
Bisphenol A ist Ausgangsstoff für einen höchst vielseitigen Kunststoff, das Polycarbonat.
Dieser Kunststoff begegnet uns in vielfältiger Weise im täglichen Leben, da er sehr gute Gebrauchseigenschaften (Durchsichtigkeit, gute Beständigkeit gegenüber Chemikalien und erhöhten Temperaturen) aufweist.
Aus Polycarbonat werden beispielsweise CDs, Kunstglas, Autoteile, Armaturen, Produkte für den Medizinbedarf, Haushaltsgegenstände und vieles mehr hergestellt.
Das Interesse der Medien gilt besonders den aus Polycarbonat hergestellten Babyflaschen. Diese sind vom Gewicht her recht leicht, können vom Baby selbst gehalten werden und sie sind unzerbrechlich. Die Kritik bezieht sich auf die Freisetzung von Bisphenol A aus solchen Plastikflaschen.
Wieviel Bisphenol A kann herausgelöst werden ?
Die Herauslösung ("Migration") von Bisphenol aus polycarbonat-basierten Gegenständen, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen, ist vielfach untersucht worden (vgl. Medienspiegel).
In typischen Gebrauchssituationen liegt die Freisetzung unter 3 Mikrogramm Bisphenol A pro Kilogramm Lebensmittel, sie ist also sehr gering. Erst unter extremen Bedingungen (in Gegenwart von 60 Grad heißem Alkohol über 24 Stunden) kann sie in Einzelfällen Werte über 20 Mikrogramm Bisphenol A pro Kilogramm erreichen (Europäische Union 2001).
Die Verbraucherzeitschrift Öko-Test hat im September 2003 die Freisetzung aus Babyflaschen untersucht (Ökotest 2003). Hier fanden sich bei üblicher Nutzung (Befüllen der Flasche mit warmem Getränk) Spuren von Bisphenol A im Bereich einiger weniger Mikrogramm pro Liter Flüssigkeit. Nur bei Zubereitung (Erwärmung) in der Mikrowelle wurde eine deutliche Freisetzung beobachtet.
In einer aktuellen (Juni 2010) Untersuchung aus Österreich zum gleichen Thema lagen alle Meßwerte für Bisphenol A etwa 300 - 1000-fach unter dem EU-weit gültigen Grenzwert.
Nach Sichtung der vielfältigen Studien zur Bisphenol A-Freisetzung kann zusammenfassend gesagt werden, dass unter ungünstigsten Bedingungen mit einem Übertritt von 10 Mikrogramm Bisphenol A in 1 Kilogramm Lebensmittel gerechnet werden müßte (SCF 2002).
Was sagt die Bedarfsgegenstände-Verordnung ?
Die Bedarfsgegenstände-Verordnung in ihrer derzeit gültigen Fassung schreibt vor, dass höchstens 600 Mikrogramm Bisphenol A auf ein Kilogramm eines Lebensmittels übergehen dürfen. Dieser Wert wird als Migrationswert bezeichnet.
Das bedeutet, daß der o.g. Wert für die Herauslösung von Bisphenol A auch unter ungünstigsten Verhältnissen den Migrationswert deutlich - nämlich 60-fach - unterschreitet.
Bisphenol A wird seit ca. 50 Jahren toxikologisch untersucht. Bisphenol A ist nicht
akutplötzlich, schnell (bei Krankheiten meist mit einem heftigen Verlauf einhergehend) giftig, ruft keine Veränderungen am Erbgut hervor, ist nicht Frucht schädigend und wirkt auch nicht Krebs erzeugend (SCF 2002).
