Acrylamid wurde erstmals vor gut 50 Jahren synthetisiert. Es liegt bei Zimmertemperatur als weißlich durchscheinendes Kristallpulver vor und ist gut wasserlöslich. Durch Vernetzung zahlreicher Acrylamid-Moleküle ("Monomere") entsteht das ungiftige Polymer Polyacrylamid. Manche Polyacrylamid-Produkte können noch Spuren des Acrylamid-Monomers enthalten. Größere Bekanntheit erhielt Acrylamid in 2002 durch eine schwedische Studie zum Acrylgehalt von Lebensmitteln.
In der Bundesrepublik werden jährlich etwa 20.000 Tonnen Acrylamid produziert, die fast ausschließlich zur Herstellung von Polyacrylamid dienen. Wichtige Anwendungsgebiete für Polyacrylamid sind (Angaben zur Belastung mit dem Acrylamid-Monomer in Klammern):
Der Rauch einer Zigarette enthält ca. 1 bis 2 Mikrogramm Acrylamid und trägt damit wesentlich zur Belastung bei.
Eine schwedische Untersuchung vom April 2002 zum Acrylamidgehalt in Lebensmitteln hat ergeben, dass nennenswerte Acrylamid-Mengen in stärkehaltigen gebratenen, gebackenen oder fritierten Lebensmitteln vorkommen. Deutlich bis hoch belastet waren Kartoffelchips und Pommes frites, Kekse, Kräcker, Knäckebrot und Frühstückscerealien. Fleisch, Fisch und Gemüse in gebratener Form waren wenig belastet. In gekochten und rohen Lebensmitteln wurde kein Acrylamid gefunden. Die folgende Aufstellung gibt einen Überblick über die gefundenen Werte (nach: WHO, Juni 2002):
| Produkt | Acrylamid (Mikrogramm pro Kilogramm) | |
| Median | Bereich | |
| Kartoffelchips | 1343 | 170 - 2287 |
| Pommes Frites | 330 | 50 - 3500 |
| Backwaren | < 50 | < 50 - 450 |
| Kekse, Cracker, Toast | 142 | < 30 - 3200 |
| Frühstückscerealien | 150 | < 30 - 1346 |
| Mais-Chips | 167 | 34 - 416 |
| Brot | 30 | < 30 - 162 |
In Deutschland untersucht das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) Lebensmittel regelmässig auf ihren Acrylamidgehalt und veröffentlicht die Ergebnisse im Internet.
Zwischen Produkten verschiedener Hersteller und auch zwischen einzelnen Produktchargen bestehen große Unterschiede. Diese schlagen sich in der erheblichen Schwankungsbreite der Analysewerte nieder.
Bei Kartoffelchips, Knäckebrot, Spekulatius und löslicher Kaffee ist ein positiver Trend zu beobachten: sie enthalten weniger Acrylamid als in den Vorjahren. Bei anderen Lebensmitteln, z.B. bei Lebkuchen, Kaffeeersatz, Kartoffelpuffern und Pommes frites stoßen die Minimierungsbemühungen aber offenbar an Grenzen.
Acrylamid bildet sich, wenn stärkehaltige Lebensmittel ohne Wasserzusatz in Gegenwart von Eiweiß auf Temperaturen über 120o C erhitzt werden. Das Temperaturoptimum für die Acrylamid-Bildung liegt bei 180o C. Bei trockener Erhitzung reagieren die aus der Stärke stammenden Zucker in einer "Maillard-Reaktion" mit Aminosäuren, insbesondere mit Asparagin. Die Maillard-Reaktion ist auch für die Bildung von Bräunungs- und Geschmacksstoffen verantwortlich.
Die in der Übersicht genannten Lebensmittel werden zum Teil seit vielen Jahrhunderten zubereitet und verzehrt. Daher handelt es sich bei der Acrylamid-Belastung um ein lange bestehendes Problem, das erst mit Mitteln der modernen Analytik aufgedeckt wurde. Die nun vorliegenden Kenntnisse über den wahrscheinlichen Entstehungsweg des Acrylamids versetzen Lebensmittelhersteller und Verbraucher gleichermaßen in die Lage, diesen Vorgang weitgehend zu verhindern.
