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Amalgam

Beschreibung

Dentalamalgame werden seit mehr als 150 Jahren in der zahnärztlichen Versorgung als Füllungsmaterial benutzt. Je nach Zusammensetzung und Korrosionsbeständigkeit der beim Härten entstehenden Kristallphasen unterscheidet man zwischen den älteren Gamma-2-haltigen und den neueren Gamma-2-freien Amalgamen.

Vorkommen/Verwendung

Dentalamalgame sind leicht herzustellen, preiswert und gut zu verarbeiten und entsprechen in Bezug auf ihre mechanischen Eigenschaften den Anforderungen, die an ein Füllungsmaterial im kaubeanspruchten Seitenzahnbereich gestellt werden. Allerdings werden Dentalamalgame seit vielen Jahren in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert.

1992 verfügte das damalige Bundesgesundheitsamt, dass Amalgame nur noch für den kautragenden Bereich der Seitenzähne verwendet werden dürfen. Mit Wirkung vom 01. Juli 1995 wurden vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) weitere Einschränkungen der Amalgamanwendung angeordnet. Im seinerzeit formulierten Wortlaut der "Gebrauchs- und Fachinformation" waren unter anderem folgende Anwendungsbeschränkungen enthalten:

  • Amalgamallergie (nachgewiesen)
  • Schwangerschaft
  • Frauen und Mädchen im gebärfähigen Alter
  • Kinder unter 6 Jahren
  • Patienten mit schweren Nierenfunktionsstörungen
  • retrograde Wurzelfüllungen

Das BfArM wies ausdrücklich darauf hin, "dass kein Anlass besteht, vorhandene klinisch einwandfreie Amalgamfüllungen - insbesondere bei Kinderwunsch - entfernen zu lassen."

1997 wurde vom Bundesministerium für Gesundheit, vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und zahnärztlichen Vereinigungen und Gesellschaften ein Konsenspapier zur Amalgamverwendung veröffentlicht. 

Die Kommission „Methoden und Qualitätssicherung in der Umweltmedizin“ hat im September 2007 zu Amalgam eine Stellungnahme aus umweltmedizinischer Sicht abgegeben (RKI 2007) - s. Langfassung.

Gesundheitsrisiken

Aus Dentalamalgamen werden fortlaufend Quecksilber und andere Schwermetalle in geringen Mengen freigesetzt. Zum einen geben die Füllungen Quecksilberdampf ab, der in der Lunge zu etwa 80 Prozent aufgenommen wird. Dieses elementare Quecksilber wird in den Erythrozyten, der Leber und im Gehirn durch das Enzym Katalase oxydiert. Die amalgambedingte Quecksilberbelastung des Körpers kommt hauptsächlich auf diesem Weg zustande.

Zum anderen tragen auch Abrieb und Korrosionsvorgänge zur Quecksilberbelastung bei. Das metallische Quecksilber aus dem Amalgamabrieb wird im Magen-Darm-Trakt kaum resorbiert und trägt somit nur unwesentlich zur Quecksilberbelastung bei. Die aus der Korrosion stammenden Quecksilbersalze werden zu etwa 10 Prozent aufgenommen. Früher gelangten auf diese Weise zwischen 3,9 und 21 Mikrogramm Quecksilber pro Tag in den Körper, heute beträgt die Belastung etwa 2 bis 3 Mikrogramm (Kommission GlossarHuman-BiomonitoringMessung eines Fremdstoffes (z. B. einer Chemikalie) und seiner Abbauprodukte im Körper des Menschen, z. B. im Blut, Urin, Haar oder im Fettgewebe 1999, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte 2003). Eine von der Europäischen Kommission eingesetzte Amalgam-Arbeitsgruppe kommt zu dem Schluss, dass die Quecksilbergesamtexposition der meisten Patienten mit Amalgamfüllungen unter 5 Mikrogramm pro Tag liegt.

Kaugummikauen und nächtliches unbewusstes Zähneknirschen (Bruxismus) können die tägliche Aufnahme um den Faktor 5 bis 20 erhöhen. Auf der Bevölkerungsebene stellen Dentalamalgame weiterhin die wichtigste Quelle für die Quecksilberbelastung des Körpers dar. Von einigen Patienten und Patienteninitiativen werden Dentalamalgame für zahlreiche gesundheitliche Beschwerden, Störungen und Erkrankungen verantwortlich gemacht.

