Das Schwermetall Blei kommt als metallisches Blei und in anorganischen bzw. organischen Verbindungen vor. Insbesondere metallisches Blei und seine anorganischen Verbindungen sind von großer umweltmedizinischer Relevanz.
Aufgrund der stofflichen Eigenschaften, besonders der Biegsamkeit, der Korrosionsbeständigkeit und der hohen Dichte, fanden und finden Blei und seine Verbindungen vielfältige technische Verwendung.
Metallisches Blei wurde früher zur Herstellung von Bleileitungsrohren verwendet. Es kommt heute noch in der Akkumulatorenproduktion, bei der Munitionsherstellung usw. zum Einsatz. Im Haushalt findet sich metallisches Blei beispielsweise noch im Lötzinn, in Gardinenbändern, als Angelgewicht, in historischen Trinkgefäßen und ähnlichen Gegenständen (Bleiverglasung, alte Bleilettern). Bestimmte verzinkte Haushaltsgeräte können bleihaltig sein.
Gelegentlich wurden neu verlegte Kupferrohre zur häuslichen Trinkwasserversorgung mit bleihaltigem Lot verbunden. Die anfänglich deutliche Bleibelastung des Wassers ging aber nach mehreren Wochen auf akzeptable Werte zurück.
Im Freizeitbereich sind schlecht belüftete Schießstände und Gewehrmunition (zum Beispiel steckengebliebene Schrotkugeln bei Jagdunfällen) zu erwähnen, die dann zu einer deutlichen Bleibelastung führen können. Sportschützen weisen eine erhöhte Bleikonzentration im Blut auf, diese korreliert mit dem Kaliber (vom Luftdruckgewehr über Kleinkaliber zum Großkaliber hin ansteigend) (Schierl et al. 2011).
Das zum "Bleigießen" verwendete Metall enthält jetzt kein Blei mehr.
Das Universitätsklinikum Leipzig berichtete in 2008 über Bleivergiftungen, die durch bleihaltiges Marihuana verursacht wurden (Busse et al., 2008). Vermutlich sollte durch die hohe spezifische Masse des Bleis das Gewicht der Droge gestreckt werden.
Diese wurden früher zur Herstellung von Bleifarben und Rostschutzanstrichen ("Bleimennige", z.B. auch bei Höchstspannungsstrommasten) sowie von Schädlingsbekämpfungsmitteln insbesondere im Obstbau (Bleiarsenat) verwendet.
Aus historischer Sicht sind bleihaltige Künstlerfarben und bestimmte medizinische Verwendungen ("Bleipflaster") zu erwähnen. Bleifarben dürfen heutzutage im Innenraum nicht mehr verwendet werden. Sie finden sich vereinzelt noch in Altbauten. Neuzeitliche Farben enthalten weniger als ein Prozent Blei.
Spielzeugrichtlinie
Kinderspielzeug darf nur soviel Blei enthalten, daß bei versehentlichem Verschlucken pro Tag höchstens 0.7 Mikrogramm Blei freigesetzt werden können (BfR 2007).
Die neue Spielzeugrichtlinie der Europäischen Union vom 18. Juni 2009 sieht einen Migrationsgrenzwert von 160mg Blei pro Kilogramm Spielzeug vor. Dies betrifft mechanisch abgeschabtes Spielzeugmaterial. Dies kann passieren, wenn Kinder das Spielzeug in den Mund nehmen und mit den Zähnen daran reiben.
Im Vergleich zur Richtlinie aus dem Jahr 1988 ist der Migrationsgrenzwert von 90 mg/kg angestiegen. Aus Sicht des Gesundheitsschutzes ist diese Veränderung kritisch zu sehen.
Weitere Quellen
Mögliche Bleibelastungen können auch durch Bleikristallglas und bleilässige Keramikgefäße vor allem in Verbindung mit sauren Getränken entstehen. Im Bleikristallglas liegt Blei als Bleisilikat vor. Glasuren ungenügend gebrannter Keramikgefässe können bleilässig sein.
