Unter "Amalgam" wird ganz allgemein eine
Legierungdurch Zusammenschmelzen mehrerer Metalle entstehender Stoff, der auch kleine Mengen von Nichtmetallen enthalten kann; keine neue chemische Verbindung erzeugend von Quecksilber mit anderen Metallen verstanden. Im folgenden Text ist jedoch ausschließlich von Dentalamalgamen die Rede, die in der Zahnmedizin als Füllungsmaterialien verwendet werden.
Bei der Herstellung von Dentalamalgamen wird ein Legierungspulver, das hauptsächlich aus Silber, Zinn und Kupfer besteht, mit etwa dem gleichen Massenanteil an elementarem Quecksilber vermischt. Der Quecksilbergehalt im fertigen Amalgam liegt also bei ca. 50 %. Beim Erhärten des Amalgams entstehen verschiedene Kristallphasen, die sich unter anderem in ihrer Metallzusammensetzung und in ihrer Korrosionsbeständigkeit unterscheiden. Sie werden als Gamma-1-, Gamma-2- und Eta-Phase bezeichnet. Aus gesundheitlicher Sicht ist besonders die Gamma-2-Phase von Bedeutung. Sie besteht aus unedlem Zinn und Quecksilber, bei Korrosion werden diese beiden Metalle freigesetzt. Gamma-2-freie Amalgame ("non-Gamma-2-Amalgame") enthalten im Legierungspulver einen Silberanteil von mindestens 40 Prozent, maximal 32 Prozent Zinn, maximal 30 Prozent Kupfer, maximal 3 Prozent Quecksilber und maximal 2 Prozent Zink.
Die unedelste und damit am meisten korrosionsgefährdete Kristallphase ist nun quecksilberfrei: Sie enthält Kupfer und Zinn. Insgesamt sind Gamma-2-freie Amalgame gut korrosionsbeständig.
Dentalamalgame werden seit mehr als 150 Jahren als zahnärztliche Füllungsmaterialien benutzt. Sie sind leicht herzustellen, preiswert und gut zu verarbeiten. Amalgamfüllungen erreichen erst nach 24 Stunden eine ausreichende Druckhärte. Dann jedoch entsprechen sie den mechanischen Anforderungen, die an ein Füllungsmaterial im kaubeanspruchten Seitenzahnbereich gestellt werden. Allerdings werden Dentalamalgame seit vielen Jahren in der Öffentlichkeit und in Fachkreisen kontrovers diskutiert.
Die zuständigen Einrichtungen haben auf diese Diskussion reagiert - hier ein kurzer Überblick über die behördlichen Regelungen und Stellungnahmen der letzten Jahre:
1992 verfügte das damalige Bundesgesundheitsamt, dass Amalgame nur noch für den kautragenden Bereich der Seitenzähne verwendet werden dürfen.
Mit Wirkung vom 01. Juli 1995 wurden vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) weitere Einschränkungen der Amalgamanwendung angeordnet. Gemäß der seinerzeit formulierten "Gebrauchs- und Fachinformation" durften Amalgame nicht mehr angewendet werden bei:
Das BfArM wies ausdrücklich darauf hin, "dass kein Anlass besteht, vorhandene klinisch einwandfreie Amalgamfüllungen ... entfernen zu lassen." Dies gelte auch für Paare mit Kinderwunsch.
Allerdings wurde auch gesagt:
"Das BfArM bzw. das ehemalige Bundesgesundheitsamt haben in den vergangenen Jahren immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass Amalgame Quecksilber freisetzen und dadurch messbar zur Quecksilbergesamtbelastung des Menschen beitragen. ... Aufgrund dieser Tatsache sind entsprechende Risikoabwehrmaßnahmen im Sinne des vorsorgenden Gesundheitsschutzes, welche die Quecksilberbelastung des Patienten zu reduzieren helfen, angezeigt."
1997 wurde vom Bundesministerium für Gesundheit, vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und von zahnärztlichen Vereinigungen und Gesellschaften ein Konsenspapier zur Amalgamverwendung (Auszug) veröffentlicht.