Gelegentlich ist auch von einer Amalgamintoxikation die Rede. In ihrer Informationsschrift "Amalgame in der zahnärztlichen Therapie" (Stand: Januar 2005), nimmt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hierzu Stellung (vgl. Langfassung):

"Nach dem gegenwärtigen wissenschaftlichen Kenntnisstand besteht kein begründeter Verdacht dafür, dass ordnungsgemäß gelegte Amalgamfüllungen negative Auswirkungen auf die Gesundheit des zahnärztlichen Patienten haben. Ausnahmen sind die selten auftretenden lokalen Reaktionen in der Mundhöhle sowie die sehr seltenen Fälle allergischer Reaktionen. Gleichwohl werden dem Amalgam meist in Spontanberichten von Patienten oder Patienteninitiativen die unterschiedlichsten Nebenwirkungen und Erkrankungen zugeschrieben."

Anfang April 2008 wurde eine Pressemitteilung zur umfangreichen GAT-Studie (German Amalgam Trial) veröffentlicht. In diesem zwölf Jahre dauernden Projekt untersuchten "schulmedizinische" und "komplementärmedizinische" Einrichtungen in mehreren Teilprojekten das Schädigungspotential von Amalgam, die diagnostischen Möglichkeiten sowie geeignete Therapien. Beispielsweise wurden erstmals die Auswirkungen einer Amalgamentfernung bei Erwachsenen erforscht. 

Dieter Melchart vom Münchner Klinikum rechts der Isar betont, daß die Ergebnisse nicht dahingehend interpretiert werden dürften, dass Amalgam-Füllungen grundsätzlich keine Beschwerden auslösen können. Doch die Entfernung der Füllungen bei Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Müdigkeit sei meist unnötig.

Andere Meinungen zu Amalgam

Anderslautende Meinungen wurden u.a. vom Deutschen Berufsverband der Umweltmediziner (dbu), von der Amalgamselbsthilfegruppe SEKIS, Berlin und von J. Mutter in einer Literaturstudie (April 2005, hier Kommentar), in seiner Stellungnahme zur Münchener Amalgamstudie (Mutter 2008) und in einem Offenen Brief an die Patientenbeauftragte vom August 2009 geäußert.

Im Internet findet sich eine gute Zusammenfassung der Amalgamdiskussion unter der Adresse www.kzbv.de (Navigation: Patienten => Karies/Füllungstherapie).

Amalgam und Krebs ?

Geht von Amalgamfüllungen möglicherweise ein Krebsrisiko aus ? Der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) hält dies für wenig wahrscheinlich (Stellungnahme).

Empfehlungen der RKI-Kommission

Die Empfehlungen der Kommission „Methoden und Qualitätssicherung in der Umweltmedizin“ (Sept. 2007) sind in der Langfassung enthalten.

Biomonitoring und Diagnostik

Zur Abklärung der Frage, ob Dentalamalgam bei gesundheitlichen Beschwerden eine Rolle spielt, sollte zunächst der Zustand der Amalgamfüllungen von einem Umweltmediziner bzw. einem Zahnarzt untersucht und anschließend ein Epikutantest entsprechend den Empfehlungen der Deutschen Kontaktallergiegruppe von einem erfahrenen Allergologen durchgeführt werden.

Falls aus umweltmedizinischer Sicht Biomonitoringuntersuchungen angeraten werden, sollte die Quecksilberbestimmung im 24-Stunden-Urin bzw. im Morgenurin ohne Gabe von Komplexbildnern erfolgen.

Einzelheiten zur Diagnostik und zum Biomonitoring können in der Langfassung zu diesem Text nachgelesen werden.

Empfohlene Vorgehensweise bei Patienten mit Verdacht auf amalgambedingte Gesundheitsstörungen

Die Kommission „Methoden und Qualitätssicherung in der Umweltmedizin“ empfiehlt in ihrer Stellungnahme vom September 2007 den Ärzten, bei Vorstelllung von Patienten mit selbstvermuteter "Amalgamkrankheit" ausführliche differenzialdiagnostische Überlegungen und Untersuchungen anzustellen und mit dem Patienten zu besprechen, dass die meist unspezifischen Symptome wie Konzentrationsschwäche, Abgeschlagenheit und Kopfschmerz vielerlei Ursachen haben können und nicht für eine Quecksilberbelastung typisch sind. Für die gelegentlich vermuteten Zusammenhänge zwischen Amalgam und bestimmten Krankheiten (wie z.B. Morbus Alzheimer, Morbus Parkinson, ALS, Autismus, Hormonstörungen und multipler Sklerose) gibt es keine Belege, die wissenschaftlichen Prüfungen standhalten würden.