Als ungewöhnliche, exotische Bleiquelle hat sich im Rahmen einer umweltmedizinischen Kasuistik eine bleihaltige "Heilerde" aus Asien herausgestellt (Th. Rutt, Th. Lob, 2009).
Die bekanntesten organischen Bleiverbindungen sind das Bleitetramethyl und das Bleitetraethyl, die früher Kraftstoffen zur Erhöhung der Klopffestigkeit zugesetzt wurden.
In den letzten Jahren ist die Bleibelastung dank gesetzlicher Maßnahmen (Benzinbleigesetz!) und weiterer Verwendungseinschränkungen deutlich zurückgegangen. Das spiegelt sich in den Daten der Umweltsurveys wider. Die im Rahmen des aktuellen Kinder-Umwelt-Surveys (KUS) gemessene Bleibelastung im Blut 3 - 14-jähriger Kinder betrug durchschnittlich nur noch 16 Mikrogramm pro Liter (geometrischer Mittelwert, Stand Juni 2007). Vor 15 Jahren lag dieser Wert noch bei 32 Mikrogramm pro Liter (Altersgruppe 6 - 14 Jährige).
Belastungsquellen: auf der Bevölkerungsebene spielen Lebensmittel die größte Rolle. Insbesondere sind hier staubbelastete pflanzliche Lebensmittel und Innereien von Schlachttieren zu nennen. Zwar wird Blei im Vergleich mit anderen Schwermetallen verhältnismäßig wenig von Pflanzen aus dem Boden aufgenommen, doch kann bleihaltiger Staub an Pflanzen (insbesondere solchen mit großer Blattoberfläche) anhaften. Werden die Pflanzen als Gemüse verzehrt, kann die Bleibelastung durch gründliches Waschen reduziert werden. Weidetiere jedoch nehmen die Blätter samt Staub zu sich. Innereien von Schlachttieren wie z.B. Leber, Niere und Gehirn gehören zu den Speicherorganen für Blei.
Eine weitere wichtige Quelle sind immer noch vorhandene Bleirohre in der häuslichen Wasserinstallation. Der Bleigehalt im Standwasser kann bis zu 500 Mikrogramm pro Liter betragen, als Grenzwert gelten derzeit 25 Mikrogramm pro Liter. Gelegentlich trägt eine Bleibelastung des Bodens, beispielsweise aufgrund einer Altlastenproblematik, zur Gesamtbelastung des Körpers bei.
Kinder, insbesondere Kleinkinder, sind aufgrund ihrer alterstypischen Spiel- und Verhaltensweisen besonders gefährdet. Nach Schätzungen der Kommission "Human-Biomonitoring" des Umweltbundesamtes beträgt die tägliche Aufnahmemenge bei Kindern etwa 0,8 Mikrogramm Blei pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Bei Erwachsenen liegt sie etwas darunter (0,5 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag).
Blei besitzt keine physiologische Bedeutung für den Menschen. Es ähnelt chemisch vielfach dem Kalzium und stört auf diese Weise unter anderem kalziumabhängige Stoffwechselprozesse.
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) stuft seit Juni 2006 Blei und seine anorganischen Verbindungen in die Kategorie 2 ein. In der Kategorie 2 finden sich Stoffe, die als krebserzeugend für den Menschen anzusehen sind. Nach Ergebnissen aus Tierversuchen und epidemiologischen Untersuchungen ist davon auszugehen, daß sie einen nennenswerten Beitrag zum Krebsrisiko leisten (sinngemäßer Text).
Anorganische Bleiverbindungen werden über den Magen-Darm-Trakt zu etwa 10 Prozent (Erwachsene) und zu etwa 50 Prozent (Kind) absorbiert. Bei Personen mit einem Eisen-, Kalzium-, Zink- und Phosphatmangel ist die Bleiresorption über den Magen-Darm-Trakt noch höher. Der wichtigste Speicherort im Körper ist das Skelett: etwa 90 Prozent der Körperlast eines Erwachsenen findet sich in den Knochen. Bei Kindern beträgt dieser Anteil nur etwa 60 Prozent.
