Acrylamid wurde erstmals vor gut 50 Jahren synthetisiert. Es liegt bei Zimmertemperatur als weißlich
durchscheinendes Kristallpulver vor und ist gut wasserlöslich. Durch Vernetzung zahlreicher Acrylamid-Moleküle ("Monomere") entsteht das ungiftige Polymer Polyacrylamid. Manche Polyacrylamid-Produkte können noch Spuren des Acrylamid-Monomers enthalten. Größere Bekanntheit erhielt Acrylamid in 2002 durch eine schwedische Studie zum Acrylgehalt von Lebensmitteln.
In der Bundesrepublik werden jährlich etwa 20.000 Tonnen Acrylamid produziert, die fast ausschließlich zur Herstellung von Polyacrylamid dienen. Die folgende Aufstellung gibt einen Überblick über wichtige Polyacrylamid-Anwendungsgebiete und die damit verbundenen maximalen Belastungen mit dem Acrylamid-Monomer.
Der Rauch einer Zigarette enthält ca. 1 bis 2 Mikrogramm Acrylamid und trägt damit wesentlich zur Belastung bei.
Arbeitsmedizinische Untersuchungen an Beschäftigten mit Acrylamid-Kontakt führten im Frühjahr 2002 zu der Entdeckung, dass bestimmte Lebensmittel mit Acrylamid belastet sind. Ausgangspunkt war die bekannte Tatsache, dass sich Acrylamid an den roten Blutfarbstoff (Hämoglobin) bindet. Die hierbei entstehende Verbindung, ein so genanntes Hämoglobin-Addukt, kann seit 1993 zur Überwachung beruflich exponierter Personen eingesetzt werden. Dieselbe Verbindung fand sich allerdings auch bei Personen ohne bekannten Acrylamid-Kontakt. Als Ursache hierfür vermutete man den Verzehr bestimmter Lebensmittel. Eine schwedische Untersuchung vom April 2002 zum Acrylamidgehalt in Lebensmitteln hat dann bestätigt, dass nennenswerte Acrylamid-Mengen in stärkehaltigen gebratenen, gebackenen oder fritierten Lebensmitteln vorkommen. Deutlich bis hoch belastet waren Kartoffelchips und Pommes frites, Kekse, Kräcker, Knäckebrot und Frühstückscerealien. Fleisch, Fisch und Gemüse in gebratener Form waren wenig belastet. In gekochten und rohen Lebensmitteln wurde kein Acrylamid gefunden.
Die folgende Aufstellung gibt einen Überblick über die gefundenen Werte (nach: WHO, Juni 2002)
| Produkt | Acrylamid (Mikrogramm pro Kilogramm) | |
| Median | Bereich | |
| Kartoffelchips | 1343 | 170 - 2287 |
| Pommes Frites | 330 | < 50 - 3500 |
| Backwaren | < 50 | < 50 - 450 |
| Kekse, Cracker, Toast | 142 | < 30 - 3200 |
| Frühstückscerealien | 150 | < 30 - 1346 |
| Mais-Chips | 167 | 34 - 416 |
| Brot | 30 | < 30 - 162 |
In Deutschland untersucht das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) Lebensmittel auf ihren Acrylamidgehalt und veröffentlicht die Ergebnisse im Internet.
Zwischen Produkten verschiedener Hersteller und auch zwischen einzelnen Produktchargen bestehen große Unterschiede. Bei Kartoffelchips, Knäckebrot, Spekulatius und löslicher Kaffee ist ein positiver Trend zu beobachten: sie enthalten weniger Acrylamid als in den Vorjahren. Bei anderen Lebensmitteln, z.B. bei Lebkuchen, Kaffeeersatz, Kartoffelpuffern und Pommes frites stoßen die Minimierungsbemühungen aber offenbar an Grenzen.
Acrylamid bildet sich, wenn stärkehaltige Lebensmittel ohne Wasserzusatz in Gegenwart von Eiweiß auf Temperaturen über 120o C erhitzt werden. Das Temperaturoptimum für die Acrylamid-Bildung liegt bei 180o C. Bei trockener Erhitzung reagieren die aus der Stärke stammenden Zucker in einer so genannte Maillard-Reaktion mit Aminosäuren, insbesondere mit Asparagin. Die Maillard-Reaktion ist übrigens auch für die Bildung von Bräunungs- und Geschmacksstoffen verantwortlich.
Die in der Übersicht genannten Lebensmittel werden zum Teil seit vielen Jahrhunderten zubereitet und verzehrt. Daher handelt es sich bei der Acrylamid-Belastung um ein lange bestehendes Problem, das erst mit Mitteln der modernen Analytik aufgedeckt wurde. Die nun vorliegenden Kenntnisse über den Entstehungsweg des Acrylamids versetzen Lebensmittelhersteller und Verbraucher gleichermaßen in die Lage, diesen Vorgang weitgehend zu verhindern. Einzelheiten dazu sind im Abschnitt Vorbeugung/Sanierung aufgeführt.