Acrylamid ist gut wasserlöslich, wird gut resorbiert und im Körper schnell und gleichmäßig verteilt. Eine endogene Bildung im Körper selbst findet nicht statt.
Im Stoffwechsel entsteht aus Acrylamid die Verbindung Glycidamid. Diese gilt als die eigentliche krebserzeugende Verbindung (siehe auch BfR 2009). Acrylamid und insbesondere Glycidamid reagieren mit körpereigenen Proteinen und körpereigener DNA. Die Ausscheidung von Acrylamid, Glycidamid und seiner weiteren Stoffwechselprodukte ("Merkaptursäuren") erfolgt im Verlauf weniger Stunden vorwiegend über den Urin. Acrylamid findet sich auch in der Muttermilch und geht auf den Föten über.
Für Acrylamid sind eine nervenschädigende Wirkung, eine Beeinträchtigung der Fruchtbarkeit und eine krebserzeugende Wirkung bekannt.
In hoher Dosis übt Acrylamid hauptsächlich auf das ZNS eine neurotoxische (nervenschädigende) Wirkung aus, während bei geringerer Dosis insbesondere das periphere Nervensystem betroffen ist.
Es wird geschätzt, dass die durchschnittliche lebensmittelbedingte Acrylamid-Belastung des Verbrauchers bei etwa 0,6 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag liegt (Kommission
Human-BiomonitoringMessung eines Fremdstoffes (z. B. einer Chemikalie) und seiner Abbauprodukte im Körper des Menschen, z. B. im Blut, Urin, Haar oder im Fettgewebe 2008). Damit wird der NOAEL-Wert für die Neurotoxizität als empfindlichstem Parameter um den Faktor 1.000 unterschritten. Allerdings kann sich dieser "Sicherheitsabstand" bei Kindern und Jugendlichen, die große Mengen bestimmter Kartoffelprodukte zu sich nehmen, auf den Faktor 10 verringern.
Nach Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) spielt der Acrylamidgehalt in Lebensmitteln in Bezug auf die Neurotoxizität keine nennenswerte Rolle.
In Tierversuchen beeinträchtigte Acrylamid auch die Fruchtbarkeit.
Acrylamid gilt - nach seiner Umwandlung in sein Stoffwechselprodukt Glycidamid - als genotoxisch (erbgutschädigend) und mutagen (erbgutverändernd). In Tierversuchen rief Acrylamid vererbbare Schäden an Chromosomen der Körper- und Keimzellen hervor. In verschiedenen Organen der Versuchstiere löste Acrylamid die Bildung bösartiger Tumore aus.
Acrylamid ist daher in die Kategorie 2 der krebserzeugenden Stoffe eingestuft worden. Zu dieser Kategorie gehören Stoffe, von denen angenommen wird, dass sie einen nennenswerten Beitrag zum Krebsrisiko beim Menschen leisten.
Welches zusätzliche Krebsrisiko von Acrylamid ausgeht, wird von verschiedenen Stellen (Weltgesundheitsorganisation WHO, amerikanische Umweltbehörde EPA, skandinavische und schweizer Fachleute) sehr unterschiedlich eingeschätzt. Die Zahlen schwanken zwischen 100 und 10.000 zusätzlichen Krebsfällen pro eine Million Einwohner.
Acrylamid kann ab einem Gehalt von 10 bis 30 Mikrogramm pro Kilogramm Lebensmittel nachgewiesen werden.
Auch die Körperbelastung mit Acrylamid bzw. mit seinem Stoffwechselprodukt Glycidamid kann durch Messung so genannter Addukte (Bildung durch Reaktion mit dem Blutfarbstoff Hämoglobin) erfasst werden (Einzelheiten siehe Langfassung).
Nichtrauchende Kinder: 1,8 Mikrogramm des Addukts AAVal pro Liter Blut
Nichtrauchende Erwachsene: 1,2 Mikrogramm des Addukts AAVal pro Liter Blut
Raucher weisen durchschnittlich etwa 4 - 5-fach höhere Konzentrationen des Addukts im Blut auf.
Lebensmittel
Der Acrylamid-Gehalt in Lebensmitteln ist derzeit nicht gesetzlich geregelt. Vom ehemaligen Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin BgVV wurde ein Aktionswert von 1000 Mikrogramm pro Kilogramm Lebensmittel empfohlen. Dieser Aktionswert wird durch produktgruppenspezifische Signalwerte ergänzt, die neuerdings europaweit festgelegt werden ("indicative values") (siehe Langfassung).
