Genveränderter Mais und das Herbizid Glyphosat: Ist „Genmais“ giftig?

Auszüge aus dem Original: 

"Wir Versuchstiere". Beitrag in der ZEIT vom 11.10.2012.

Als im September eine französische Langzeitstudie herbizidtoleranten Genmais der Sorte NK603 und den zugehörigen Unkrautvernichter Roundup angeblich als Krebserreger entlarvte, galt das als Sensation. In den Medien erschienen Schreckensbilder von Ratten mit großen Krebsbeulen.

Ein Fehlalarm, ausgelöst von Gilles-Eric Séralini von der Universität Caen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung sowie das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit bescheinigen der Sensationsstudie inzwischen unisono eklatante Mängel, die keine fundierten Aussagen über die Krebsursache zulassen.

Aktuell (Oktober 2016): die Studie von Seralini et al. wurde inzwischen zurückgezogen (link).

Große Aufmerksamkeit hat in diesem Herbst eine Publikation (1) geweckt, für die die Toxizität von genverändertem Mais und von dem beim Anbau verwendeten Pflanzenschutzmittel Glyphosat an Ratten untersucht worden war. Exponierte Tiere sind häufiger gestorben und haben mehr Tumoren entwickelt als Kontrolltiere.

Liest man nicht nur die kurze Zusammenfassung, sondern den ganzen Artikel, dann ist die Aussagekraft dieser Ergebnisse zu bezweifeln.

Es sind für die Untersuchungen 10 Gruppen mit jeweils 10 männlichen Ratten (ebensoviele mit weiblichen Tieren) verwendet worden. Eine einzige Gruppe, also 10 Tiere, diente während des zweijährigen Experiments als unbehandelte Kontrollgruppe. Die anderen erhielten Genmais in unterschiedlichen Mengen (3 Gruppen), Genmais und Glyphosat (3 Gruppen) und lediglich Glyphosat in verschiedenen Mengen.

Die für einen zweijährigen Versuchsansatz extrem geringe Zahl der Tiere in den jeweiligen Versuchsgruppen und in der Kontrollgruppe ist absolut unzureichend. Hinzu kommen geradezu groteske Unterschiede bei der Zugabe von G zum Trinkwasser: 50 ng/L, 400 mg/L (also 8 Millionen mal mehr) und 2,25 g/L und die Aussage, dass bei beobachteten Effekten keine Dosisabhängigkeit bestanden habe. Weitere gravierende Unstimmigkeiten haben nach einer Analyse der Publikation die European Food Safety Agency (EFSA) (2) und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) (3) benannt.

Hans Schuh hat kürzlich in der ZEIT (4) den Sensationsrummel in unkritischen Medien scharf kritisiert: Die verwendeten Laborratten seien von Natur aus sehr krebsanfällig. Etwa drei von vier Tieren entwickelten spontan Tumoren. Ob nun Genmais oder das Herbizid oder erbliche Effekte zu den Resultaten geführt hätten, sei gar nicht diskutiert worden. Das sei hanebüchen, ebenso wie die halbseidenen Erklärungen dafür, dass hohe Dosen Genmais/Herbizid teils weniger Tiere hätten erkranken lassen als niedrige Dosen. Wir seien alle Opfer eines Kreuzzüglers, der mit schlechter Wissenschaft Ängste zu schüren versuche.

Allein die Abstrakta/Zusammenfassungen/Summaries von wissenschaftlichen Publikationen zu lesen genügt offenbar manchen, um daraus Sensationspublizistik zu stricken, allerdings nicht, um sich ein reelles Bild von Publikationen zu machen (5).

Literatur: 

1 Studie von Gilles-Eric Séralini et al., am 19.09.2012 online veröffentlicht, Druckversion veröffentlicht in Food and Chemical Toxicology, Jahrgang 50, Ausgabe 11, November 2012, Seiten 4221-4231 (in englischer Sprache), vorher online veröffentlicht. Titel: Long term toxicity of a Roundup herbicide and a Roundup-tolerant genetically modified maize. www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0278691512005637#sec1 (Hinweis: diese Studie wurde inzwischen zurückgezogen).

2 Vorläufige Auswertung der Studie von Séralini et al. durch die EFSA (in englischer Sprache): http://www.efsa.europa.eu/de/efsajournal/pub/2910 (zuletzt aufgerufen im Oktober 2016).

3 Stellungnahme (Nr. 037/2012 vom 28.09.2012) des Bundesinstituts für Risikobewertung zur Veröffentlichung von Séralini et al. zu einer Fütterungsstudie an Ratten mit gentechnischverändertem Mais NK603 sowie einer glyphosathaltigen Formulierung (62 kB): www.bfr.bund.de/cm/343/veroeffentlichung-von-seralini-et-al-zu-einer-fuetterungsstudie-an-ratten-mit-gentechnischveraendertem-mais-nk603-sowie-einer-glyphosathaltigen-formulierung.pdf (zuletzt aufgerufen im Oktober 2016).

4 Schuh, H. (2012): Wir Versuchstiere, DIE ZEIT, 11.10.2012 Nr. 42: www.zeit.de/2012/42/Glosse-Genmais (zuletzt aufgerufen im Oktober 2016).

5 v. Mühlendahl, K. E. (1999): Hormonally active organochlorines and breast cancer: don’t believe every abstract, Eur J Pediatr, 158: 603-604 link.springer.com/content/pdf/10.1007%2Fs004310051156 (zuletzt aufgerufen im Oktober 2016).

Veröffentlicht: 29. Oktober 2012 - 9:50 Uhr

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