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Quecksilber und Fischverzehr

Quecksilber und Fischverzehr

Für die Zufuhr organischen Quecksilbers ist hauptsächlich der Fischverzehr verantwortlich. Alte Fische sind dabei deutlich stärker mit (organischem) Quecksilber belastet als junge, und Raubfische sind stärker belastet als Friedfische.

Gesundheitsrisiken

Aufnahme, Verteilung und Ausscheidung

Aufgrund ihrer hohen Fettlöslichkeit werden organische Quecksilberverbindungen aus dem Magen-Darm-Trakt zu über 90 Prozent resorbiert. Auch über die Haut und die Lunge werden sie gut aufgenommen. Organisches Quecksilber verteilt sich gleichmäßig im Körper, es kann die Blut-Hirn-Schranke und die Plazentabarriere passieren.

Organisches Quecksilber wird durch Mikroorganismen im Dickdarm zu Hg2+ umgewandelt, das dann mit dem Stuhl ausgeschieden wird. Das verbleibende (nicht umgewandelte) organische Quecksilber wird resorbiert. Daneben lagern sich organische Quecksilberverbindungen im Haar ein. Die Halbwertszeit des organischen Quecksilbers im Blut beträgt 30 bis 70 Tage. In manchen Organen liegt sie möglicherweise im Bereich von Jahren.

Aufnahme mit der Nahrung

Die tägliche Aufnahme über Nahrungsmittel wird mit 3 Mikrogramm Quecksilber (vorwiegend als Methylquecksilber) abgeschätzt. Bei fischreicher Kost kann sie auf ca. 14 Mikrogramm pro Tag ansteigen.

Toxikologie

Unsere Kenntnisse zur Gefährlichkeit organischer Quecksilberverbindungen stammen vorwiegend aus zwei Umweltkatastrophen: der illegalen Einleitung von Quecksilberverbindungen in die Minamatabucht (Japan) und der Massenvergiftung im Irak durch quecksilbergebeiztes Saatgut, das irrtümlich zur Brotherstellung verwendet wurde.

Organische Quecksilberverbindungen wirken hauptsächlich auf das Nervensystem. Während der Schwangerschaft aufgenommenes organisches Quecksilber beeinträchtigt die Kindesentwicklung. Die Auswirkungen auf das Ungeborene sind in mehreren Studien gut untersucht worden. Kinder weisen eine im Vergleich zu Erwachsenen 5 – 10-fach erhöhte Empfindlichkeit gegenüber organischem Quecksilber auf, die sich in motorischen und kognitiven Entwicklungsstörungen äußert:

"Erste Symptome waren verzögertes Gehen- und Sprechenlernen. Bei vier- bis siebenjährigen Kindern belasteter Mütter wurden Hörverluste, erhöhter Muskeltonus in den Beinen, gesteigerter Sehnenreflex (nur bei Jungen) und Ataxie festgestellt. Die empfindlichsten Reaktionen wurden bei Siebenjährigen in neurophysiologischen Tests beobachtet (...)." (Kommision Humanbiomonitoring 1999).

In zwei großen, auf den Färöer Inseln und den Seychellen durchgeführten Studien ist der Frage nachgegangen worden, welchen Einfluss der regelmäßige Konsum deutlich quecksilberbelasteter Fische und Meeresfrüchte (mittlerer Gehalt ca. 0,3 Milligramm pro Kilogramm Fisch) während der Schwangerschaft auf die Kindesentwicklung hat.

Die Färöer-Studie lieferte Hinweise darauf, dass es mit zunehmender Quecksilberkonzentration zu Entwicklungsdefiziten bei den Kindern kommt: Bei 7-Jährigen zeigten sich Auffälligkeiten in neuropsychologischen Tests, wenn der (Organo-)Quecksilbergehalt im Haar der Mutter 10 Milligramm pro Kilogramm überstieg. Veränderungen im Bereich von Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Sprache traten bereits bei noch geringeren Werten auf.

Warum derartige Entwicklungsstörungen in der Seychellen-Studie nicht beobachtet wurden, ist bisher nicht geklärt.

Biomonitoring

Die Messung der Belastung des Körpers mit organischem Quecksilber kann im Blut und - für spezielle Fragestellungen - auch im Haar erfolgen.