Eine hessische ärztliche Qualitätssicherungsgruppe hat "Empfehlungen zum Vorgehen bei möglicherweise amalgambedingten Gesundheitsstörungen" erarbeitet (Autorenkollektiv 2000). Ein Auszug aus diesen Empfehlungen findet sich hier.

Umweltmedizinische Beratung/Sanierung

Ratschläge aus umweltmedizinischer Sicht finden sich in der Langfassung sowie in den Informationstexten "Amalgamverwendung (Konsens)", "Amalgam: Diagnostik" und "Amalgam: Ratschläge".

Fazit:

Amalgam als Ursache von Beschwerden:

Um zu klären, ob Dentalamalgam als Ursache für gesundheitliche Beschwerden in Frage kommt, sollte zunächst von einem Zahnarzt der Zustand der Amalgamfüllungen untersucht werden.

Anschließend sollte ein erfahrener Allergologe entsprechend den Empfehlungen der Deutschen Kontaktallergiegruppe einen Epikutantest vornehmen.

Falls aus umweltmedizinischer Sicht Biomonitoringuntersuchungen angeraten werden, sollte die Quecksilberbestimmung im 24-Stunden-Urin bzw. im Morgenurin erfolgen. Hierbei sollte auf die Gabe von Komplexbildnern verzichtet werden.

Die umweltmedizinische Bewertung erfolgt anhand der Referenz- und HBM-Werte (Kommission "Human-Biomonitoring" des Umweltbundesamtes) unter Einbeziehung der privaten Lebenssituation, Eßgewohnheiten, etwaiger beruflicher Expositionen usw. Bei wiederholter amalgambedingter Überschreitung des HBM-I-Wertes sollte gegebenenfalls der Selenstatus überprüft werden (die Selenkonzentration im Blutserum sollte 50 Mikrogramm Selen pro Liter übersteigen).

Zukünftige Verwendung von Zahnamalgamen:

Die Kommission "Methoden und Qualitätsicherung in der Umweltmedizin" hält eine weitere Minimierung der zahnärztlichen Amalgamverwendung für wünschenswert (RKI 2007).

Aus Gründen des vorbeugenden Gesundheitsschutzes sollten Amalgamfüllungen nicht mehr gelegt werden:

  • bei Sanierungsmaßnahmen am Milchgebiß
  • während der Schwangerschaft und Stillzeit
  • beim Vorhandensein anderer metallischer Zahnwerkstoffe mit direktem Kontakt mit den (zu legenden) Amalgamfüllungen
  • bei der Diagnose so genannter lichenoider Reaktionen im Mundbereich
  • bei Patienten mit Niereninsuffizienz
  • bei festgestellter Allergie (Typ IV) gegenüber Amalgam.

Aktuell (August 2010):

Der bei der Europäischen Kommission angesiedelte Wissenschaftliche Ausschuß "Neu auftretende und neu identifizierte Gesundheitsrisiken" (European Commission Scientific Committee on Emerging and Newly Identified Health Risks, SCENIHR) hat den Auftrag erhalten, eine wissenschaftliche Stellungnahme zur Sicherheit von Dentalamalgam und alternativen Werkstoffen abzugeben. Diese ist inzwischen veröffentlicht worden (Link zu SCENIHR).

Nach Auffassung des Ausschusses sind sowohl die Versorgung mit Dentalamalgam als auch die Versorgung mit alternativen Materialien zur Wiederherstellung der Zahngesundheit geeignet. Beide (!) Versorgungsarten können in seltenen Fällen lokale Reaktionen hervorrufen. Hinweise auf eine so genannte systemische Wirkung (gesundheitliche Folgen für den Körper) liegen nicht vor.

Zum Quecksilberverbot in zahlreichen Bedarfsgegenständen und Medizinprodukten einschließlich Amalgam auf der EU-Ebene siehe Quecksilber-Informationstext .

Autoren: Prof. K. E. von Mühlendahl, Dr. M. Otto

Stand: August 2010

Nächste Aktualisierung: August 2011

Quellen und weiterführende Literatur

Autorenkollektiv (1997): Restaurationsmaterialien in der Zahnheilkunde (Konsenspapier des Bundesministeriums für Gesundheit, Bundesinstitutes für Arzneimittel und Medizinprodukte, der Bundeszahnärztekammer, Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde und der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung, Stand 1.7.1997). Erhältlich über die Pressestelle des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, Bonn.