Seit dem 14.06. 1998 unterliegen Amalgam und andere Füllungsmaterialien dem europäischen und deutschen Medizinproduktrecht. Dieses besagt, dass entsprechende Produkte geprüft und zertifiziert werden müssen, bevor sie in Verkehr gebracht werden.
Im Sommer 2003 gab das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte seine Informationsschrift "Amalgame in der zahnärztlichen Therapie" heraus (s. unten). Sie stützt sich weitgehend auf das o.g. Konsenspapier.
Herbst 2007 a: Der bei der Europäischen Kommission angesiedelte Wissenschaftliche Ausschuß "Neu auftretende und neu identifizierte Gesundheitsrisiken" (European Commission Scientific Committee on Emerging and Newly Identified Health Risks, SCENIHR) hat den Auftrag erhalten, eine wissenschaftliche Stellungnahme zur Sicherheit von Dentalamalgam und alternativen Werkstoffen abzugeben. Diese ist inzwischen veröffentlicht worden.
Herbst 2007 b: Die beim Robert Koch-Institut angesiedelte Kommission „Methoden und Qualitätssicherung in der Umweltmedizin“ hat im September 2007 eine Stellungnahme zu Amalgam aus umweltmedizinischer Sicht veröffentlicht (RKI 2007).
April 2008: Anfang April 2008 wurde eine Pressemitteilung zur umfangreichen GAT-Studie (German Amalgam Trial) veröffentlicht. In diesem zwölf Jahre dauernden Projekt untersuchten "schulmedizinische" und "komplementärmedizinische" Einrichtungen in mehreren Teilprojekten das Schädigungspotential von Amalgam, die diagnostischen Möglichkeiten sowie geeignete Therapien. Beispielsweise wurden erstmals die Auswirkungen einer Amalgamentfernung bei Erwachsenen erforscht.
Dieter Melchart vom Münchner Klinikum rechts der Isar betont, daß die Ergebnisse nicht dahingehend interpretiert werden dürften, dass Amalgam-Füllungen grundsätzlich keine Beschwerden auslösen können. Doch die Entfernung der Füllungen bei Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Müdigkeit sei meist unnötig.
Aus Dentalamalgamen werden fortlaufend Quecksilber und andere Schwermetalle in geringen Mengen freigesetzt. Zum einen geben die Füllungen Quecksilberdampf ab, der in der Lunge zu etwa 80 Prozent aufgenommen wird. Dieses elementare Quecksilber wird in den Erythrozyten, der Leber und im Gehirn durch das Enzym Katalase zu anorganischen Quecksilberverbindungen (Hg2+) oxydiert. Die amalgambedingte Quecksilberbelastung des Körpers kommt hauptsächlich auf diesem Weg zustande. Zum anderen tragen auch Abrieb und Korrosionsvorgänge zur Quecksilberbelastung bei. Das metallische Quecksilber aus dem Amalgamabrieb wird im Magen-Darm-Trakt kaum resorbiert und trägt somit nur unwesentlich zur Quecksilberbelastung bei. Die aus der Korrosion stammenden Quecksilbersalze werden zu etwa 10 Prozent aufgenommen.
Früher gelangten aus Zahnfüllungen zwischen 3,9 und 21 Mikrogramm Quecksilber pro Tag in den Körper, heute beträgt die Belastung etwa 2 bis 3 Mikrogramm (Kommission
Human-BiomonitoringMessung eines Fremdstoffes (z. B. einer Chemikalie) und seiner Abbauprodukte im Körper des Menschen, z. B. im Blut, Urin, Haar oder im Fettgewebe 1999, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte 2003). Eine von der Europäischen Kommission eingesetzte Amalgam-Arbeitsgruppe kommt zu dem Schluss, dass die Quecksilbergesamtexposition der meisten Patienten mit Amalgamfüllungen unter 5 Mikrogramm pro Tag liegt. Kaugummikauen und nächtliches unbewusstes Zähneknirschen (Bruxismus) können die tägliche Aufnahme um den Faktor 5 bis 20 erhöhen. Auf der Bevölkerungsebene stellen Dentalamalgame weitrhin die wichtigste Quelle für die Quecksilberbelastung des Körpers dar.
