Bisphenol A in Baby- und Trinkflaschen

Auszüge aus dem Original: 

1: Le HH, Carlson EM, Chua JP, Belcher SM.
Toxicol Lett. 2008 Jan 30;176(2):149-56. Epub 2007 Nov 19.

"Bisphenol A is released from polycarbonate drinking bottles and mimics the neurotoxic actions of estrogen in developing cerebellar neurons."

2.: Maragou, N. C., Makri, A, Lampi, E. N., Thomaidis, N. S., and Koupparis, M. A. 2008. Food Additives and Contaminants. Im Druck. online unter DOI: 10.1080/02652030701509998

"Migration of bisphenol A from polycarbonate baby bottles under real use conditions."

3. Willhite, C. C., Ball, G. L., and McLellan, C. J. 2008. Journal of Toxicology and Environmental Health, Band 11(2), S. 69-146

"Derivation of a bisphenol A oral reference dose (RfD) and drinking-water equivalent concentration."

Freisetzung von BPA aus Baby- und anderen Trinkflaschen

Bisphenol A (BPA) ist Grundstoff für die Herstellung eines äußerst vielseitigen Kunststoffs, dem Polycarbonat.

Die Freisetzung von BPA aus Baby- und anderen Trinkflaschen auf Polycarbonatbasis wird bereits seit einiger Zeit wissenschaftlich untersucht und toxikologisch-regulatorisch bewertet (EFSA). Auch Verbraucherorganisationen haben sich dieser Thematik angenommen (siehe z.B. www.allum.de, Ökotest 2004).

Es geht dabei insbesondere um die Klärung folgender Fragen:

  • Welche Mengen an BPA werden unter üblichen Nutzungsbedingungen freigesetzt?
  • Welchen Einfluss haben Temperatur und Alter der Flaschen?
  • Wie sind die freigesetzen Mengen zu bewerten? Was hat es mit der östrogenen Wirkung von BPA auf sich? Gibt es Hinweise auf eine besondere Empfindlichkeit von Säuglingen und Kleinkindern?
  • Welche anderen BPA-Quellen tragen zur Gesamtbelastung bei?

Nun stehen 3 BPA-Studien unmittelbar vor ihrer Veröffentlichung bzw. wurden gerade publiziert. Da sie inhaltlich zusammenhängen, sollen sie gemeinsam vorgestellt und besprochen werden.


1: Le HH, Carlson EM, Chua JP, Belcher SM.
Toxicol Lett. 2008 Jan 30;176(2):149-56. Epub 2007 Nov 19.

"Bisphenol A is released from polycarbonate drinking bottles and mimics the neurotoxic actions of estrogen in developing cerebellar neurons."

Die Forschergruppe aus Cincinnati um H.H. Le und Mitarbeiter untersuchte sowohl neue als auch gebrauchte hochwertige Trinkflaschen auf Polycarbonatbasis auf ihre BPA-Freisetzung. Hierfür wurde ein hochempfindlicher Immuntest eingesetzt.

Bei Raumtemperatur wurden zwischen 0.2 und knapp 0.8 Nanogramm (!) BPA pro Stunde freigesetzt. Es war unerheblich, ob es sich dabei um neue oder gebrauchte Flaschen handelte. Auch nach 9 Jahren Gebrauch war keine erhöhte Freisetzung zu beobachten. Das widerlegt die des Öfteren geäußerte Vermutung, gebrauchte Flaschen könnten – bedingt durch Alterungsprozesse - vermehrt BPA abgeben.

Bei einer Temperatur von 100 Grad C stieg die BPA-Freisetzungsrate (Migrationsrate) auf das 55-fache an. Dies steht ganz im Einklang mit früheren Ergebnissen. Neu ist die Beobachtung der Autoren, dass bei anschließender Befüllung mit Wasser von Raumtemperatur die Freisetzungsrate weiterhin erhöht war und nicht auf das frühere Maß abfiel. Allerdings wurde offenbar nicht untersucht, ob dies auch bei nachfolgenden Befüllungen mit kaltem Wasser der Fall war.


2.: Maragou, N. C., Makri, A, Lampi, E. N., Thomaidis, N. S., and Koupparis, M. A. 2008. Food Additives and Contaminants. Im Druck, online unter DOI: 10.1080/02652030701509998

"Migration of bisphenol A from polycarbonate baby bottles under real use conditions."

Eine ähnliche, jedoch größer angelegte Studie kommt aus Athen. Der Einfluss der Temperatur auf die BPA-Freisetzung konnte erwartungsgemäß bestätigt werden. Zusätzlich wurde untersucht, wie schnell die BPA-Freisetzung nach wiederholter Befüllung mit heißem und kaltem Wasser abklingt. Das Ergebnis: Nach 4 – 8 Befüllungen wurden die (niedrigen) Ausgangswerte erreicht, die bei erstmaliger Befüllung mit kaltem Wasser gemessen wurden.