Autorenkollektiv (2000): Standardisierte Vorgehensweise in der Klinischen Umweltmedizin: Patienten mit abklärungs- und gegebenenfalls therapiebedürftigen Gesundheitsstörungen bei Verdacht auf "Amalgambelastung". Umweltmed Forsch Prax 5 (2); 120-123

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte Pressemitteilung 4/95 (1995): BfArM ordnet weitere Einschränkungen in der Amalgam-Anwendung an.

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (2003): Amalgame in der zahnärztlichen Therapie (BfArM Informationsschrift, Stand: Januar 2005) (zuletzt aufgerufen im August 2010)

Fuchs, T. H. et al. (1994): Stellungnahme der Deutschen Kontaktallergiegruppe der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft. Dermatosen in Beruf und Umwelt 42; 74. www.ivdk.gwdg.de/dkg/amalgam.html (zuletzt aufgerufen im August 2010)

Kommission GlossarHuman-BiomonitoringMessung eines Fremdstoffes (z. B. einer Chemikalie) und seiner Abbauprodukte im Körper des Menschen, z. B. im Blut, Urin, Haar oder im Fettgewebe des Umweltbundesamtes Berlin: (1999). Stoffmonographie Quecksilber - Referenz- und Human-Biomonitoring-Werte (HBM). Bundesgesundheitsbl-Gesundheitsforsch-Gesundheitsschutz 42 (6): 522-532

Kommission "Methoden und Qualitätssicherung in der Umweltmedizin" am Robert Koch-Institut (RKI) (2002): Diagnostische Relevanz des Lymphozytentransformationstestes in der Umweltmedizin. Bundesgesundheitsbl Gesundheitsforsch Gesundheitsschutz 45 (9): 745-749

Kommission „Methoden und Qualitätssicherung in der Umweltmedizin“ beim RKI (2007): Amalgam: Stellungnahme aus umweltmedizinischer Sicht. Bundesgesundheitsbl - Gesundheitsforsch - Gesundheitsschutz 2007 · 50; 1304–1307,  Materialienband

Melchart D, Köhler W, Linde K, Zilker T, Kremers L, Saller R, Halbach S. (2008)  Biomonitoring of mercury in patients with complaints attributed to dental amalgam, healthy amalgam bearers, and amalgam-free subjects: a diagnostic study. Clin Toxicol (Phila). Band 46(2) S. 133-40

Melchart D, Vogt S, Köhler W, Streng A, Weidenhammer W, Kremers L, Hickel R, Felgenhauer N, Zilker T, Wühr E, Halbach S. (2008) Treatment of health complaints attributed to amalgam. J Dent Res. Band 87(4) S. 349-53.

Mutter J. (2008) Ist Amalgam unschädlich?  umwelt-medizin-gesellschaft, Band 21, S. 224 - 229

Müller, K. E. Deutscher Berufsverband der Umweltmediziner: www.dbu-online.de (zuletzt aufgerufen im August 2010)

Mutter; J. et al. (2005): Amalgam: eine Risikobewertung unter Berücksichtigung der neuen Literatur bis 2005. Gesundheitswesen 67: 204 - 216

Nowack, R. SEKIS Berlin: www.tolzin.de/amalgam/bfarm_contra.pdf (zuletzt aufgerufen im August 2010)

Pressemeldung (04.04.2008) Amalgam – schädlich oder ungefährlich? www.med.tu-muenchen.de

Schweinsberg, F. (2002): Bedeutung von Quecksilber in der Umweltmedizin - eine Übersicht. Umweltmed Forsch Prax 7 (5); 263-278

SCENIHR (2007)  http://ec.europa.eu/health/ph_risk/committees/04_scenihr/scenihr_call_info_03_en.htm
und  Link zu SCENIHR 

SCENIHR (2007) Safety of dental amalgam and alternative dental restoration materials. http://ec.europa.eu/health/ph_risk/committees/04_scenihr/docs/scenihr_o_011.pdf

Ye X, Qian H, Xu P, Zhu L, Longnecker MP, Fu H.(2009) Nephrotoxicity, neurotoxicity, and mercury exposure among children with and without dental amalgam fillings.Int J Hyg Environ Health. 2009 Jul Band 212(4) S. 378-86

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