Von einigen Patienten und Patienteninitiativen werden Dentalamalgame für zahlreiche gesundheitliche Beschwerden, Störungen und Erkrankungen verantwortlich gemacht. Gelegentlich ist auch von einer Amalgamintoxikation die Rede. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte merkt in seiner Informationsschrift "Amalgame in der zahnärztlichen Therapie" (Stand: Januar 2005) hierzu an:
"Nach dem gegenwärtigen wissenschaftlichen Kenntnisstand besteht kein begründeter Verdacht dafür, dass ordnungsgemäß gelegte Amalgamfüllungen negative Auswirkungen auf die Gesundheit des zahnärztlichen Patienten haben. Ausnahmen sind die selten auftretenden lokalen Reaktionen in der Mundhöhle sowie die sehr seltenen Fälle allergischer Reaktionen. Gleichwohl werden dem Amalgam meist in Spontanberichten von Patienten oder Patienteninitiativen die unterschiedlichsten Nebenwirkungen und Erkrankungen zugeschrieben.
So werden z. B. Angst, Depressionen, Nervosität, Haarausfall, Schlafstörungen, immunologische Erkrankungen, Schmerzen und Entzündungen in verschiedenen Körperregionen, Störungen des Magen-Darm-Traktes, Herz-Kreislauf-Störungen, Galvanismus, Elektrosensibilität, Morbus Parkinson, bösartige Tumore oder Morbus Alzheimer in einen ursächlichen Zusammenhang mit Amalgamfüllungen gebracht. Von großer Bedeutung für die Erfassung und Bewertung möglicher Gesundheitsschädigungen durch Amalgam sind die nach wissenschaftlichen Kriterien durchgeführten epidemiologischen Studien.
...
Es ist darauf hinzuweisen, dass es derzeit keinen wissenschaftlich begründeten Verdacht für ein gesundheitliches Risiko durch ordnungsgemäß gelegte Amalgamfüllungen gibt (Ausnahmen siehe oben). Gleichwohl sollten Zahnärzte und Ärzte darauf achten, dass einzelne Personen mit besonderer Empfindlichkeit gegenüber Amalgam und anderen Restaurationsmaterialien reagieren können. Füllungsmaterialien sollen daher nach sorgfältigem Abwägen ihrer Vor- und Nachteile und unter Beachtung ihrer Anwendungsgebiete bzw. Gegenanzeigen verwendet werden. Im Rahmen der Diagnostik und Therapie von Beschwerden, die mit Amalgam oder anderen dentalen Restaurationsmaterialien assoziiert werden, ist eine sorgfältige interdisziplinäre ärztlich/zahnärztliche Abstimmung gemäß dem aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand erforderlich."
In Einzelfällen sind unerwünschten Wirkungen von Amalgamfüllungen möglich (BfArM 2003, 2005):
"Eine ... seltene Nebenwirkung von Amalgamfüllungen sind lokale Symptome an der Mundschleimhaut oder am Zahnfleisch, die in unmittelbarer Nachbarschaft zu zahnärztlichen Restaurationen (z. B. Amalgam, Goldlegierungen) auftreten können. Diese sogenannten oralen lichenoiden Reaktionen zeigen sich als grauweiße nicht abwischbare Streifen oder Flecke, die oft nur schwach ausgeprägt sind. Im Unterschied zum echten Lichen planus der Mundschleimhaut können sich die Symptome oraler lichenoider Reaktionen nach Entfernung der Füllung zurückbilden. Es wird empfohlen, in solchen Fällen bei der weiteren Behandlung nichtmetallische Werkstoffe zu verwenden. In Einzelfällen sind elektrochemische Reaktionen infolge korrosiver Prozesse an Amalgamfüllungen nicht auszuschließen, wobei Geschmacksveränderungen (Metallgeschmack, im Extremfall Stanniolpapiereffekt) beschrieben wurden. Solche korrosiven Prozesse werden insbesondere durch den direkten Kontakt von Amalgam mit anderen, edleren Legierungen begünstigt. ... Es wird empfohlen, auf neue Amalgamfüllungen in solchen Situationen zu verzichten."