Bisphenol A gehört zu den Stoffen mit östrogenartiger Wirkung. In Versuchen an Fröschen, Fischen und Vögeln wurde gezeigt, daß Bisphenol A an den so genannten Östrogenrezeptor (einem Bindungsort für weibliche Sexualhormone in der Zelle) bindet und zur Verweiblichung, zu Fehlbildungen der Fortpflanzungsorgane und anderen Effekten führt. Allerdings waren hierfür sehr hohe Konzentrationen erforderlich. Bisphenol A wirkt etwa 100 bis 10 000-fach schwächer als das natürliche Sexualhormon Östradiol (Umweltbundesamt 2010).
Übertragbarkeit Tier - Mensch
Neuere Studien haben bedeutsame Unterschiede zwischen Menschen und Nagetieren nachgewiesen.
Sie betreffen zum einen die wesentlich schnellere Verstoffwechslung von Bisphenol A beim Menschen und zum anderen die besondere Empfindlichkeit von Mäusen gegenüber Umweltstoffen mit östrogener Wirkung.
Dies muß bei der Übertragung der Ergebnisse von Tierversuchen auf den Menschen beachtet werden (siehe ausführlichen Informationstext zu Bisphenol A).
Im Magen-Darm-Trakt wird Bisphenol A gut resorbiert, es wird im Stoffwechsel in eine wasserlösliche Verbindung ("Bisphenol A-Glucuronid, Bisphenol A-Sulfat") umgewandelt und rasch über die Niere ausgeschieden.
Die Halbwertzeit im Körper liegt bei weniger als 6 Stunden.
Beim Menschen geht eine östrogenartiger Wirkung nach derzeitigem Wissensstand nur vom freien Bisphenol A aus, also nicht von seinen Stoffwechselprodukten, dem Bisphenol A-Glucuronid oder -sulfat.
Ob und inwieweit diese Wirkung allerdings für den Menschen von Bedeutung ist, wird in der Fachwelt untersucht und diskutiert:
Das BfR befasst sich bereits seit langem mit der gesundheitlichen Bewertung von Bisphenol A, insbesondere mit dessen Wirkung unter verbrauchernahen Bedingungen. Es bewertet regelmässig Studien zu Bisphenol A und kommentiert sie (siehe z.B. Kommentar zu den aktuellen Studien von Stump et al und Ryan et al. vom Frühjahr 2010). )
Im Januar 2010 hat das BfR nochmals zu Bisphenol A in Babyflaschen Stellung genommen und eine Liste häufig gestellter Fragen und Antworten veröffentlicht.
Fazit des BfR:
"Das BfR hält es nach dem gegenwärtigen wissenschaftlichen Kenntnisstand nicht für erforderlich, auf Babyfläschchen aus Polycarbonat zu verzichten. Eltern, die trotzdem verunsichert sind, haben einerseits die Möglichkeit, auf Trinkflaschen aus Glas auszuweichen. Zu berücksichtigen ist hierbei allerdings, dass Glasflaschen eine Bruchgefahr bergen.
Außerdem gibt es verschiedene Kunststoff-Alternativen zu Polycarbonat, z.B. werden Babyflaschen aus Polypropylen angeboten. Polypropylen gibt grundsätzlich deutlich mehr Substanzen an Lebensmittel ab, als Polycarbonat. Die migrierenden Stoffe sind jedoch gesundheitlich bewertet und die für ihre Verwendung geltenden Migrationsgrenzwerte müssen eingehalten werden.
Im Handel werden auch Fläschchen aus Polyethersulfon angeboten und als „B free“ beworben. Die Ausgangsstoffe für diesen Kunststoff sind allerdings bislang wissenschaftlich wesentlich weniger untersucht als Bisphenol A."
Sicherlich ist der Wunsch aller Mütter nur allzu gut verständlich, ihrem Baby nur das Beste angedeihen zu lassen und möglicherweise schädliche Einflüsse von ihm fernzuhalten. Doch besteht hier Grund zur Sorge ?
Nein. Die Zufuhr von Bisphenol A, das aus Polycarbonat-Babyflaschen herausgelöst wird, liegt im Bereich weniger Mikrogramm (Millionstel Gramm) pro Tag und damit weit unter der derzeit zulässigen täglichen Aufnahmemenge.