3. Willhite, C. C., Ball, G. L., and McLellan, C. J. 2008. Journal of Toxicology and Environmental Health, Band 11(2), S. 69-146

"Derivation of a bisphenol A oral reference dose (RfD) and drinking-water equivalent concentration."

Zwei Ergebnisse dieses im Februar 2008 erschienenen Übersichtsartikels sind bemerkenswert:

There is no clear indication from available data that the BPA doses normally consumed by humans pose an increased risk for immunologic or neurologic disease. There is no evidence that BPA poses a genotoxic or carcinogenic risk and clinical evaluations of 205 men and women with high-performance liquid chromatography (HPLC)-verified serum or urinary BPA conjugates showed (1) no objective signs, (2) no changes in reproductive hormones or clinical chemistry parameters, and (3) no alterations in the number of children or sons:daughters ratio."

Sinngemäße Übersetzung:

"Die vorliegenden Daten sprechen nicht dafür, dass die im täglichen Leben aufgenommene BPA-Menge ein erhöhtes Risiko für eine Erkrankung des Immun- oder des Nervensystems mit sich bringt. Es liegen keine Hinweise auf ein gentoxisches (erbutgutveränderndes) oder ein krebserzeugendes Potential vor. Klinische Untersuchungen an 205 Männern und Frauen mit nachgewiesenem Gehalt von BPA-Konjugaten im Serum oder Urin erbrachten keine Anzeichen für Veränderungen in den Hormonen des Reproduktionssystems und in anderen klinisch-chemischen Parametern. Das gilt auch für die Zahl der Kinder und das Geschlechterverhältnis."

Das andere Ergebnis betrifft die Ableitung einer Referenzdosis (RfD) für die orale Aufnahme in Höhe von 16 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Unterhalb dieses von der amerikanischen Umweltschutzbehörde US EPA eingeführten Wertes (www.epa.gov/iris/rfd.htm) sind nachteilige Wirkungen eines Stoffes auf die menschliche Gesundheit nicht zu erwarten. Die Ableitung geht von einer linearen Dosis-Wirkungsbeziehung aus. Neuere tierexperimentelle Daten sprechen gegen eine nichtlineare (U- oder J-förmige) Dosis-Wirkungsbeziehung, die in früheren Arbeiten diskutiert wurde.

In Europa werden häufig TDI-Werte ("tolerierbare tägliche Aufnahmemenge") zur Fremdstoffbewertung herangezogen, denen ein ähnliches Konzept wie den Referenzdosen zugrunde liegt.

Was konkret das Bisphenol A anbetrifft, hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit = European Food Safety Authority (EFSA) im Januar 2015 eine Neubewertung von Bisphenol A vorgenommen und  die "vorläufige tolerierbare tägliche Aufnahmemenge" (TDI) auf 4 Mikrogramm BPA pro Kilogramm Körpergewicht festgesetzt (Aktualisierung am 26.1.15). 

Ganz grundsätzlich gilt: Sowohl TDI- als auch RfD-Werte berücksichtigen eine mögliche besondere Empfindlichkeit von den im Wachstum befindlichen Säuglingen und Kindern.

Was haben diese Ergebnisse mit der Bisphenol A-Freisetzung aus Babyflaschen und Trinkgefäßen zu tun?

Wenn man die höchsten, in den obigen Migrationsstudien gemessenen Freisetzungswerte für BPA mit dem europäischen TDI-Wert oder der amerikanischen Referenzdosis vergleicht, ist leicht zu ersehen, dass beide Beurteilungswerte etwa zu 1 - 10 % ausgeschöpft werden.

Anders ausgedrückt: auch unter den ungünstigsten Umständen bleibt die Exposition hundertfach unter der Dosis, die bei lebenslanger (!) Aufnahme als tolerierbar angesehen wird.

Die Ergebnisse untermauern die Schlussfolgerung des Bundesinstitutes für Risikobewertung vom 29. Januar 2007:

"Die amtliche Lebensmittelüberwachung hat bei stichprobenartigen Untersuchungen im Inhalt haushaltsüblich erwärmter Babyfläschchen kein Bisphenol A nachweisen können. Eine Gesundheitsgefahr für Babys, die Nahrung aus Babyfläschchen aus Polycarbonat aufnehmen, sieht das BfR nicht. Einen Verzicht auf Polycarbonatfläschchen hält das Institut daher nicht für erforderlich."

Ist Bisphenol A ein weiteres Beispiel dafür, dass vermeintliche und wirkliche Risiken von Wissenschaftlern und Laien unterschiedlich beurteilt werden? Wahrscheinlich ja...

Veröffentlicht: 6. Februar 2008 - 0:00 Uhr

Autor/en: