Belpomme et al.: Über die Vielfältigkeit von Umweltkarzinogenen

Auszüge aus dem Original: 

The multitude and diversity of environmental carcinogens
(Über die Vielfältigkeit von Umweltkarzinogenen, Übersetzung M.O. )

D. Belpomme , P. Irigaray, L. Hardell, R. Clapp, L. Montagnier, S. Epstein , A.J. Sasco
Environmental Research 105 (2007) 414–429


We have recently proposed that lifestyle-related factors, screening and aging cannot fully account for the present overall growing incidence of cancer. In order to propose the concept that in addition to lifestyle related factors, exogenous environmental factors may play a more important role in carcinogenesis than it is expected, and may therefore account for the growing incidence of cancer, we overview herein environmental factors, rated as certainly or potentially carcinogenic by the International Agency for Research on Cancer (IARC). We thus analyze the carcinogenic effect of microorganisms (including viruses), radiations (including radioactivity, UV and pulsed electromagnetic fields) and xenochemicals.

Sinngemäße Übersetzung (M. O.):

„(Nach Auffassung der Autoren) bieten Lifestyle-Faktoren, (bessere und verstärkt in Anspruch genommene) Krebs-Vorsorgeuntersuchungen und das Älterwerden der Bevölkerung keine ausreichende Erklärungsmöglichkeit für die gegenwärtige Zunahme von Krebsneuerkrankungen. Es wird ein neues Konzept vorgeschlagen, demzufolge exogene Umweltfaktoren eine weitaus größere Rolle in der Kanzerogenese spielen als bisher angenommen wurde. In der  Übersichtsarbeit werden Umweltfatoren, die von der IARC als möglicherweise oder wahrscheinlich krebserzeugend eingestuft wurden, analysiert. Dazu gehören Mikroorganismen (einschließlich Viren), verschiedene Strahlungsarten (einschließlich Radioaktivität, UV, gepulste elektromagnetische Felder) und Umweltchemikalien.“ 

Chemicals related to environmental pollution appear to be of critical importance, since they can induce occupational cancers as well as other cancers. Of major concerns are: outdoor air pollution by carbon particles associated with polycyclic aromatic hydrocarbons; indoor air pollution by environmental tobacco smoke, formaldehyde and volatile organic compounds such as benzene and 1,3 butadiene, which may particularly affect children, and food pollution by food additives and by carcinogenic contaminants such as nitrates, pesticides, dioxins and other organochlorines. In addition, carcinogenic metals and metalloids, pharmaceutical medicines and cosmetics may be involved.

Sinngemäße Übersetzung (M. O.):

„Chemikalien, die der Umweltverschnutzung zuzurechnen sind, sind von besonderer Bedeutung, da sie berufsbedingte und andere Krebserkrankungen auslösen können. Bedenklich sind insbesondere die Verschmutzung der Außenluft mit PAK, die Verschmutzung der Innenraumluft mit Passivrauch, Formaldehyd und flüchtigen organischen Verbindungen (mit besonderem Einfluss auf die Kindergesundheit) und Schadstoffe in Lebensmitteln wie z.B. Nitrat, Pestizide, Dioxine und chlororganische Verbindungen. Auch krebserzeugende Metalle und Metalloide, Medikamente und Kosmetika gehören dazu.“ 

Although the risk fraction attributable to environmental factors is still unknown, this long list of carcinogenic and especially mutagenic factors supports our working hypothesis according to which numerous cancers may in fact be caused by the recent modification of our environment.

Sinngemäße Übersetzung (M. O.):

„Obgleich der Anteil des Krebsrisikos noch unbekannt ist, der diesen Umweltfaktoren zugeschrieben werden kann, spricht die lange Liste von karzinogenen und insbesondere mutagenen Faktoren für unsere Arbeitshypothese, der zufolge zahlreiche Krebserkrankungen durch neuzeitliche Umweltveränderungen bedingt sind.“

Diese Übersichtsarbeit wurde von einem Team französischer, amerikanischer und schwedischer Wissenschaftler verfasst und Anfang August in der online-Ausgabe der  Zeitschrift „ Environmental Research“ veröffentlicht.

Kurz danach wiesen die Generaldirektion Umwelt der Europäischen Kommission und die Nichtregierungsorganisation „Health and Environment Alliance (HEAL)“ in ihren Internetauftritten auf diese Veröffentlichung hin.