Angenommen, ein 5 Kilogramm schwerer Säugling würde täglich 700 Milliliter Babynahrung aus einer solchen Babyflasche trinken und der Bisphenol A-Gehalt der Flüssigkeit betrüge 10 Mikrogramm pro Liter (dieser Wert wird als ungünstigster Fall angesehen).
Seine Bisphenol A-Aufnahme betrüge dann 7 Mikrogramm pro Tag. Die zulässige Aufnahmemenge läge bei 250 Mikrogramm. Das entspricht einer 35-fachen Unterschreitung des derzeit gültigen "Grenzwertes TDI".
Dazu ist anzumerken, dass Grenzwerte (hier die duldbare tägliche Aufnahmemenge TDI) fast immer mit Sicherheitsfaktoren versehen sind, um auch den Schutz besonders empfindlicher Personengruppen zu gewährleisten.
Und: da der ungünstigste Fall betrachtet wurde, ist die tatsächliche Aufnahme noch geringer als hier angenommen.
Autor: Dr. M. Otto, Prof. Dr. med. K.E. von Mühlendahl
Stand: Juli 2010
Bisphenol-Website der Polycarbonate/BPA Global Group: www.bisphenol-a.org/
Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) (2005): Eine neue Studie zur östrogenen Wirkung von Bisphenol A und ihre Relevanz für die Risikobewertung. Stellungnahme Nr. 48/2005 des BfR vom 22.12.2005
Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) (2006): Ausgewählte Fragen und Anworten zu Bisphenol A in Babyfläschchen (Stellungnahme vom 29.1.2007)
Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) (2008): Neue Studien zu Bisphenol A stellen die bisherige Risikobewertung nicht in Frage (Stellungnahme vom 19.09.2008)
Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) (2008): Materialien und Links zu Bisphenol A in Lebensmitteln.
Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) (2010): Bisphenol A: Studien von Stump et al. (2010) und Ryan et al. (2010) ergeben keine Hinweise für nachteilige Auswirkungen auf die neurologische Entwicklung und das Verhalten. Stellungnahme Nr. 35/2010 des BfR vom 29.07.2010
Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) (29. Januar 2007) : Sicherheit von Bisphenol A www.efsa.europa.eu/de/press_room/press_release/pr_bpa.html
Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) (Juli 2008): EFSA updates advice on bisphenol www.efsa.europa.eu/EFSA/efsa_locale.html
Europäische Kommission ( 2010) 4,4’-ISOPROPYLIDENEDIPHENOL (BISPHENOL-A) RISK ASSESSMENT
Complete risk assessment in one document http://ecb.jrc.ec.europa.eu/documents/Existing-Chemicals/RISK_ASSESSMENT/ADDENDUM/bisphenola_add_325.pdf
European Chemicals Buro (2003) http://ecb.jrc.it/bisphenolareport325.pdf
European Chemicals Buro (2008) http://ecb.jrc.it/ADDENDUM/bisphenola_add_325.pdf
Scientific Committee on Food (2002): Opinion of the Scientific Committee on Food on Bisphenol A (Expressed on 17 April 2002)
Schönfelder, G. (2008): Alltagschemikalie Bisphenol A in Babyflaschen. www.uni-wuerzburg.de/sonstiges/meldungen/single/artikel/bisphenol/
Öko-Test-Verlag (2003): Bisphenol A in Babyflaschen. Öko-Test Heft 9 (2003) S. 46 - 47
Kuruto-Niwa R, Tateoka Y, Usuki Y, Nozawa R. (2006): Measurement of bisphenol A concentrations in human colostrum. Chemosphere. 2006 Aug 10; [Epub ahead of print]
Webster P (2008): Canada moves to protect babies from chemical. In: The Lancet, Vol. 371, Issue 9630.