Messung im Blut

Bei der Analyse des (Voll)-Blutes wird das Gesamtquecksilber gemessen, es wird also die Summe der anorganischen und organischen Quecksilberverbindungen erfasst. Das ist zu beachten, wenn gleichzeitig Amalgamfüllungen vorliegen, die bekanntlich anorganisches Quecksilber abgeben.

Messung im Haar

Organisches Quecksilber wird sehr gut in die Haarwurzel eingebaut, anorganisches Quecksilber dagegen nicht. Daher ist der Quecksilbergehalt des Haares ein gutes und selektives Maß für die Belastung mit organischem Quecksilber. Über eine streckenweise Analyse des Haars von der Haarwurzel bis zu den Haarspitzen lassen sich auch länger zurückliegende Belastungen zuverlässig ermitteln.

Die Quecksilberkonzentration im Haar liegt etwa 250 bis 350fach über den entsprechenden Blutwerten. Allerdings ist die Qualitätskontrolle von Bestimmungen des Organoquecksilbergehaltes im Haar bisher schwierig, und es liegen noch keine Referenzwerte vor. Schließlich muss sichergestellt werden, dass eine von außen stammende Verunreinigung des Haars nicht erfasst wird.

Die Weltgesundheitsorganisation hält eine Belastung von 10 - 20 Mikrogramm Methylquecksilber pro Gramm Haar für unproblematisch.

Weitere Einzelheiten und Bewertungskriterien finden sich im Informationsblatt "Bestimmung der Quecksilberbelastung".

Grenzwerte/Richtwerte/Vorsorgewerte

Lebensmittel

Schadstoff-Höchstmengenverordnung (SHmV), 1988, Fassung der Änderungsverordnung vom 03.03.1997:

1 Milligramm Quecksilber pro Kilogramm Frischgewicht für essbare Teile von Raubfischen und Aal

0,5 Milligramm Quecksilber pro Kilogramm Frischgewicht für essbare Teile von allen anderen Fischarten.

Aufnahme und PTWI-Wert

Der sogenannte PTWI-Wert ("provisional tolerable weekly intake") gibt an, wieviel aufgenommenes organisches Quecksilber pro Woche und pro Kilogramm Körpergewicht toleriert werden kann.

UN und Weltgesundheitsorganisation (WHO)

Der Gemeinsame Sachverständigenausschuss der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN und der GlossarWHOWorld Health Organization - Weltgesundheitsorganisation hat in 2003 die höchst zulässige Aufnahme von organischem Quecksilber auf einen PTWI-Wert von 1,6 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Woche begrenzt.

US EPA

1997 hat die amerikanische Umweltschutzbehörde (EPA, Environmental Protection Agency) die maximal tolerierbare Methylquecksilberzufuhr auf 0,1 Mikrogramm Methylquecksilber pro Kilogramm Körpergewicht und Tag festgelegt.

Das entspricht 0,7 Mikrogramm Methylquecksilber pro Kilogramm Körpergewicht und Woche und liegt somit deutlich niedriger als der PTWI-Wert der WHO.

BgVV und BfR

Embryonen/Foeten und die Kinder stillender Mütter sind in besonderem Maße durch Organoquecksilber (Methylquecksilber) gefährdet.

Das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) hatte daher in 1999 schwangeren und stillenden Frauen  empfohlen, vorsorglich den Verzehr bestimmter Fischarten (u.a. Aal, Haifisch, Thunfisch, Seeteufel, Barsch, Schwertfisch) einzuschränken.

Im Sommer 2008 hat das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) seine Empfehlung erneuert, daß Schwangere und Stillende ihren Thunfischverzehr einschränken sollten. Da einige Konserven von z.B. "Thunfisch im eigenen Saft" einen Quecksilbergehalt nahe am Höchstgehalt aufweisen, hält das BfR seine Empfehlung weiterhin aufrecht.

Andere Ansichten:

Einige Wissenschaftler vertreten die Ansicht, daß die durch den Fischverzehr bedingte Aufnahme von Omega-3-Fettsäuren die Nachteile infolge der Methylquecksilberzufuhr mehr als aufwiegt (vgl. z.B. J.R. Hibbeln, 2007).

Vergleich der tolerierbaren Aufnahme mit dem Fischverzehr

Der wöchentliche Verzehr von 200 Gramm eines Raubfisches mit gerade noch zulässiger Quecksilberbelastung (1 Milligramm pro Kilogramm laut Schadstoff-Höchstmengenverordnung, größtenteils als Methylquecksilber vorliegend) schöpft die tolerierbare wöchentliche Zufuhr aus.