Acrylamid ist gut wasserlöslich, wird gut resorbiert und im Körper schnell und gleichmäßig verteilt. Eine endogene Bildung im Körper selbst findet nicht statt.
Im Stoffwechsel entsteht aus Acrylamid die Verbindung Glycidamid. Diese gilt als die eigentliche krebserzeugende Verbindung (siehe auch BfR 2009). Acrylamid und insbesondere Glycidamid reagieren mit körpereigenen Proteinen und körpereigener DNA. Daneben sorgt der Körper dafür, daß Acrylamid und Glycidamid in einer so genannten Phase-II-Reaktion mit Glutathion konjugiert und als Merkaptursäuren ausgeschieden werden. Dies erfolgt im Verlauf weniger Stunden vorwiegend über den Urin. Acrylamid findet sich auch in der Muttermilch und geht auf den Föten über.
Für Acrylamid sind eine nervenschädigende Wirkung, eine Beeinträchtigung der Fruchtbarkeit und eine krebserzeugende Wirkung bekannt.
In hoher Dosis übt Acrylamid hauptsächlich auf das ZNS eine neurotoxische (nervenschädigende) Wirkung aus, während bei geringerer Dosis insbesondere das periphere Nervensystem betroffen ist.
Im Tierversuch liegt die "Dosis ohne schädliche Auswirkungen" (NOAEL, no observed adverse effect level) in Bezug auf die Neurotoxizität bei 0,5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag.
Es wird geschätzt, dass die durchschnittliche lebensmittelbedingte Acrylamid-Belastung des Verbrauchers bei etwa 0,6 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag liegt (Kommission
Human-BiomonitoringMessung eines Fremdstoffes (z. B. einer Chemikalie) und seiner Abbauprodukte im Körper des Menschen, z. B. im Blut, Urin, Haar oder im Fettgewebe 2008). Damit wird der NOAEL-Wert für die Neurotoxizität als empfindlichstem Parameter um den Faktor 1.000 unterschritten. Allerdings kann sich dieser "Sicherheitsabstand" bei Kindern und Jugendlichen, die große Mengen bestimmter Kartoffelprodukte zu sich nehmen, auf den Faktor 10 verringern.
Nach Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) spielt der Acrylamidgehalt in Lebensmitteln in Bezug auf die Neurotoxizität keine nennenswerte Rolle.
In Tierversuchen beeinträchtigte Acrylamid auch die Fruchtbarkeit. Die NOAEL-Dosis liegt hier bei 2 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Auch hier ist durch den Acrylamidgehalt in Lebensmitteln keine Beeinträchtigung der menschlichen Reproduktionsfähigkeit zu erwarten.
Acrylamid gilt - nach seiner Umwandlung in sein Stoffwechselprodukt Glycidamid - als genotoxisch (erbgutschädigend) und mutagen (erbgutverändernd). In Tierversuchen rief Acrylamid vererbbare Schäden an Chromosomen der Körper- und Keimzellen hervor. In verschiedenen Organen der Versuchstiere löste Acrylamid die Bildung bösartiger Tumore aus.
Acrylamid ist daher in die Kategorie 2 der krebserzeugenden Stoffe eingestuft worden. Zu dieser Kategorie gehören Stoffe, von denen angenommen wird, dass sie einen nennenswerten Beitrag zum Krebsrisiko beim Menschen leisten.
Für Acrylamid und sein Stoffwechselprodukt Glycidamid werden unter Fachleuten mehrere Mechanismen der Krebserzeugung diskutiert, die sich darin unterscheiden, ob ein Schwellenwert für die krebserzeugende Wirkung des Acrylamids angenommen werden kann oder nicht.
Welches zusätzliche Krebsrisiko von Acrylamid ausgeht, wird daher von verschiedenen Stellen sehr unterschiedlich eingeschätzt: Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der amerikanischen Umweltbehörde
EPAEnvironmental Protection Agency (derzeit läuft eine Neubewertung !), sowie skandinavischer und schweizer Fachleute unterscheiden sich um mehr als einen Faktor 100. Ursache hierfür sind Unsicherheiten in den Berechnungsmodellen und letztlich im vermuteten Mechanismus der Kanzerogenese.
Die nachfolgenden Schätzungen zum acrylamidbedingten Lebenszeit-Krebsrisiko beruhen auf der Annahme, dass lebenslang täglich 1 Mikrogramm Acrylamid pro Kilogramm Körpergewicht verzehrt wird. Das entspricht in etwa der gegenwärtigen durchschnittlichen Belastung der Bevölkerung.
| Institution/Autor | Zusätzl. Krebsfälle pro 1 Million Einwohner |
| US EPA | 4.500 |
| WHO | 700 |
| Granath und Mit. 1999 | 10.000 |
| Sanner und Mit. 2001 | 5.000 |
| Schlatter 2002 | 50 – 100 |
Die Bestimmung des Acrylamidgehalts in Lebensmitteln erfolgt in hierfür spezialisierten Laboratorien. Derzeit ist der Nachweis ab einem Gehalt von 10 - 30 Mikrogramm pro Kilogramm möglich. Ab einem Wert von 50 Mikrogramm pro Kilogramm kann der Acrylamidgehalt sicher quantifiziert werden.
