktgruppenspezifische Signalwerte ergänzt. Neuerdings (2011) werden von der EU europaweit einheitliche Richtwerte ("indicative values") veröffentlicht.
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Lebensmittel |
Signalwert (Mikrogramm pro Kilogramm) |
| Feine Backwaren aus Mürbeteig | 260 |
| Frühstückscerealien | 260 |
| Kaffee, geröstet | 280 |
| Kartoffelchips | 790 |
| Knäckebrot | 480 |
| Pommes Frites, zubereitet | 530 |
| Kartoffelpuffer, zubereitet | 870 |
| Lebkuchen und Lebkuchen-haltige Gebäcke | 1000 |
| Spekulatius | 300 |
| Zwieback und Kinderkekse | 160 |
| Diabetikerdauerbackwaren | 450 |
| Kaffeeextrakt | 900 |
| Kaffeeersatz | 1000 |
Für drei Produktgruppen (Feine Backwaren aus Mürbeteig, Diabetikerbackwaren und Pommes frites) sind im Januar 2007 zusätzlich so genannte Beobachtungswerte geschaffen worden.
Aus Lebensmittelverpackungen dürfen nicht mehr als 10 Mikrogramm Acrylamid pro Kilogramm Lebensmittel übergehen.
Möglicherweise beeinflusst der Acrylamidgehalt einiger Lebensmittel das Krebsgeschehen in der Bevölkerung, eine genaue Risikoabschätzung ist zur Zeit jedoch nicht möglich.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung hält an seiner Einschätzung fest, nach der Acrylamid ein ernstzunehmendes Risiko für den Menschen darstellt.
Der jetzige Erkenntnisstand begründet ein Minimierungsgebot (ALARA = "as low as reasonably achievable" = "soweit wie vernünftigerweise machbar") und gesetzlichen Regelungsbedarf.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat eine Anleitung und ein Tabellenkalkulationsprogramm ins Internet gestellt, mit deren Hilfe die persönliche Acrylamidaufnahme über Lebensmittel abgeschätzt werden kann.
Acrylamid in Lebensmitteln - ernstes Problem oder überschätzte Gefahr? Umweltmed Forsch Prax 7 (5); 288 (2002)
BfR (2007): Expositionsabschätzung Acrylamid unter www.bfr.bund.de
Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (2011) Acrylamid. http://www.bvl.bund.de/DE/01_Lebensmittel/02_UnerwuenschteStoffeOrganismen/04_Acrylamid/lm_acrylamid_node.html (zuletzt aufgerufen im September 2011)
Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (2009): Signalwerte. (zuletzt aufgerufen im September 2011)
European Commission (2002): Opinion of the Scientific Committee on Food on new findings regarding the presence of acrylamide in food. http://ec.europa.eu/food/fs/sc/scf/out131_en.pdf (zuletzt aufgerufen im September 2011).
Kommission Humanbiomonitoring (2008): Acrylamid und
Human-BiomonitoringMessung eines Fremdstoffes (z. B. einer Chemikalie) und seiner Abbauprodukte im Körper des Menschen, z. B. im Blut, Urin, Haar oder im Fettgewebe (Stellungnahme der Kommission Humanbiomonitoring des Umweltbundesamtes) Bundesgesundheitsbl - Gesundheitsforsch - Gesundheitsschutz 2008 Band 51, S. 98–108, Springer Medizin Verlag 2008
Madle, S. und Mit. (2003): Zur aktuellen Risikobewertung von Acrylamid in Lebensmitteln. Bundesgesundheitsbl - Gesundheitsforsch - Gesundheitsschutz 46; 405-415.
Schwegler, U., Roscher, R., Twardella, D., Völkel W., Kopp, E. und Fromme, H. (2010): Acrylamid. In: Handbuch der Umweltmedizin (ecomed-Verlag, Hrsg. Wichmann, Schlipköter, Fülgraff). 43. Ergänzungslieferung 2010.
Stadtgesundheitsamt Frankfurt (2007): Kindergesundheit und Umwelt. Belastung von Kindern mit Acrylamid, Phthalaten und Nebenstromrauch. www.frankfurt.de/