Vorbeugung

Fischverzehr ist einerseits ernährungsphysiologisch sinnvoll, andererseits bringt der Fischkonsum eine merkliche Belastung mit organischem Quecksilber mit sich.

Insbesondere während einer Schwangerschaft und der Stillzeit sollte die Organoquecksilberbelastung minimiert werden. Daher ist es sinnvoll, in dieser Zeit hauptsächlich junge Fische aus Quellen, die lebensmittelrechtlich überwacht werden, zu verzehren.

Junge Fische enthalten weniger Quecksilber als alte Fische. Friedfische sind zudem deutlich weniger belastet als Raubfische.

Autoren: Dr. M. Otto, Prof. K. E. von Mühlendahl

Stand: Dezember 2011

Nächste Aktualisierung: Dezember 2012

Quellen und weiterführende Literatur

BgVV (1999) Pressemitteilung vom 6.5.1999: BgVV empfiehlt während der Schwangerschaft und Stillzeit den Verzehr bestimmter Fischarten einzuschränken. Link

BfR (2004) Quecksilber und Methylquecksilber in Fischen und Fischprodukten – Bewertung
durch die EFSA www.bfr.bund.de

BfR (2008) Exposition mit Methylquecksilber durch Fischverzehr und Etablierung analytischer Methoden zur Bestimmung von Methylquecksilber in Fischereierzeugnissen www.bfr.bund.de

BfR (2008): Verbrauchertipp für Schwangere und Stillende, den Verzehr von Thunfisch einzuschränken, hat weiterhin Gültigkeit www.bfr.bund.de/verbrauchertipp

EU Amtsblatt der Europäischen Union (2006): VERORDNUNG (EG) Nr. 1881/2006 DER KOMMISSION vom 19. Dezember 2006 zur Festsetzung der Höchstgehalte für bestimmte Kontaminanten in Lebensmitteln http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/site/de/oj/2006/l_364/l_36420061220de00050024.pdf

Hibbeln JR, Davis JM, Steer C, Emmett P, Rogers I, Williams C, Golding J. (2007): Maternal seafood consumption in pregnancy and neurodevelopmental outcomes in childhood (ALSPAC study): an observational cohort study. Lancet. 369(9561):578-85.

Kommentare dazu:
Lancet. 2007 Apr 7;369(9568):1166-7.
Lancet. 2007 Apr 7;369(9568):1167.
Lancet. 2007 Feb 17;369(9561):537-8.
Lancet. 2007 Jul 21;370(9583):216-7; author reply 218.
Lancet. 2007 Jul 21;370(9583):217-8; author reply 218.

Kommission GlossarHuman-BiomonitoringMessung eines Fremdstoffes (z. B. einer Chemikalie) und seiner Abbauprodukte im Körper des Menschen, z. B. im Blut, Urin, Haar oder im Fettgewebe des Umweltbundesamtes Berlin: (1999). Stoffmonographie Quecksilber - Referenz- und Human-Biomonitoring-Werte (HBM). Bundesgesundheitsbl-Gesundheitsforsch-Gesundheitsschutz 42 (6): 522-532

Kruse, R., Behrends, S., Sommerfeld, Ch. und Bartelt, E. (2009). Klimawandel bedingte Aufnahme von toxischem Methylquecksilber über den Fischkonsum. Umweltforschungsplan, Forschungskennzahl 08 49 745. Niedersächsisches Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, Cuxhaven, und BfR, Berlin

Schweinsberg, F. (2002): Bedeutung von Quecksilber in der Umweltmedizin - eine Übersicht. Umweltmed Forsch Prax 7 (5); 263-278

Schweinsberg, F. (2002): Methylquecksilber in Fisch: Aufnahme durch den Menschen und Fallbeschreibungen. Umweltmed Forsch Prax 7 (6); 328-330

Steuerwald, U. et al. (2000): Maternal seafood diet, methylmercury exposure, and neonatal neurologic function. J Pediatr. 136 (5): 599-605

US GlossarEPAEnvironmental Protection Agency (2001) www.epa.gov/iris/subst/0073.htm (zuletzt aufgerufen im Dezember 2011)

WHO 2003: www.who.int/mediacentre/news/notes/2003/np20/en/ (zuletzt aufgerufen im Dezember 2011)

Weitere Infos zu diesem Thema:

 

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