Andere Meinungen zu Amalgam
Anderslautende Meinungen wurden u.a. vom Deutschen Berufsverband der Umweltmediziner (dbu), von der Amalgamselbsthilfegruppe SEKIS, Berlin und von J. Mutter in einer Literaturstudie (April 2005, hier Kommentar), in seiner Stellungnahme zur Münchener Amalgamstudie (Mutter 2008) und in einem Offenen Brief an die Patientenbeauftragte vom August 2009 geäußert.
Im Internet findet sich eine gute Zusammenfassung der Amalgamdiskussion unter der Adresse www.kzbv.de.
Amalgam und Krebs ?
Geht von Amalgamfüllungen möglicherweise ein Krebsrisiko aus ? Der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) hält dies für wenig wahrscheinlich (Stellungnahme).
Dieser Abschnitt enthält Empfehlungen, wie eine Allergie gegenüber Dentalamalgamen festgestellt werden kann und wie die Körperbelastung mit Quecksilber erfasst wird.
Die Informationsschrift des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte stellt hierzu fest (BfArM 2003):
"In seltenen Fällen können bei sensibilisierten Personen allergische Erscheinungen auftreten, wobei sich die klassische Amalgamallergie in einer Typ-IV-Immunreaktion, d. h. einer zellvermittelten Reaktion vom Spättyp, äußert. Diese ist durch Haut- oder seltener Schleimhautreaktionen, wie z. B. Exantheme, Urtikaria, ekzematöse Hauterscheinungen oder Stomatitis gekennzeichnet. Trotz der hohen Anzahl weltweit gelegter Amalgam-Füllungen wird derzeit in der wissenschaftlichen Literatur nur eine geringe Zahl von Fällen einer sicher dokumentierten Amalgamallergie beschrieben. Bei Verdacht auf eine Allergie gilt der Hauttest (Epikutantest) als anerkanntes Nachweisverfahren. Dieser sollte durch einen entsprechend qualifizierten Arzt und unter Berücksichtigung der Empfehlungen der Deutschen Kontaktallergiegruppe (DKG) zur Amalgamallergie (1994) durchgeführt werden.
Es ist darauf hinzuweisen, dass positive Reaktionen gegenüber anorganischem Quecksilber im Epikutantest weitaus häufiger als wirkliche Amalgamallergien sind, was als Ausdruck dafür gewertet werden kann, dass die äußere Haut empfindlicher als die Mundschleimhaut auf diese Allergene reagiert. Daher empfiehlt die DKG Amalgamfüllungen nur dann auszutauschen, wenn neben einer eindeutigen ekzematösen Reaktion im Hauttest auch charakteristische Veränderungen an der Mundschleimhaut, wie z. B. Stomatitis, lichenoide Reaktionen oder rezidivierende aphthöse Veränderungen in einem zeitlichen und örtlichen Zusammenhang mit den Füllungen auftreten. In diesen Fällen sollte bei einer erneuten Kavitätenversorgung kein Amalgam mehr verwendet werden."
Der Vorstand der Deutschen Kontaktallergiegruppe (DKG) weist in seiner aus dem Jahre 1994 stammenden Stellungnahme darauf hin, dass der Epikutantest mit standardisiertem Quecksilber(II)-Amidchlorid in Vaseline (1 Prozent) und Amalgam in Vaseline (5 Prozent) durchgeführt werden sollte. Zu fordern sind eine 24- bzw. 48stündige Exposition sowie Spätablesungen nach mindestens 72 Stunden. Der Test sollte nur von erfahrenen, dermatologisch versierten Allergologen vorgenommen werden.
Der Lymphozytentransformationstest (LTT) und seine Modifikationen, wie z.B. der Lymphozytenstimulationstest (memory lymphocyte immunostimulation assay, "MELISA"), stellen in der Diagnostik allergischer Reaktionen gegen Amalgam keine Alternative zum Epikutantest (Hauttest) dar. Es ist unbestritten, dass eine Exposition gegenüber Metallen zu Autoimmunreaktionen führen kann. Mit Hilfe des LTT können jedoch lediglich Sensibilisierungen nachgewiesen werden, die klinische Bedeutung dieser Sensibilisierung geht aus dem LTT und dessen Modifikationen nicht hervor (Kommission "Methoden und Qualitätssicherung in der Umweltmedizin" am RKI, 2002 und 2007).