Weitere Speicherorgane sind rote Blutkörperchen (Erythrozyten), Leber und Nieren. Bleiionen können die Blut-Hirn-Schranke passieren und auch in die Muttermilch übertreten. Darüber hinaus ist Blei plazentagängig und bewirkt eine Belastung auch des Föten. Die
biologische Halbwertzeitdie Zeitspanne, innerhalb der ein Stoff in einem biologischen Organismus die Hälfte seiner Wirkung verliert beläuft sich im Blut auf etwa 20 - 30 Tage, im Knochen auf viele Jahre. Blei wird über den Urin und über die Feces ausgeschieden.
Bereits in kleinen Dosen übt Blei bei chronischer Einwirkung eine schädigende Wirkung auf das Nerven- und Blutbildungssystem sowie auf die Nieren aus. Erste Störungen werden bei einer Bleikonzentration im Blut oberhalb von 100 Mikrogramm pro Liter beobachtet. Offenbar ist das Nervensystem und hier vor allem das Nervensystem der Kinder gegenüber Blei besonders empfindlich.
Erste, möglicherweise unumkehrbare Intelligenzdefizite und psychomotorische Störungen finden sich bei Kindern mit einem Bleigehalt im Blut von 100 bis 300 Mikrogramm pro Liter.
Sehr wahrscheinlich treten neurotoxische Effekte auch bereits bei Konzentrationen unterhalb von 100 Mikrogramm pro Liter auf. Eine Schwellenkonzentration konnte bisher nicht gefunden werden.
Blei vermindert die Hämoglobinsynthese durch Hemmung der daran beteiligten Enzyme und des Eiseneinbaus. Auch hier sind Kinder deutlich stärker gefährdet als Erwachsene.
Blei stört den Vitamin D- und den Kalzium-Stoffwechsel.
Die nachfolgende Tabelle gibt einen Überblick über Wirkungen des Bleis auf Kinder und Erwachsene in Abhängigkeit von der Konzentration im Blut:
| Wirkungen | Blutbleiwerte (Mikrogramm pro Liter) |
|
| Kinder | Erwachsene | |
|
Störungen des Nervensystems |
50 - 470 100 - 1501 < 100 |
--- --- 500 300 - 700 |
| Störungen der Blutbildung EP erhöht Hämatokrit/Hämoglobin erniedrigt Anämie (HKT < 35%) |
|
500 270 800 - 1000 |
| Andere subtile Nierenfunktionsstörungen Blutdruckanstieg kleine Fehlbildungen (Häm- und Lymphangiome, Kryptorchismus) Geburtsgewicht vermindert Frühgeburt (< 37. SSW) Störung des Vit.-D-Metabolismus |
|
50 - 350 120 - 130 > 140 --- |
HKT= Hämatokrit IQ=Intelligenzquotient SSW=Schwangerschaftswoche
1 Vereinzelt < 100 Mikrogramm pro Liter
2 nur bei Summation einzelner Anomalien
3 Nabelschnurblut
*Nach: Kommission "Human-Biomonitoring" 1996
Endokrine Wirkungen des Bleis
Neuerdings wird über endokrine Wirkungen berichtet (Kommission Human-Biomonitoring, 2009). Blei beeinflusst die sexuelle Reifung (Pubertätseintritt, Regelblutung, Schambehaarung, Brustentwicklung) bei Mädchen wie auch die Körpergröße, Gewicht und Pubertätsbeginn bei Jungen.