Der Umweltbegriff wird in der Übersichtsarbeit von Belpomme und Mitarbeitern sehr weit gefasst, er schließt solche mikrobiologischen, physikalischen und chemischen Umweltfaktoren ein, die von der International Agency for Research on Cancer (IARC) als „nachweislich karzinogen“ (Gruppe 1), „wahrscheinlich karzinogen“ (Gruppe 2A) oder „möglicherweise karzinogen“ (Gruppe 2B)  eingestuft wurden. Viele bekannte Faktoren werden besprochen: z.B. onkogene Viren, Radon, UV-Strahlung, niederfrequente Magnetfelder, hochfrequente elektromagnetische Felder, Asbest, Benzol, Formaldehyd, Nitrosoverbindungen, PAK und Tabakrauch.  Allerdings fehlen auch einige Noxen, z.B.  Alkohol (Ethanol) und aktives Rauchen. Beide haben ganz erheblichen Einfluss auf das Krebsgeschehen. Die Weltgesundheitsorganisation und andere Institutionen schreiben gerade diesen beiden Noxen einen sehr hohen Stellenwert zu (s.u.). Sie werden in der Einleitung kursorisch erwähnt, jedoch in der Analyse nicht als eigenständige Krebsursachen besprochen. Schimmelpilztoxine (Aflatoxine, Ochratoxin) werden nur am Rande genannt. 

Diese manchmal einseitige Wahrnehmung findet sich auch bei der Auswahl der zitierten Studien und Literatur. Das ist verwunderlich, denn der Literaturteil ist umfangreich, er umfasst mehr als 250 Zitate und belegt immerhin 7 von insgesamt 16 Druckseiten. Beispielsweise wird bei der Diskussion um die Kanzerogenität hochfrequenter elektromagnetischer Felder, die in DECT- Telefonen und beim Mobilfunk zum Einsatz kommen, die INTERPHONE-Studie (eine bekannte,  groß angelegte multizentrische Fall-Kontrollstudie der IARC zu diesem Thema) nicht einmal erwähnt. Dafür finden sich biophysikalische Ungereimtheiten, z.B. zu (vermuteten) stochastischen Effekten nichtionisierender Strahlung, zur Dosis-Wirkungsbeziehung und zu biologischen Wirkmechanismen gepulster und ungepulster Felder. 

Generell finden sich in der Übersicht hauptsächlich Aufzählungen von prinzipiell möglichen toxischen bzw. kanzerogenen Wirkungen biologischer, chemischer und physikalischer Noxen, oftmals fehlen jedoch  Daten zur Exposition auf Bevölkerungsebene, die für eine (semi)quantitative  Abschätzung des Anteils der Umwelt am Krebsgeschehen erforderlich wären.

Ein Beispiel: Die Ursachen für Leukämien im Kindesalter sind auch heute noch weitgehend unklar. Dazu sagt die Arbeitsgemeinschaft Bevölkerungsbezogener Krebsregister: " Umwelteinflüsse wurden lange verdächtigt, einen Großteil kindlicher Leukämien zu verursachen. Inzwischen hat sich für die meisten Umweltfaktoren (...) gezeigt, dass ... der Anteil dadurch verursachter Fälle doch gering ist. Eine Reihe von Indizien haben mittlerweile verstärkt zu Hypothesen geführt, die infektiösen Erregern eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Leukämien im Kindesalter zuordnen. Vor allem Kinder mit einem im Säuglingsalter nur unzureichend stimulierten Immunsystem können ein höheres Leukämierisiko haben."

Für die in der Übersicht von Belpomme und Mitarbeitern als mögliche Ursache von kindlichen Leukämien genannten niederfrequenten magnetischen Felder liegen quantitative Abschätzungen vor (Prof. J. Michaelis, 2001):

Falls akute Leukämien im Kindesalter und schwache Magnetfelder ( > 0.4 MikroTesla) tatsächlich in einem ursächlichen Zusammenhang stünden (bisher gibt es hierfür nur Hinweise aus epidemiologischen Studien, jedoch kein plausibles Wirkmodell), würde sich das relative Risiko für jedes hundertste Kind in etwa verdoppeln. In absoluten Fallzahlen ausgedrückt wird diese statistische Aussage verständlicher: Nur etwa 3 – 4 der jährlich ca. 620 Fälle von Leukämie im Kindesalter könnten durch diese Felder erklärt werden. Andere Ursachen sind offenbar bedeutsamer.