Zur Abschätzung einer Belastung durch Amalgam sind unkonventionelle Methoden wie z.B. die Elektroakupunktur nach Voll, die Bioresonanztherapie, die Kinesiologie oder vergleichbare Verfahren nicht geeignet (BfArM 2003).
Wie hoch die Quecksilberbelastung des Körpers ist, kann anhand von Urin- und Blutproben bestimmt werden.
Bei einer Urinanalyse wird selektiv die Belastung mit anorganischem Quecksilber erfasst.
Die Quecksilberkonzentration im Urin unterliegt tageszeitlichen Schwankungen. Um aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten, sollte die Bestimmung daher im 24-h-Sammelurin oder zumindest im Morgenurin erfolgen. Der Urin ist nach Möglichkeit in Polyethylengefäßen zu sammeln, da Glasgefäße unter Umständen Quecksilber absorbieren und so die Messwerte verfälschen können. Der Kreatiningehalt des Urin sollte zwischen 0.3 und 3 Gramm
Kreatininorganische Verbindung aus dem Muskelstoffwechsel, welche über die Nieren ausgeschieden wird. Eignet sich für die Beurteilung der Nierenfunktion pro Liter liegen, bei Wiederholungsuntersuchungen auffälliger Werte werden engere Grenzen (zwischen 0.5 und 2.5 Gramm
Kreatininorganische Verbindung aus dem Muskelstoffwechsel, welche über die Nieren ausgeschieden wird. Eignet sich für die Beurteilung der Nierenfunktion pro Liter) gefordert.
Referenz- und Humanbiomonitoringwerte für Quecksilber sind im Informationstext "Quecksilber" enthalten.
Bei wiederholter amalgambedingter Überschreitung des HBM-I-Wertes sollte gegebenenfalls der Selenstatus überprüft werden (die Selenkonzentration im
BlutserumFlüssiger Teil des Blutes nach abgeschlossener Blutgerinnung sollte über 50 Mikrogramm pro Liter liegen).
Anorganische Quecksilberverbindungen finden sich hauptsächlich im Blutplasma, organische Quecksilberverbindungen dagegen in den Erythrozyten.
Für die Abschätzung der amalgambedingten Quecksilberbelastung sollte daher die Quecksilberkonzentration im
BlutplasmaBezeichnung für die Blutflüssigkeit ohne Blutzellen oder -serum bestimmt werden, Vollblut ist hierfür nicht geeignet.
Die Quecksilberbestimmung im Urin ist aus Praktikabilitätsgründen der Bestimmung im
BlutplasmaBezeichnung für die Blutflüssigkeit ohne Blutzellen bzw. -serum vorzuziehen.
Oft wird versucht, das Quecksilber in den Zielorganen, insbesondere in der Niere, durch die Gabe von Komplexbildnern (meist DMPS, gelegentlich auch DMSA) zu mobilisieren. Der
Komplexbildnerbinden Schwermetalle, überführen sie in eine wasserlösliche Form und schwemmen sie aus dem Körper aus soll quasi als "toxikologisches Vergrößerungsglas" wirken und gleichzeitig zur Schwermetallentgiftung beitragen. Allerdings erbringt der Mobilisationstest unter Verwendung eines Komplexbildners keine Erkenntnisse, die über die normale Quecksilberbestimmung im Urin hinausgehen.
Die Urinuntersuchung ist auch ohne Mobilisation empfindlich genug, um eine mögliche Quecksilberbelastung zu erkennen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte weist ausdrücklich darauf hin, dass
Komplexbildnerbinden Schwermetalle, überführen sie in eine wasserlösliche Form und schwemmen sie aus dem Körper aus zu unerwünschten Wirkungen (Fieber, Schüttelfrost, schwere allergische Hauterscheinungen, Herz-Kreislauf-Symptome, Störungen des Mineralhaushaltes usw.) führen können.
