Agrochemikalien im Oberflächenwasser und Fehlbildungen

Auszüge aus dem Original: 

Agrichemicals in surface water and birth defects in the United States. Winchester PD, Huskins J, Ying J. (2009):  Acta Paediatr. 2009 Band 98 (4) S. 664-9.

Agrochemikalien im Oberflächenwasser und angeborene Fehlbildungen in den USA

Objectives: To investigate if live births conceived in months when surface water agrichemicals are highest are at greater risk for birth defects.

sinngemäße Übersetzung:

Ziel dieser Studie war es zu prüfen, ob das Risiko für angeborene Fehlbildungen bei Neugeborenen erhöht ist, die in Monaten mit erhöhter Agrochemikalienkonzentration im Oberflächenwasser gezeugt wurden.

Methods: Monthly concentrations during 1996-2002 of nitrates, atrazine and other pesticides were calculated using United States Geological Survey's National Water Quality Assessment data. Monthly United States birth defect rates were calculated for live births from 1996 to 2002 using United States Centers for Disease Control and Prevention natality data sets

sinngemäße Übersetzung:

Die monatlichen Konzentrationen an Nitrat, Atrazin und anderen Pestiziden wurden anhand von Monitoringprogrammen zur Trinkwasserqualität der Jahre 1996 - 2002 ... berechnet. Die Fehlbildungsrate wurde auf der Basis von Geburtsdaten des United States Centers for Disease Control and Prevention für den gleichen Zeitraum berechnet.

Results: Mean concentrations of agrichemicals were highest in April-July. Total birth defects, and eleven of 22 birth defect subcategories, were more likely to occur in live births with LMPs between April and July.

sinngemäße Übersetzung:

Die mittleren Konzentrationen an Agrochemikalien (im Wasser) waren in den Monaten April - Juli am höchsten. Die Gesamtzahl der angeborenen Fehlbildungen spwie 11 von 22 Fehlbildungsunterkategorien traten häufiger bei Kindern auf, die in den Monaten April - Juli gezeugt wurden.

Conclusion: Elevated concentrations of agrichemicals in surface water in April-July coincided with higher risk of birth defects in live births with LMPs April-July. While a causal link between agrichemicals and birth defects cannot be proven from this study an association might provide clues to common factors shared by both variables.

sinngemäße Übersetzung:

Schlußfolgerung: Erhöhte Konzentrationen von Agrochemikalien im Oberflächenwasser in den Monaten April - Juli fallen mit einem erhöhten Risiko für angeborene Fehlbildungen bei Neugeborenen zusammen, die in den Monaten April - Juli gezeugt wurden. Ein ursächlicher Zusammenhang ist mit dieser Studie nicht beweisen worden.

Die im April 2009 in der Fachzeitschrift ACTA PAEDIATRICA veröffentlichte Studie beschreibt erstmals eine Korrelation zwischen dem Empfängniszeitraum und dem Fehlbildungsrisiko. Aus der ebenfalls beobachteten Korrelation der Jahreszeit mit der Konzentration von Agrochemikalien im Oberflächenwasser wird die Hypothese abgeleitet, dass beide Faktoren in einem Zusammenhang stehen könnten.

Dies wird von den Autoren mit der gebotenen wissenschaftlichen Vorsicht formuliert, denn es gibt eine Reihe offener Fragen. Zwar durchlaufen Nitrat, Atrazin und andere Pestizide ein Maximum in den Monaten April - Juli, jedoch sind die Konzentrationen absolut gesehen und aus toxikologischer Sicht sehr gering. Der deutlichste Anstieg ist beim Atrazin (das übrigens in Europa seit 2004 verboten ist) zu sehen: In den Monaten August bis März liegt die Konzentration etwa in der Höhe des europäischen Trinkwassergrenzwertes, in den Monaten April - Juli liegt sie 8-fach darüber.

Da Grenzwerte mit erheblichen Sicherheitsfaktoren abgeleitet werden und für eine lebenslange Aufnahme berechnet sind, dürfte die (nur während 4 Monate erhöhte) Atrazinkonzentration nach bisherigem Wissen ursächlich kaum in Frage kommen, zumal Oberflächenwasser vor seiner Verwendung als Trinkwasser noch aufgereinigt wird.

Bei Nitrat war die Konzentrationserhöhung wenig ausgeprägt und ebenfalls "auf niedrigem Niveau" (knapp 2 Milligramm pro Liter von April bis Juli). Die Konzentration an "anderen Pestiziden" stieg von ca. 0.05 Mikrogramm auf 0.14 Mikrogramm pro Liter an (1 Mikrogramm ist ein Millionstel Gramm! es handelt sich also um sehr geringe Konzentrationen). Da es sich bei "anderen Pestiziden" um eine Stoffgruppe handelt, sind die Werte für einzelne Pestizide natürlich noch geringer. Fraglich ist also, ob die gefundenen Konzentrationserhöhungen das erhöhte Fehlbildungsrisiko toxikologisch erklären können. Auch unter Berücksichtigung der oftmals erhöhten Empfindlichkeit sich entwickelnder Lebewesen erscheint dies derzeit eher unwahrscheinlich.

Die Autoren haben in ihrer Studie auch diejenigen Einflussfaktoren, die mit Fehlbildungen bekanntermaßen in Verbindung stehen, mit untersucht.  Es handelt sich dabei um Alkohol, Tabakgenuss und Diabetes. Wenn Mütter mit diesen Einflussfaktoren ausgeschlossen wurden, blieb dennoch ein erhöhtes Fehlbildungsrisiko erkennbar.

Möglicherweise sind die 3 untersuchten Parameter (Atrazin, Nitrat, andere Pestizide) Surrogate für andere (stärker relevante) Faktoren, die in den genannten Monaten  ein Maximum durchlaufen - so die Überlegung der Autoren. Jedenfalls bietet die obige Studie genügend Anregungen für weitere Forschung.

Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen erhöhten Konzentrationen von Agrochemikalien im Oberflächenwasser in den Monaten April - Juli und einem erhöhten Risiko für angeborene Fehlbildungen bei Neugeborenen ist durch die Studie nicht belegt - so lautet auch die Schlussfolgerung der Autoren.

Veröffentlicht: 29. Mai 2009 - 0:00 Uhr

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