Grandjean & Landrigan: Neurotoxizität (1. Kommentar)

Auszüge aus dem Original: 

Grandjean P, Landrigan PJ: Developmental neurotoxicity of industrial chemicals
(Zur Neurotoxizität von Industriechemikalien während der Entwicklung)
The Lancet, 368,  S. 2167-78.

Neurodevelopmental disorders such as autism, attention deficit disorder, mental retardation, and cerebral palsy are common, costly, and can cause lifelong disability. Their causes are mostly unknown.

A few industrial chemicals (eg, lead, methylmercury, polychlorinated biphenyls [PCBs], arsenic, and toluene) are recognised causes of neurodevelopmental disorders and subclinical brain dysfunction. Exposure to these chemicals during early fetal development can cause brain injury at doses much lower than those affecting adult brain function. ...

Sinngemäße Übersetzung:

Einige Industriechemikalien (z.B. Blei, Quecksilber, PCB, Arsen, Toluol) sind ursächlich für neurologische Entwicklungsstörungen und subklinische Funktionsstörungen des Gehirns verantwortlich. Eine Exposition gegenüber diesen Chemikalien während der frühen fötalen Entwicklung kann das Gehirn bereits bei viel geringeren Konzentrationen als beim Erwachsenen schädigen.

Another 200 chemicals are known to cause clinical neurotoxic effects in adults.

Sinngemäße Übersetzung:

Weitere 200 Chemikalien sind dafür bekannt, daß sie klinisch relevante, neurotoxische Effekte bei Erwachsenen hervorrufen können.

Despite an absence of systematic testing, many additional chemicals have been shown to be neurotoxic in laboratory models. The toxic effects of such chemicals in the developing human brain are not known and they are not regulated to protect children.

Sinngemäße Übersetzung:

Obwohl nicht systematisch getestet wird, sind viele weitere Stoffe im Laborversuch neurotoxisch. Ihre toxische Wirkung auf das sich entwickelnde menschliche Gehirn ist nicht bekannt und  sie unterliegen auch keinen Beschränkungen zum Schutz der Kinder.

The two main impediments to prevention of neurodevelopmental deficits of chemical origin are the great gaps in testing chemicals for developmental neurotoxicity and the high level of proof required for regulation. New, precautionary approaches that recognise the unique vulnerability of the developing brain are needed for testing and control of chemicals.

Sinngemäße Übersetzung:

Ein neues Herangehen an die Prüfung und Zulassung von Chemikalien - unter Berücksichtigung der besonderen Empfindlichkeit des sich entwickelnden Gehirns - ist notwendig.

Die in den letzten zwei Jahren immer wieder veröffentlichten Biomonitoring-Studien von Greenpeace, vom World Wildlife Fund, vom B.U.N.D. etc. sind wohl geeignet, die allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen, sind aber wissenschaftlich ungeeignet und eher verwirrend als hilfreich. 310 Chemikalien in der Muttermilch, soundsoviele Chemikalien im Blut von Europapolitikern etc. - das sind nichtssagende Aussagen. Mit steigender Empfindlichkeit der Bestimmungsmethoden wird man demnächst auch 1000 Substanzen oder noch viel mehr finden und quantifizieren können.

In Fortsetzung dieser auf die Aufmerksamkeit eines breiten Publikums gerichteten Veröffentlichungen erscheint nun im Lancet ein Artikel von Grandjean und Landrigan, die alphabetisch "Chemicals (201) known to be neurotoxic in man" auflisten. Hier stehen Acrylamid, Benzol, Blei, Kohlenmonoxid, Methylquecksilber und PCB (alles Chemikalien von erheblicher umweltmedizinischen Bedeutung), neben Methanol, Phosphor und Schwefelwasserstoff (die bei akuten Vergiftungen gefährlich sind) und neben Azeton, Barium und Isoprophylalkohol (die keinerlei umweltmedizinische Relevanz haben).

Grandjean und Landrigan haben insofern recht, als dass wir augenblicklich nur einen kleinen Teil der Industriechemikalien toxikologisch untersucht haben, auch, dass es mitunter schwierig ist, an entsprechende Daten zu gelangen.

Ihre Stoffliste ist aber insofern fragwürdig, als daß neben der bloßen Anwesenheit jener 200 Stoffe auch die Betrachtung von Toxizität (mit Mengen- oder Konzentrationsangaben) und der in Frage kommenden Exposition unerlässlich ist, um zu einer ordentlichen Einschätzung zu kommen.

Es darf zudem nicht vergessen werden, dass die "Umwelt" unserer Kinder aus mehr besteht als aus Chemikalien.

Der psychosoziale Hintergrund, Ernährung und Bewegung, Wohnung und Wohnumfeld, Drogen, Alkohol und Tabakrauch und Gewalt sind einige der Umstände, die zu bedenken und zu bessern sind.

Schließlich gibt es mittel- und längerfristige Risiken für die Lebenswelt unserer Nachkommen (wir haben die Enkeltauglichkeit zu bedenken): globale Erwärmung, Entwaldung, Verlust der Artenvielfalt, Rückgang des stratosphärischen Ozons, Endlagerung von nuklearen Abfällen sind einige solcher Themenkomplexe.

Der Einsatz von finanziellen Ressourcen und menschlicher Arbeitskraft zur Untersuchung und Behebung von Umweltgefährdungen muss dementsprechend sorgfältig bedacht werden.

Veröffentlicht: 19. März 2007 - 0:00 Uhr

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