Komplexbildnerbinden Schwermetalle, überführen sie in eine wasserlösliche Form und schwemmen sie aus dem Körper aus sind für die Indikation "Amalgamvergiftung" nicht zugelassen (BfArM 2003).
Der Speicheltest, bei dem die Quecksilberkonzentration im Speichel vor und nach dem Kauen von Kaugummi gemessen wird, ist für eine Abschätzung der amalgambedingten Quecksilberbelastung ungeeignet und kann höchstens Auskunft über die Qualität der Amalgamfüllungen geben.
Anorganisches Quecksilber, z.B. aus Amalgamfüllungen, wird kaum in die Haarmatrix eingebaut. Daher ist eine Haaranalyse auf Quecksilber im Zusammenhang mit einer Amalgamfragestellung nicht sinnvoll.
Der Quecksilbergehalt des Haares spiegelt die Belastung mit organischen Quecksilber (z.B. infolge häufigen Fischverzehrs) wider.
Aus umweltmedizinischer Sicht können folgende Ratschläge gegeben werden:
Ob Amalgamfüllungen als Ursache für eine bestehende erhöhte Quecksilberbelastung des Körpers (s. "Biomonitoring und Diagnostik") in Frage kommen, kann nur ein erfahrener Umweltmediziner und der Zahnarzt feststellen.
Dabei spielen die Anzahl und Größe der Füllungen, Korrosion, Abrieb und der direkte Kontakt zu anderen Legierungen eine Rolle.
Die Quecksilberbelastung beim Legen oder Entfernen von Amalgamfüllungen kann durch geeignete zahnärztliche Maßnahmen (Absaugen, Kofferdamm usw.) minimiert werden. Der Zahnarzt wird bei einer Amalgamentfernung auf ausreichende Wasserspraykühlung (mindestens 50 mL pro Minute) achten und den Bohrer mit möglichst geringem Führungsdruck führen. Unter diesen Bedingungen ist die Quecksilberbelastung am geringsten (Lichtnecker et al. 1997).
Durch Polieren erzeugt der Zahnarzt an der Oberfläche jeder neuen Amalgamfüllung eine Oxydschicht, die die Quecksilberabgabe minimiert. Daher stellen fachgerecht gelegte und polierte Amalgamfüllungen in den allermeisten Fällen kein Gesundheitsrisiko dar. Die Politur sollte frühestens nach 24 Stunden erfolgen.
Regelmäßiges Kaugummikauen kann die Oxydschicht der Amalgamfüllungen beschädigen. Daher sollte auf allzu häufigen Kaugummigenuss verzichtet werden. Die beste Vorbeugung gegenüber einer amalgambedingten Quecksilberbelastung ist natürlich die Kariesprophylaxe.
Zur "Entgiftung" mittels Chelatbildnern (beispielsweise DMPS) nimmt die Kommission
Human-BiomonitoringMessung eines Fremdstoffes (z. B. einer Chemikalie) und seiner Abbauprodukte im Körper des Menschen, z. B. im Blut, Urin, Haar oder im Fettgewebe wie folgt Stellung: "Nach den hier vorliegenden Erkenntnissen sieht die Kommission keine Indikation für die Anwendung von Chelatbildnern im umweltmedizinischen Bereich, z. B. auch nicht nach der Entfernung von Amalgamfüllungen. Weder die Wirksamkeit noch die Harmlosigkeit dieser Substanzen ist in der Umweltmedizin ausreichend belegt. Dies gilt insbesondere auch für den Einsatz von Chelatbildnern als Diagnostikum (Mobilisationstest)."
Die Kommission „Methoden und Qualitätssicherung in der Umweltmedizin“ empfiehlt in ihrer Stellungnahme vom September 2007 den Ärzten, bei Vorstelllung von Patienten mit selbstvermuteter "Amalgamkrankheit" ausführliche differenzialdiagnostische Überlegungen und Untersuchungen anzustellen und mit dem Patienten zu besprechen, dass die meist unspezifischen Symptome wie Konzentrationsschwäche, Abgeschlagenheit und Kopfschmerz vielerlei Ursachen haben können und nicht für eine Quecksilberbelastung typisch sind. Für die gelegentlich vermuteten Zusammenhänge zwischen Amalgam und bestimmten Krankheiten (wie z.B. Morbus Alzheimer, Morbus Parkinson, ALS, Autismus, Hormonstörungen und multipler Sklerose) gibt es keine Belege, die wissenschaftlichen Prüfungen standhalten würden.
