KiGGS (Kinder- und Jugend-Gesundheitssurvey)

Auszüge aus dem Original: 

www.kiggs.de

Aufbau der Studie

Die KiGGS-Studie ist eine bundesweite Studie des Robert Koch-Instituts in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Gesundheit (BMG) und dem Ministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Es ist die bislang größte repräsentative bundesweite Studie zur Gesundheit der heranwachsenden Generation. Ziel dieses Surveys war es, umfassende und bundesweit repräsentative Informationen  zum Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen zu erheben.

Seit Mai 2003 wurden drei Jahre lang Daten zur Gesundheit der Kinder gesammelt. 17.641 Kinder und Jugendliche im Alter von 0 bis 17 Jahren nahmen mit ihren Eltern an der Studie teil. Die Beteiligung war sehr gut: zwei von drei angeschriebenen Kindern und Jugendlichen nahmen teil. 

Die Untersuchungen  wurden in 167 Städten und  Gemeinden (Sample Points) durchgeführt. Die Jungen und Mädchen  im Alter von 0-17 Jahren  wurden zufällig aus den  Melderegistern der Einwohnermeldeämter ausgewählt.

Informationen und Daten wurden auf drei Wegen erfasst:

  • durch Fragebögen für die Eltern (parallel dazu auch für die Kinder und Jugendlichen ab 11 Jahren selbst)
  • durch ärztliche Gespräche, die in den Studienzentren stattfanden und in denen unter anderem  Fragen zum Medikamentenkonsum, zu Allergien und Impfstatus gestellt wurden.
  • durch ein Mess- und Untersuchungsprogramm, in dem zusätzliche Parameter wie Größe, Gewicht, Blutdruck u.ä. bestimmt wurden

Neben der Hauptstudie mit fast 18.000 Teilnehmern, gibt es folgende kleinere Zusatzuntersuchungen, die nur Stichproben der Teilnehmer untersuchen und sich auf einen Schwerpunkt konzentrieren:

  • Bella-Studie, die sich auf die psychische Gesundheit konzentriert,
  • KUS (Kinder-Umwelt-Survey)
  • MOMO (Motorik-Modul)
  • Ländermodul speziell für Schleswig Holstein

Die aus den Studien gewonnen Daten können Schwachstellen aufzeigen und so neuen Präventions- und Interventionsansätzen dienen. Die teilnehmenden Kinder konnten davon profitieren, in einem Alter untersucht zu werden, für das keine Vorsorgeuntersuchungen vorgesehen sind.

Ergebnisse

Am 26. September 2006 wurden im Rahmen eines öffentlichen Symposiums erste Ergebnisse bekannt gegeben. Zudem wurde im Dezember 2006 eine Eltern-Broschüre mit weiteren Ergebnissen veröffentlicht. Im Mai 2007 soll eine Basispublikation erscheinen.
An dieser Stelle finden Sie bereits die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

Übergewicht und Adipositas

Mit den Ergebnissen von KiGGS liegen nun erstmals repräsentative bundesweite Zahlen zum Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen aller Altersgruppen vor.

Die Daten wurden durch die Messung von Gewicht und Größe der Teilnehmer und Bestimmung des jeweiligen Perzentils erfasst. Bei Kindern und Jugendlichen gelten altersbezoge Zahlen für den BMI, weil das Wachstum berücksichtigt werden muss. Es gibt dafür Tabellen mit Werten für jedes Alter, für männlich und für weiblich. Es handelt sich um eine Adipositas , wenn der BMI über dem 97. Perzentil für das jeweiligen Alter liegt; Übergewicht liegt vor, wenn der BMI zwischen dem > 90. und 97. Perzentil liegt.

Den Messungen zufolge sind 15% der Kinder und Jugendlichen übergewichtig und 6,3% adipös,  also schwer übergewichtig. Dabei stieg die Zahl der übergewichtigen Kinder (auf Basis der Referenzdaten von 1985-1999) um 50% und  die Zahl der adipösen Kinder auf das doppelte.

Ein starker Anstieg ist im Grundschulalter zu verzeichnen. Kinder mit niedrigem Sozialstatus sind häufiger betroffen.