Ähnliche Überlegungen könnten für eine Reihe chemischer Umweltstoffe angestellt werden – sie fehlen aber in der Übersicht. Damit bleiben die Autoren den Beleg für ihre Hypothese schuldig.

Man kann sich nicht ganz dem Eindruck verschließen, dass die Übersichtsarbeit von Belpomme und Mitarbeitern als Antwort auf den ebenfalls in 2007 veröffentlichten Bericht „Attributable causes of cancer in France in the Year 2000“ der IARC geschah.

Die IARC, eine renommierte Institution der Weltgesundheitsorganisation WHO, kommt nämlich in diesem und anderen Berichten zu gänzlich anderslautenden Erkenntnissen und Schlussfolgerungen. Sie bestätigt zunächst, dass Krebsneuerkrankungen zahlenmäßig zunehmen. Während es 2004 in Europa noch 2.9 Millionen Neuerkrankungen waren, ist diese Zahl in 2006 auf 3.2 Millionen gestiegen. Der Direktor der IARC, Dr. Peter Boyle, nennt jedoch als eine Hauptursache das Älterwerden der Bevölkerung. Auch verbesserte Screeningmethoden (beispielsweise für Brustkrebs, Gebärmutterhals- und Darmkrebs) tragen zu diesem Anstieg in der Krebserkennung bei. Er benennt ferner eine unausgewogene Ernährung und fehlende Bewegung als wichtige Risikofaktoren für Krebs.

Die Weltgesundheitsorganisation selbst sagt zu Ursachen von Krebserkrankungen und zur Krebsprävention:

„Zumindest ein Drittel aller Krebsfälle können vermieden werden. [...] Tabakrauch ist die größte vermeidbare Einzelursache für Krebs. Es verursacht 80 bis 90 % aller Todesfälle an Lungenkrebs und etwa 30 % aller Krebstodesfälle in den Entwicklungsländern“.

Weitere wichtige und vermeidbare Einflussfaktoren auf das Krebsgeschehen sind Ernährung und mangelnde Bewegung. Übergewicht und Adipositas erhöhen das Risiko für Speiseröhren-, Darm-, Brust- oder Nierenkrebs. Eine an Obst oder Gemüse reiche Ernährungsweise wirkt möglicherweise protektiv während andere Ernährungsgewohnheiten, beispielsweise der häufige Verzehr von rotem und konserviertem Fleisch das Darmkrebsrisiko erhöhen können.

Infektiöse Erreger verursachen in den Industrieländern etwa 6 % aller Todesfälle, in den Entwicklungsländern beläuft sich diese Zahl auf 22 %. Die Zusammenhänge zwischen einer Virushepatitis-B und -C einerseits und Leberkrebs andererseits, einer HPV-Infektion und Gebärmutterhalskrebs und der Zusammenhang zwischen Helicobacter pylori und Magenkrebs sind gut bekannt.

Übermäßige UV-Strahlung natürlichen und künstlichen Ursprungs erhöht das Risiko für alle Hautkrebstypen. Auch hier ist eine Prävention durch Expositionsvermeidung, durch Sonnencremes, Kleidung usw., möglich.

Der beim deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg angesiedelte Krebsinformationsdienst zitiert den Europäischen Kodex gegen Krebs (1987) und nennt das aktive Rauchen und Übergewicht sowie übermäßigen Alkoholgenuss als wichtige Risikofaktoren. Dazu ein Zitat: „Überschätzt wird der Einfluss von Stress und psychischen Belastungen sowie die Rolle, die Umweltfaktoren bei der Entstehung von Tumoren spielen“.

Fazit:

Letztlich wird die Hypothese von Belpomme et al., dass „exogene Umweltfaktoren eine weitaus größere Rolle in der Kanzerogenese spielen als bisher angenommen“ durch die zitierte Literatur nicht belegt, die Hypothese bleibt eine bloße Behauptung.

Literatur: 

IARC (2007): New European cancer figures – World Cancer Agency says major efforts needed toward prevention in Europe. Press Release No. 174.

WHO (2007): Krebsprävention.

Krebsinformationsdienst (2016): Lebensstil und Krebsrisiko.

Veröffentlicht: 9. November 2007 - 0:00 Uhr

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