Die ärztliche Qualitätssicherungsgruppe Hessen (Umweltmedizin) hatte bereits früher in einem Positionspapier aufgezeigt, wie ein standardisierter Diagnose- und Behandlungsverlauf bei Patienten mit möglicherweise amalgambedingten Gesundheitsstörungen aussehen könnte (Autorenkollektiv 2000). Die Autoren stützen sich dabei auf Empfehlungen und Erfahrungen der "Kommission Human-Biomonitoring" und zahlreicher auf dem Gebiet der Quecksilber-Toxikologie erfahrener Fachleute. Die Empfehlungen finden sich hier.
Amalgam als Ursache von Beschwerden:
Um zu klären, ob Dentalamalgam als Ursache für gesundheitliche Beschwerden in Frage kommt, sollte zunächst von einem Zahnarzt der Zustand der Amalgamfüllungen untersucht werden.
Anschließend sollte ein erfahrener Allergologe entsprechend den Empfehlungen der Deutschen Kontaktallergiegruppe einen Epikutantest vornehmen.
Falls aus umweltmedizinischer Sicht Biomonitoringuntersuchungen angeraten werden, sollte die Quecksilberbestimmung im 24-Stunden-Urin bzw. im Morgenurin erfolgen. Hierbei sollte auf die Gabe von Komplexbildnern verzichtet werden.
Die umweltmedizinische Bewertung erfolgt anhand der Referenz- und HBM-Werte (Kommission "Human-Biomonitoring" des Umweltbundesamtes) unter Einbeziehung der privaten Lebenssituation, Eßgewohnheiten, etwaiger beruflicher Expositionen usw.
Bei wiederholter amalgambedingter Überschreitung des HBM-I-Wertes sollte gegebenenfalls der Selenstatus überprüft werden (die Selenkonzentration im
BlutserumFlüssiger Teil des Blutes nach abgeschlossener Blutgerinnung sollte 50 Mikrogramm Selen pro Liter überschreiten).
Zukünftige Verwendung von Zahnamalgamen:
Die Kommission "Methoden und Qualitätsicherung in der Umweltmedizin" hält eine weitere Minimierung der zahnärztlichen Amalgamverwendung für wünschenswert (RKI 2007).
Aus Gründen des vorbeugenden Gesundheitsschutzes sollten Amalgamfüllungen nicht mehr gelegt werden:
Der bei der Europäischen Kommission angesiedelte Wissenschaftliche Ausschuß "Neu auftretende und neu identifizierte Gesundheitsrisiken" (European Commission Scientific Committee on Emerging and Newly Identified Health Risks, SCENIHR) hat den Auftrag erhalten, eine wissenschaftliche Stellungnahme zur Sicherheit von Dentalamalgam und alternativen Werkstoffen abzugeben. Diese ist inzwischen veröffentlicht worden (Link zu SCENIHR).
Nach Auffassung des Ausschusses sind sowohl die Versorgung mit Dentalamalgam als auch die Versorgung mit alternativen Materialien zur Wiederherstellung der Zahngesundheit geeignet. Beide (!) Versorgungsarten können in seltenen Fällen lokale Reaktionen hervorrufen. Hinweise auf eine so genannte systemische Wirkung (gesundheitliche Folgen für den Körper) liegen nicht vor.
Zum Quecksilberverbot in zahlreichen Bedarfsgegenständen und Medizinprodukten einschließlich Amalgam auf der EU-Ebene siehe Quecksilber-Informationstext .
Autoren:
Autoren: Prof. K. E. von Mühlendahl, Dr. M. Otto
Stand: August 2011
Nächste Aktualisierung: August 2012
Autorenkollektiv (1997): Restaurationsmaterialien in der Zahnheilkunde (Konsenspapier des Bundesministeriums für Gesundheit, Bundesinstitutes für Arzneimittel und Medizinprodukte, der Bundeszahnärztekammer, Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde und der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung, Stand 1.7.1997). Erhältlich über die Pressestelle des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, Bonn.