Eine akute Bleivergiftung macht sich durch Bauchschmerzen, Übelkeit, Müdigkeit und Störungen der Nierenfunktion bemerkbar. Der dunkle (dunkelblau bis schwarze) Bleisaum am Zahnfleischrand entsteht durch die Reaktion des Bleis mit Schwefelverbindungen, die bakteriell in der Mundhöhle gebildet werden. Im Blutbild fällt neben einer Anämie die basophile Tüpfelung der
Erythrozytenrote Blutkörperchen auf, und die Aktivität eines an der Hämoglobinsynthese beteiligten Enzyms (Delta-Aminolävulinsäuredehydratase) ist erniedrigt.
Bei chronischer Bleibelastung findet man neben der Anämie auch Eßstörungen, Lethargie, leichte Reizbarkeit, Muskelschwäche, kolikartige Bauchschmerzen und als Langzeitfolge eine Intelligenzminderung.
Der Bleigehalt in Umweltproben und in Körperflüssigkeiten kann mit Hilfe der Atomabsorptionsspektrometrie oder der inversen Voltammetrie bestimmt werden. Das letztere Verfahren erfordert eine aufwendigere Probenvorbereitung, ist dafür aber etwas empfindlicher.
Die Bleibelastung des Körpers kann - je nach Fragestellung - im Blut, im Urin, in Zähnen und im Haar erfasst werden. Die Bleibestimmung im Blut ist für die Bestimmung der aktuellen Bleibelastung am besten geeignet und ist Messungen im Urin vorzuziehen. Die Bestimmung erfolgt im Vollblut, da etwa 95 Prozent des im Blut vorkommenden Bleis an die
Membrandünne Trennwand, Grenzfläche der roten Blutkörperchen gebunden sind.
Venenblut ist für die Untersuchung besser geeignet als Kapillarblut. Für spezielle Fragestellungen, beispielsweise zur Untersuchung der Langzeitbleibelastung von Kindern, kann der Bleigehalt der Zähne untersucht werden. Dieser steigt mit dem Lebensalter und der Höhe der Bleibelastung an. Die Untersuchung des Bleigehalts in Haaren ist für eine Abschätzung einer individuellen Belastung wenig geeignet. Eine
longitudinaleder Länge nach Analyse des Haares kann jedoch bei forensischen Fragestellungen nützlich sein.
Die persönlichen Messwerte können sowohl mit Referenzwerten als auch mit sogenannten HBM-Werten verglichen werden. Zwischen Referenzwerten und HBM-Werten bestehen vom Konzept und von der Aussagekraft her große Unterschiede.
Referenzwerte geben an, wo die obere Grenze der "allgemeinen Grundbelastung" in der Bevölkerung zum Zeitpunkt der Untersuchung liegt. Sie sagen nichts über eine mögliche Gesundheitsgefährdung aus, helfen aber, überdurchschnittlich belastete Personen zu identifizieren.
Referenzwerte
Auf der Grundlage des Umweltsurveys von 1998 hat die Kommission "Human-Biomonitoring" folgende Referenzwerte festgelegt (Kommission "Human-Biomonitoring" 2002):
| Frauen (18 - 69 Jahre) | 70 Mikrogramm Blei pro Liter Blut* |
| Männer (18 - 69 Jahre) | 90 Mikrogramm Blei pro Liter Blut* |
Für Kinder liegen jetzt aktualisierte Referenzwerte der Kommission "Human-Biomonitoring" (2009) vor. Sie basieren auf den Daten des Kinder-Umwelt-Surveys (2003 / 2006):
| Kinder (3 - 14 Jahre) | 35 Mikrogramm Blei pro Liter Blut* |
* Bei Messungen an Einzelpersonen muss eine analytische Unsicherheit von etwa 10 - 20 Mikrogramm pro Liter berücksichtigt werden.
Sofern diese Werte überschritten werden, ist zunächst eine Nachkontrolle sinnvoll. Sollte sich der Verdacht einer erhöhten Bleibelastung bestätigen, sollte nach der Bleiquelle geforscht werden.