Acrylamid und insbesondere sein Stoffwechselprodukt Glycidamid binden sich an den roten Blutfarbstoff Hämoglobin. Der Anteil der dabei gebildeten so genannten Addukte (N-2-Carbamoylethylvalin bzw. N-2-hydroxy-2-Carbamoylethylvalin) an der gesamten Hämoglobinmenge gilt als Maß für die Acrylamid-Belastung. Mit dieser relativ neuen Analysemethode können sowohl lebensmittelbedingte Belastungen als auch die Zufuhr über Zigarettenrauch erfasst werden.
Nichtrauchende Kinder: 1,8 Mikrogramm des Addukts AAVal pro Liter Blut
Nichtrauchende Erwachsene: 1,2 Mikrogramm des Addukts AAVal pro Liter Blut
Raucher weisen durchschnittlich etwa 4 - 5-fach höhere Konzentrationen des Addukts im Blut auf.
Trinkwasser:
Der in der Trinkwasserverordnung festgeschriebene Grenzwert für Acrylamid liegt bei 0,1 Mikrogramm pro Liter.
Kometikprodukte:
Entsprechend den Vorgaben der 26. Richtlinie 2002/34/EG, die auch in nationales Recht umzusetzen ist, darf der Restgehalt an Acrylamid in Körperpflegemitteln, die auf der Haut verbleiben, zukünftig 0,1 Milligramm pro Kilogramm nicht überschreiten. In sonstigen kosmetischen Mitteln sind maximal 0,5 Milligramm pro Kilogramm zugelassen.
Lebensmittel:
Der Acrylamid-Gehalt in Lebensmitteln ist derzeit nicht gesetzlich geregelt. Vom ehemaligen Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin BgVV wurde ein Aktionswert von 1000 Mikrogramm pro Kilogramm Lebensmittel empfohlen. Dieser Aktionswert wird durch produktgruppenspezifische Signalwerte des ergänzt, die neuerdings europaweit abgestimmt werden ("indicative values"). Die aktuell gültigen Signalwerte finden sich hier.
Aus Lebensmittelverpackungen dürfen nicht mehr als 10 Mikrogramm Acrylamid pro Kilogramm Lebensmittel übergehen.
Möglicherweise beeinflusst der Acrylamidgehalt einiger Lebensmittel das Krebsgeschehen in der Bevölkerung, eine genaue Risikoabschätzung ist zur Zeit jedoch nicht möglich.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung hält an seiner Einschätzung fest, nach der Acrylamid ein ernstzunehmendes Risiko für den Menschen darstellt.
Der jetzige Erkenntnisstand begründet ein Minimierungsgebot (ALARA = "as low as reasonably achievable" = "soweit wie vernünftigerweise machbar") und gesetzlichen Regelungsbedarf.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat eine Anleitung und ein Tabellenkalkulationsprogramm ins Internet gestellt, mit deren Hilfe die persönliche Acrylamidaufnahme über Lebensmittel abgeschätzt werden kann.
Acrylamid in Lebensmitteln - ernstes Problem oder überschätzte Gefahr? Umweltmed Forsch Prax 7 (5); 288 (2002)
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Kommission
Human-BiomonitoringMessung eines Fremdstoffes (z. B. einer Chemikalie) und seiner Abbauprodukte im Körper des Menschen, z. B. im Blut, Urin, Haar oder im Fettgewebe (2008): Acrylamid und
Human-BiomonitoringMessung eines Fremdstoffes (z. B. einer Chemikalie) und seiner Abbauprodukte im Körper des Menschen, z. B. im Blut, Urin, Haar oder im Fettgewebe (Stellungnahme der Kommission
Human-BiomonitoringMessung eines Fremdstoffes (z. B. einer Chemikalie) und seiner Abbauprodukte im Körper des Menschen, z. B. im Blut, Urin, Haar oder im Fettgewebe des Umweltbundesamtes) Bundesgesundheitsbl - Gesundheitsforsch - Gesundheitsschutz 2008 Band 51, S. 98–108, Springer Medizin Verlag 2008
Lukassowitz, I. (2002): Acrylamid sicher nachweisbar - Qualifizierte Laboratorien vorhanden (BfR Pressedienst 05/2000, Mitteilung vom 19.12.2002). Madle, S. und Mit. (2003): Zur aktuellen Risikobewertung von Acrylamid in Lebensmitteln. Bundesgesundheitsbl - Gesundheitsforsch - Gesundheitsschutz 46; 405-415.
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