Genetische Polymorphismen und ihre Bedeutung in der Umweltmedizin

Auszüge aus dem Original: 

Genetische Polymorphismen (Sequenzvariationen) von Fremstoff-metabolisierenden Enzymen und ihre Bedeutung in der Umweltmedizin
Mitteilung der Kommission "Methoden und Qualitätssicherung in der Umweltmedizin"
Umweltmed. Forsch Prax 11 (2006) S. 55 - 64

Immer wieder wird beobachtet, dass in einer Gruppe von Menschen, die unter vergleichbaren Bedingungen leben und gegenüber Umweltfaktoren exponiert sind, nur einige Individuen im Zusammenhang mit diesen Expositionen von gesundheitlichen Auswirkungen betroffen sein können. In der Auseinandersetzung mit der Umwelt und den aufgenommenen Fremdstoffen spielen die Fremdstoff-metabolisierenden Enzyme eine große Rolle.

Umweltrelevante Chemikalien und Risikoabschätzungen (Auszug):

Im Bereich der Umweltmedizin liegt das Ausmaß der Expositionen gegenüber Schadstoffen in der Regel wesentlich niedriger als in der Arbeitswelt. Andererseits sind nicht nur gesunde Arbeitnehmer exponiert, sondern auch Kinder, Kranke, Schwangere und Alte, deren metabolische Kapazität  im Vergleich zum gesunden Arbeitnehmer eingeschränkt sein kann.  Unter diesen Umständen können interindividuelle Unterschiede in der metabolischen Kapazität ... durchaus von Bedeutung sein. Diese möglichen Unterschiede sollten bei der Grenzwertfestsetzung angemessen berücksichtigt werden. Eine individuelle Risikovorhersage ist nach derzeitiger Einschätzung allerdings nicht möglich.

Bewertung

Die Anwendung von Genotypisierungsmethoden in der Umweltmedizin wird gemäß den "Grundsätzen in der Bewertung von umweltmedizinischen Methoden" dieser Kommission in die Kategorie IV eingestuft. Kategorie IV bedeutet, dass der Einsatz von Genotypisierungsmethoden für den klinisch-umweltmedizinischen Bereich nicht empfohlen werden kann., weil die Ergebnisse derzeit keine sinnvollen individualmedizinischen Aussagen ermöglichen. Insbesondere im umweltmedizinischen Niedrigdosisbereich von chemischen Noxen sind die bisher im erfahrungsmedizinischen Feld postulierten Zusammenhänge rein spekulativ und bieten daher keinen wissenschaftlich fundierten Erklärungs- oder gar Therapieansatz.

Zunächst soll der schwer verständlich klingende Titel dieses wichtigen Fachartikels in eine leichter verständliche Sprache "übersetzt" werden:

"Gibt es Menschen, die aufgrund ihrer persönlichen Ausstattung mit Entgiftungsenzymen möglicherweise stärker auf Belastungen mit Umweltschadstoffen reagieren als andere?"

Die beim Robert Koch-Institut angesiedelte Kommission "Methoden und Qualitätssicherung in der Umweltmedizin" hat hierzu Stellung bezogen. Sie macht deutlich, daß die einzelnen am Fremdstoffmetabolismus beteiligten Enzyme in ihrem Zusammenwirken gesehen werden müssen. Die oftmals geäußerte Sichtweise ("Phase-I-Enzyme = Giftung", "Phase-II-Enyzme = Entgiftung") ist  einprägsam, stellt aber eine unwissenschaftliche Vereinfachung der tatsächlichen Situation im Körper dar.

Die Bestimmung der "Entgiftungskapazität der Leber" auf der Grundlage willkürlich ausgewählter Stoffwechseluntersuchungen, gelegentlich verbunden mit der Ausgabe eines "Notfallsausweises" ist für umweltmedizinische Fragestellungen weder sinnvoll noch aussagekräftig.  in ähnlichem Sinne hatte sich 1999 die Sektion Toxikologie der Deutschen Gesellschaft für experimentelle und klinische Pharmakologie und Toxikologie (DGPT) geäußert.

Fazit: Patienten sollten Untersuchungen zur "Entgiftungskapazität" und zur "persönlichen genetischen Ausstattung" kritisch hinterfragen und  Rat von anderer Seite einholen!

Veröffentlicht: 24. März 2006 - 0:00 Uhr