Für den Umweltschadstoff Blei hatte die Kommission "Human-Biomonitoring" HBM-Werte für Risikogruppen und für die Gruppe der übrigen Personen festgelegt (s. auch nächsten Abschnitt). Zu den Risikogruppen zählen Kinder bis zum Alter von einschließlich 12 Jahren und Mädchen/Frauen im Alter zwischen 13 und 45 Jahren im gebärfähigen Alter. Als Begründung wird angeführt (Kommission "Human-Biomonitoring" 1996):
"Wegen des ungehinderten Übertritts von Blei durch die Plazenta läßt sich bereits pränatal ab der 12. Schwangerschaftswoche eine Bleiaufnahme durch den Feten nachweisen. Bleiionen passieren in einem nicht näher bekannten Umfang die Blut-Hirn-Schranke, beim Kind wahrscheinlich effektiver als bei Erwachsenen. Der sich entwickelnde Fetus und Kleinkinder sind gegenüber Blei besonders empfindlich. Als schwerwiegend werden die subtilen Wirkungen auf zentralnervöse Funktionen gewertet, für die auch bei geringer Bleibelastung mit Konzentrationen im Vollblut von 100 - 150 Mikrogramm pro Liter hinreichende Anhaltspunkte vorliegen (Veränderung neuropsychologischer und verhaltensabhängiger Parameter). Kleinkinder bis zu einem Alter von sechs Jahren nehmen über Hand-zu-Mund-Aktivitäten mehr Blei auf als Erwachsene. Unterschiede in der Kinetik führen zu einer höheren inneren Belastung und Mobilisierbarkeit von Blei bei Kindern. Die gastrointestinale Absorptionsquote beim Erwachsenen wird auf 10 %, bei Kindern dagegen auf 50 % geschätzt. Kinder speichern nur etwa 60 % des Gesamtbleis im Knochen (Erwachsene 90 %), der mobilisierbare Anteil (vorwiegend im Weichteilgewebe) von Blei ist bei ihnen höher."
Die HBM-Werte (HBM-I und HBM-II) für Blei im Blut aller Personengruppen wurden von der Kommission
Human-BiomonitoringMessung eines Fremdstoffes (z. B. einer Chemikalie) und seiner Abbauprodukte im Körper des Menschen, z. B. im Blut, Urin, Haar oder im Fettgewebe ausgesetzt. Gründe hierfür waren insbesondere das Fehlen einer Wirkschwelle für Blei und die Einstufung der MAK-Kommission von Blei in die Kat. 2 („als Krebs erzeugend für den Menschen anzusehen“).
Auch der in der Arbeitsmedizin bedeutsame MAK- und BAT-Wert für Blei wurde in 2004 aufgrund der Neubewertung des krebserzeugenden Potentials ausgesetzt (DGAUM, Juni 2005).
In der folgenden Tabelle sind die früher gültigen Human-Biomonitoring-Werte für die Bleikonzentration im Blut zusammengestellt (Werte in Klammern):
| HBM-Werte (Mikrogramm Blei pro Liter Vollblut) | Risikogruppen* |
Übrige Personen |
| HBM I |
ausgesetzt (100) |
ausgesetzt (150) |
| HBM II |
ausgesetzt (150) |
ausgesetzt (250) |
* Zu den Risikogruppen zählen Kinder bis zum Alter von einschließlich 12 Jahren und Mädchen/Frauen im gebärfähigen Alter (13 und 45 Jahre).
Die Kommission "Human-Biomonitoring" hatte - in Abhängigkeit von der Bleikonzentration - Maßnahmen zur Verminderung der Exposition und zur Therapie vorgeschlagen. Allerdings sollte der erhaltene Wert zunächst analytisch überprüft werden.
a) Maßnahmen bei hohen (umweltmedizinisch selten vorkommenden) Blutbleigehalten bei Kindern
Blutbleikonzentrationen > 700 µg/l sind als medizinischer Notfall stationär zu behandeln. Eine etwas geringere Priorität für diese Maßnahme besteht bei Werten von 450 bis 690 µg Pb/l. Ab Blutbleiwerten > 450 µg/l sollte eine Chelatbildnertherapie (stationär) in Erwägung gezogen werden. Die Sanierung des Umfeldes des Kindes muß gewährleistet sein, bevor es dahin zurückkehren darf. Bei Kindern mit Blutbleikonzentrationen im Bereich von 200 bis 450 µg/l sollten Aufklärung der Ursachen und Sanierungsmaßnahmen innerhalb von zehn Tagen eingeleitet werden. Da bei diesen Betroffenen jedoch häufig keine stationäre Behandlung erfolgt und das Kind somit weiterer Belastung durch die kontaminierte Umwelt ausgesetzt ist, sollte die Sanierung schnellstmöglich erfolgen.
b) Am HBM-I-Wert ausgerichtete Maßnahmen
Der HBM-II-Wert ist als Eingriffsschwelle definiert. Dennoch sind Vorsorgemaßnahmen bei Blutbleiwerten, die im Bereich zwischen dem HBM-I- und HBM-II-Wert liegen, angebracht. Es empfehlen sich folgende "weiche Maßnahmen":
Die Dringlichkeit, mit der diese Maßnahmen durchgeführt werden sollten, ist von der "Nähe" der Bleikonzentration im Blut zum HBM-II-Wert abhängig.
- Wiederholung der Analyse (zur Absicherung des Befundes),
- Information über die Überschreitung,
- Aufklärung über "einfache" Minimierungsmaßnahmen (Hygiene) im direkten Umfeld des Betroffenen,
- Wiederholungsanalyse nach längerem Zeitintervall (Erfolgskontrolle, Trendanalyse).
c) Am HBM-II-Wert ausgerichtete Maßnahmen
Ganz entscheidend für die Senkung der Bleibelastung im unmittelbaren Umfeld des Betroffenen ist fachgerechte und umfassende Aufklärung über Risiken durch Blei einerseits und die Identifikation möglicher Kontaminationsquellen und deren Vermeidung andererseits. Somit ist Information eine der ersten und wichtigsten Maßnahmen."
Trinkwasser: Blei gehört zu den Umweltschadstoffen, für die keine unschädliche untere Grenze gefunden wurde. Die "akzeptablen" Grenzwerte sind in den vergangenen Jahren wiederholt nach unten korrigiert worden. Am besten wird dies an der im Trinkwasser zulässigen Bleikonzentration deutlich: der bis 2002 gültige Bleigrenzwert von 0,04 Milligramm pro Liter wurde im Jahr 2003 auf 0,025 Milligramm pro Liter abgesenkt.
In der seit dem 03. Mai 2011 gültigen Fassung der Trinkwasserverordnung darf der Bleigehalt in einer Wasserprobe, die für die betreffende Woche repräsentativ ist, 0,01 Milligramm Blei pro Liter nicht übersteigen.
Altlasten: In der Bundes-Bodenschutz- und Altlastenverordnung (BBodSchV) sind nutzungsabhängige Prüfwerte für die Schwermetallbelastung des Bodens festgelegt worden. Der Prüfwert für den Bleigehalt auf Kinderspielflächen beträgt 200 Milligramm pro Kilogramm Boden, in Wohngebieten liegt er bei 400 Milligramm pro Kilogramm Boden.
Tägliche Aufnahme: Das Umweltbundesamt empfiehlt für Kleinkinder und Säuglinge, die tägliche Bleiaufnahme auf ein Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht zu begrenzen.
Bleirohre geben bereits nach kurzen Stagnationszeiten Blei an das Wasser ab, insbesondere in Verbindung mit weichem und saurem Wasser. Darüber hinaus können sich bleihaltige Partikel von der Rohrwand lösen und gleichfalls die Bleikonzentration im Trinkwasser erhöhen. Im Hinblick auf den verschärften Bleigrenzwert der aktuellen Trinkwasserverordnung und den Umstand, dass für Blei bisher keine unschädliche untere Grenze gefunden wurde, werden mittelfristig alle Bleirohre ausgetauscht werden müssen. Das gilt auch für etwaige bleihaltige Verbindungsstücke und bleilässige Mischbatterien auf Messingbasis. Für die Zuleitung bis zum Hausanschluss ist das Wasserwerk zuständig, ab Hausanschluss ist der Austausch Aufgabe des Eigentümers/Vermieters.
Als Sofortmaßnahme kann das Stagnationswasser abgelassen werden, am besten so lange, bis das Wasser fühlbar kälter wird. Diese Maßnahme ist allerdings nur für Haushalte, in denen erwachsene Personen und große Kinder leben, vertretbar. Kleinkinder und Säuglinge sollten aus Gründen des vorsorgenden Gesundheitsschutzes dieses Wasser nicht trinken. Als Alternative bietet sich abgefülltes Wasser an, das als "zur Säuglingsernährung geeignet" gekennzeichnet ist.
Die Wasseraufbereitung mit Wasserfiltern ist problematisch (s. Informationstext "Wasseraufbereitung im Haushalt").
Gemüse - auch das aus dem eigenen Garten - sollte gründlich gereinigt werden, insbesondere gilt dies für Blattgemüse mit großer Oberfläche. Obst ist in der Regel wenig belastet. Da Innereien (Leber, Niere, Gehirn) zu den Speicherorganen für Bleiverbindungen zählen, sollte der Verzehr nur in Maßen erfolgen.
Keramikgefäße können zu einer Quelle für Bleibelastungen werden, wenn die Keramikglasur bei nicht ausreichend hoher Temperatur gebrannt wurde. Insbesondere in Verbindung mit sauren Säften und Speisen werden die Glasuren bleilässig. In der Literatur finden sich mehrere Fallberichte, in denen Kinder eine schwere Bleivergiftung im Zusammenhang mit Fruchtsäften in Keramikgefäßen erlitten haben (Th. Matte 1994).
Gelegentlich sind in bestimmten ethnischen Gruppen verwendete Gegenstände als Quelle einer Bleibelastung identifiziert worden. Beispielsweise kam es zu einer Bleibelastung eines gestillten Säuglings, dessen aus Kleinasien stammende Mutter nach dem Stillen die Brust mit einem bleihaltigen Schutzplättchen abdeckte. (H. Kokori 1998).
Hier ist die Bleibelastung über den Staub von Bedeutung. Kinder sind darüber hinaus durch ihr Spielverhalten in besonderem Maße gefährdet (siehe auch unter Grenzwerte/Richtwerte/Vorsorgewerte)
Bleihaltige Farben spielen in Deutschland - anders als in den USA - kaum noch eine Rolle. Im Innenraum dürfen bleihaltige Anstriche seit langem nicht verwendet werden. Weitere mögliche Bleiquellen sind Freizeit- und Hobbytätigkeiten, wie beispielsweise das Löten, Keramikarbeiten und der Schießsport in kleinen, wenig belüfteten Hallen.
Gelegentlich wurde über Bleibelastungen nach Drogenkonsum (bleikontaminiertes Cannabis) berichtet (Giftinformationszentrum Erfurt und BfR 2007, Universitätsklinikum Leipzig).
Im Ausland (hier: China) hergestellter Zahnersatz kann in Einzelfällen bleihaltig sein (AGZ-RNK 2008).
Autoren: Dr. M. Otto, Prof. K. E. von Mühlendahl
Stand: Oktober 2011
Nächste Aktualisierung: Oktober 2012
AGZ RNK (2008): Gefahr durch Blei im Auslands-Zahnersatz. www.agz-rnk.de/agz/content/2/aktuelles/akt_00554.php
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BfR (2007): Blei in Kinderspielzeug www.bfr.bund.de/cd/10063
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