Autorenkollektiv (2000): Standardisierte Vorgehensweise in der Klinischen Umweltmedizin: Patienten mit abklärungs- und gegebenenfalls therapiebedürftigen Gesundheitsstörungen bei Verdacht auf "Amalgambelastung". Umweltmed Forsch Prax 5 (2); 120-123
Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte Pressemitteilung 4/95 (1995): BfArM ordnet weitere Einschränkungen in der Amalgam-Anwendung an.
Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (2003): Amalgame in der zahnärztlichen Therapie (BfArM Informationsschrift, Stand: Januar 2005) (zuletzt aufgerufen im August 2011)
Fuchs, T. H. et al. (1994): Stellungnahme der Deutschen Kontaktallergiegruppe der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft. Dermatosen in Beruf und Umwelt 42; 74. www.ivdk.gwdg.de/dkg/amalgam.html (zuletzt aufgerufen im August 2011)
Kommission
Human-BiomonitoringMessung eines Fremdstoffes (z. B. einer Chemikalie) und seiner Abbauprodukte im Körper des Menschen, z. B. im Blut, Urin, Haar oder im Fettgewebe des Umweltbundesamtes Berlin: (1999). Stoffmonographie Quecksilber - Referenz- und Human-Biomonitoring-Werte (HBM). Bundesgesundheitsbl-Gesundheitsforsch-Gesundheitsschutz 42 (6): 522-532
Kommission "Methoden und Qualitätssicherung in der Umweltmedizin" am Robert Koch-Institut (RKI) (2002): Diagnostische Relevanz des Lymphozytentransformationstestes in der Umweltmedizin. Bundesgesundheitsbl Gesundheitsforsch Gesundheitsschutz 45 (9): 745-749
Kommission „Methoden und Qualitätssicherung in der Umweltmedizin“ (2007): Amalgam: Stellungnahme aus umweltmedizinischer Sicht. Bundesgesundheitsbl - Gesundheitsforsch - Gesundheitsschutz 2007 ·50; 1304–1307, Materialienband
Melchart D, Köhler W, Linde K, Zilker T, Kremers L, Saller R, Halbach S. (2008) Biomonitoring of mercury in patients with complaints attributed to dental amalgam, healthy amalgam bearers, and amalgam-free subjects: a diagnostic study. Clin Toxicol (Phila). Band 46(2) S. 133-40
Melchart D, Vogt S, Köhler W, Streng A, Weidenhammer W, Kremers L, Hickel R, Felgenhauer N, Zilker T, Wühr E, Halbach S. (2008) Treatment of health complaints attributed to amalgam. J Dent Res. Band 87(4) S. 349-53.
Mutter J. (2008) Ist Amalgam unschädlich? umwelt-medizin-gesellschaft, Band 21, S. 224 - 229
Müller, K. E. Deutscher Berufsverband der Umweltmediziner: www.dbu-online.de (zuletzt aufgerufen im August 2011)
Mutter; J. et al. (2005): Amalgam: eine Risikobewertung unter Berücksichtigung der neuen Literatur bis 2005. Gesundheitswesen 67: 204 - 216
Nowack, R. SEKIS Berlin (2002): www.tolzin.de/amalgam/bfarm_contra.pdf (zuletzt aufgerufen im August 2011)
Pressemeldung (04.04.2008) Amalgam – schädlich oder ungefährlich? www.med.tu-muenchen.de
Schweinsberg, F. (2002): Bedeutung von Quecksilber in der Umweltmedizin - eine Übersicht. Umweltmed Forsch Prax 7 (5); 263-278
SCENIHR (2007) http://ec.europa.eu/health/scientific_committees/consultations/calls/scenihr_call_info_03_en.htm
und Link zu SCENIHR.
SCENIHR (2007) Safety of dental amalgam and alternative dental restoration materials. http://ec.europa.eu/health/ph_risk/committees/04_scenihr/docs/scenihr_o_011.pdf
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