Hyperaktivität (ADHS) und Nahrungsmittelzusatzstoffe

Auszüge aus dem Original: 

Food additives and hyperactive behaviour in 3-year-old and 8/9-year-old children in the community: a randomised, double-blinded, placebo-controlled trial.
Donna McCann und andere.

"Hintergrund:
Wir führten eine randomisierte, doppelblinde, Plazebo-kontrollierte Crossoverstudie durch, um zu prüfen, ob die Einnahme von künstlichen Nahrungsmittelfarben und Nahrungsmittelzusatzstoffen das kindliche Verhalten beeinflusst.
...
Interpretation:
Künstliche Farbstoffe oder Natriumbenzoat in der Nahrung führen zu einer erhöhten Hyperaktivität bei 3-jährigen und 8/9-jährigen Kindern in der Allgemeinbevölkerung."

Die Diskussion um die Ursachen für das ADHS (attention deficit hyperactivity syndrome, Zappelphilipp-Syndrom) – wie auch um die Therapie (Indikation für die Gabe von Methylphenidat, Ritalin R) – hat in den letzten Jahrzehnten viel Platz eingenommen. Ältere Theorien, etwa der Aussage, dass die Nahrung eine Rolle spiele (Phosphat-Theorie, Feingold-Diät) sind in den letzten Jahren nicht mehr eingehend diskutiert worden. Jetzt wird wieder über die Nahrungsmittelzusatzstoffe gesprochen werden. Anlass ist eine im September erschienene Publikation aus dem Lancet (1).

Zwar fällt die Beurteilung schwer, werden doch bei dieser Arbeit wie bei manchen psychiatrisch-psychologischen Untersuchungen die Ergebnisse in Form von Indices mitgeteilt, und die Größe der Veränderungen erschließen sich dem Leser nicht. Aber es bleibt zu berücksichtigen, dass es sich um eine Untersuchung an immerhin fast 300 Kindern handelt, die mit der aussagefähigen Untersuchungsmethode „Doppelblind-Testung“ und "cross over"  gemacht worden ist. "Cross over" bedeutet: jeder Proband erhält zu unterschiedlichen Zeiten ein Getränk mit Farbstoff (Verum) und ein Getränk ohne Farbstoff (Placebo), der Proband dient also als seine eigene Kontrolle). Zudem kommt die Studie in dem renommierten Lancet nach dem obligaten peer review Verfahren zur Publikation.

Getestet wurden Fruchtsaftgetränke, die jeweils eine Woche lang zu Hause getrunken wurden und die entweder keine Zusatzstoffe enthielten oder 45 mg Natriumbenzoat und zusammen 20 mg (Mischung A) oder 30 mg (Mischung B) der Farbstoffe E 102 E110, E122, E124, - diese Mengenangaben gelten für die 3 jährigen Kinder. Für die 8 bis 9 jährigen Kinder wurden um 25% höhere Konzentrationen verwendet.

Messgrößen waren das Verhalten in der Schule und zu Hause (ermittelt durch Fragebögen, die von den Lehrern und den Eltern ausgefüllt wurden), zudem Beobachtungen beim Unterricht durch geschulte Fachkräfte und bei den 8 bis 9 jährigen ein psychometrischer Test (Conners continuous performance test II).

Während der Wochen, in denen die farbstoffhaltigen Getränke (Verum-Getränke) konsumiert wurden, hatte bei den 3 jährigen Kindern das Gemisch A, aber nicht das B-Getränk, einen signifikanten Effekt auf die Hyperaktivität. Bei den 8 bis 9 jährigen war der Effekt des Gemisches B signifikant. Es gab große individuelle Unterschiede.

Zwei weitere kürzlich erschienene einschlägige Publikationen kommen zu ähnlichen Aussagen:

Schab und Trinh (2004) sagen nach einer Metaanalyse von 15 einschlägigen Arbeiten, die Analyse habe gezeigt, dass das Verhalten überaktiver Kinder sich bessert, wenn Nahrungmittel-Farbstoffe (AFC, artificial food colouring) aus der Kost eliminiert würden. Ob es sich um allergische Reaktionen oder um pharmakologische Effekte handele, könne noch nicht gesagt werden. Die Eliminationskost habe einen bescheidenen Effekt, der sich auf ein Drittel bis zu einer Hälfte des Effektes der normalen Medikation belaufe, so dass man annehmen müsse, dass diätetische Maßnahmen durch andere Therapiemodalitäten ergänzt werden müssten. Die Ergebnisse legten nahe, dass diätetische Maßnahmen erwägenswert wären ("are also worthy of consideration").

Bateman und Mitarbeiter (2004) kommen nach ihrer Studie zu der Aussage, dass benzoathaltige Konservierungsmittel und AFC eine nachteilige Wirkung auf das Verhalten von 3 jährigen Kindern habe, das von den Eltern beobachtet werden könne, aber nicht durch eine einfache klinische Untersuchung.

Fazit:

Was hat das zu bedeuten? Sicherlich wird die Debatte über Nahrungsmittelzusatzstoffe wieder angestoßen. Wie valide und wie bedeutend die beobachteten Effekte sind, wird weitere Bewertungen durch Fachleute aus der Pädiatrie, Pharmakologie und Toxikologie erfordern. Das BfR stuft in seiner Stellungnahme den Effekt als gering ein und weist darauf hin, dass ein ursächlicher Zusammenhang weiterhin offen ist.

Literatur: 

1) McCann D et al. Food additives and hyperactive behaviour in 3-year-old and 8/9-year-old children in the community: a randomised, double-blinded, placebo-controlled trial. Lancet DOI:10.1016/S0140-6763(07)61306-3 (early online publication)

2) Bundesinstitut für Risikobewertung (2007): Hyperaktivität und Zusatzstoffe – gibt es einen Zusammenhang?  Stellungnahme 040/2007

3) Schab DW, Trinh NT. Do artificial food colours promote hyperacitvity in children with hyperactive syndromes? A meta-analysis of double-blind placebo-controlled trials. J Dev Behav Pediatr 25, 423-434, 2004

4) Bateman B et al. The effects of a double blind, placebo controlled, artificial food colourings and benzoate preservative challenge on hyperactivity in a general population sample of preschool children. Arch Dis Child 89, 506-511, 2004

Veröffentlicht: 1. November 2007 - 0:00 Uhr

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