Aus Lebensmittelverpackungen dürfen nicht mehr als 10 Mikrogramm Acrylamid pro Kilogramm Lebensmittel übergehen.
Kosmetikprodukte:
Entsprechend den Vorgaben der 26. Richtlinie 2002/34/EG, die auch in nationales Recht umzusetzen ist, darf der Restgehalt an Acrylamid in Körperpflegemitteln, die auf der Haut verbleiben, zukünftig 0,1 Milligramm pro Kilogramm nicht überschreiten. In sonstigen kosmetischen Mitteln sind maximal 0,5 Milligramm pro Kilogramm zugelassen.
Möglicherweise beeinflusst der Acrylamidgehalt einiger Lebensmittel das Krebsgeschehen in der Bevölkerung, eine genaue Risikoabschätzung ist zur Zeit jedoch nicht möglich.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung hält an seiner Einschätzung fest, nach der Acrylamid ein ernstzunehmendes Risiko für den Menschen darstellt.
Der jetzige Erkenntnisstand begründet ein Minimierungsgebot (ALARA = "as low as reasonably achievable" = "soweit wie vernünftigerweise machbar") und gesetzlichen Regelungsbedarf.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat eine Anleitung und ein Tabellenkalkulationsprogramm ins Internet gestellt, mit deren Hilfe die persönliche Acrylamidaufnahme über Lebensmittel abgeschätzt werden kann.
Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (2011): Acrylamid. www.bvl.bund.de (zuletzt aufgerufen im September 2011)
Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (2009): Signalwerte. (zuletzt aufgerufen im September 2011)
Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) (2009): Ausgewählte Fragen und Antworten zu Glycidamid in Lebensmitteln - FAQ vom 17. März 2009 BfR 2009
Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). (24. August 2011). Fragen und Antworten zu Acrylamid. Abgerufen am 24. November 2011 von www.bfr.bund.de
European Commission (2002): Opinion of the Scientific Committee on Food on new findings regarding the presence of acrylamide in food. http://ec.europa.eu/food/fs/sc/scf/out131_en.pdf (zuletzt aufgerufen im September 2011).
European Commission (2011): Empfehlung der Kommission zur Untersuchung des Acrylamidgehaltes von Lebensmitteln. http://ec.europa.eu/food/food/chemicalsafety/contaminants/recommendation_10012011_acrylamide_food_de.pdf (zuletzt aufgerufen im September 2011)
Kommission Humanbiomonitoring (2008): Acrylamid und
Human-BiomonitoringMessung eines Fremdstoffes (z. B. einer Chemikalie) und seiner Abbauprodukte im Körper des Menschen, z. B. im Blut, Urin, Haar oder im Fettgewebe (Stellungnahme der Kommission Humanbiomonitoring des Umweltbundesamtes) Bundesgesundheitsbl - Gesundheitsforsch - Gesundheitsschutz 2008 Band 51, S. 98–108, Springer Medizin Verlag 2008
Lukassowitz, I. (2002): Acrylamid sicher nachweisbar - Qualifizierte Laboratorien vorhanden (BfR Pressedienst 05/2000, Mitteilung vom 19.12.2002). Madle, S. und Mit. (2003): Zur aktuellen Risikobewertung von Acrylamid in Lebensmitteln. Bundesgesundheitsbl - Gesundheitsforsch - Gesundheitsschutz 46; 405-415.
Schettgen, Th., H. Drexler, J. Angerer (2002): Acrylamid in der deutschen Allgemeinbevölkerung - eine Abschätzung der täglichen Aufnahme. Umweltmed Forsch Prax 7 (6) 331-336.
Schlatter, J.: Acrylamid in Lebensmitteln: Ein ernstzunehmendes gesundheitliches Risiko. BfR (vormals BgVV) (2002)
Zum Vorkommen von Acrylamid in Lebensmitteln. Bericht des BgVV über das Expertengespräch vom 14. Mai 2002 www.gapinfo.de/gesundheitsamt/alle/umwelt/chemie/kunstst/acryl/vlm/06.htm (zuletzt aufgerufen im August 2010).
WHO (2002): www.who.int/topics/acrylamide/en/