Essstörungen

Das Vorhandensein einer Essstörung wurde in der KiGGs-Studie anhand eines Fragebogens mit fünf recht allgemeinen Fragen erfasst. Bei zwei „positiven“ Antworten wurden Hinweise auf eine mögliche Essstörung gesehen. Dabei zeigten 21,9% der Befragten 11-17jährigen ein auffälliges Essverhalten, am häufigsten Mädchen im Alter von 14 bis 17 Jahren. Mit dieser Methode können jedoch keine Diagnosen gestellt, sondern nur Verdachtsfälle gefunden werden. Schlagzeilen wie „Jedes dritte Mädchen hat Essstörungen“ (Neue Osnabrücker Zeitung vom 26.09.2006) sind somit schlichtweg falsch.

Ernährungsverhalten

Das Ernährungsverhalten wurde mit einem Verzehrshäufigkeitsfragebogen ermittelt. Insgesamt essen Kinder und Jugendliche weniger Brot und Getreideprodukte, Obst, Milchprodukte, Fisch und Beilagen als empfohlen. Der Konsum von fetten Snacks und gesüßten Getränken ist hingegen zu hoch.

Allergische Erkrankungen

Die Daten zu allergischen Erkrankungen wurden ermittelt, indem den Eltern von Ärzten in Fragen der Form eines  Interviews gestellt wurden. Zudem wurde das Blut der Teilnehmer auf IgE-Antikörper gegen 20 häufige Allergene untersucht.
Ergebnis der Interviews: 8,9% der Teilnehmer litten an Heuschnupfen, 3% an Asthma, 7,7% an Neurodermitis, 17% der Befragten litten aktuell an einer Allergie. 40,8% der Teilnehmer waren im Bluttest gegen mindestens eines der Allergene sensibilisiert.

Jodversorgung

Was die Jodversorgung anbetrifft, kann gesagt werden, dass Deutschland kein Jodmangelgebiet (mehr) ist. Bei Ultraschall-Untersuchungen fanden sich in 36% der Fälle vergrößerte Schilddrüsen-Volumina, im Schnitt betrug die Erhöhung 22% (unter Zugrundelegung der Referenzwerte der Weltgesundheitsorganisation).

Sport und Bewegung

Um die sportliche Aktivität der Kinder und Jugendlichen zu untersuchen, wurden Befragungen zur körperlichen und sportlichen Aktivität und Leistungsfähigkeit durchgeführt. Diese ergaben, dass dreiviertel der Kinder bis 10 Jahre täglich im Freien spielen und 60% mindestens einmal die Woche Sport machen. Von den 11-17jährigen sind 54% mindestens dreimal in der Woche körperlich aktiv, Jungen mehr als Mädchen.

In der Zusatzstudie MOMO wurden zudem die Koordination, Beweglichkeit, Kraft und Ausdauer von über 4500 Kindern und Jugendlichen getestet. Interessante Ergebnisse waren:

  • 35% der Kinder und Jugendlichen können keine 2 Schritte auf einem 3cm breiten Balken rückwärts balancieren.
  • 89% der Kinder und Jugendlichen können nicht eine Minute mit einem Bein auf diesem Balken stehen.
  • 43% der Kinder und Jugendlichen erreichen beim Rumpfbeugen nicht den Boden.

Unfallverletzungen

Die Eltern wurden anhand eines Fragebogens zu den Unfällen ihrer Kinder in den letzten 12 Monaten befragt, die einer ärztlichen Behandlung bedurften. 16% der Kinder und Jugendlichen hatten innerhalb dieses Zeitraumes einen Unfall. Zu über 50% passierte dies zu hause Bei unter 2jährigen sind Verbrennungen und Verbrühungen die bedeutendste Ursache. Folgen der Unfälle waren meist Prellungen/Verrenkungen (37%), gefolgt von offenen Wunden (32%) und Knochenbrüchen (22%).

Verhaltensprobleme

Bei ca. 19% der Mädchen und 16% der Jungen liegen im Selbstbericht Hinweise auf Verhaltensauffälligkeiten bzw. emotionale Probleme vor. Dennoch verfügen 89% über ein gutes soziales Verhalten. Die häufigsten Probleme sind Hyperaktivitätsprobleme (8-9%), Verhaltensprobleme (5-6% und emotionale Probleme, von denen Mädchen zu 7% und Jungen zu 2% betroffen sind.

Tabakkonsum und Passivrauchen

Ca. 30% der Jugendlichen zwischen 14 und 17 rauchen bereits, davon 21% täglich. Jugendliche mit niedrigem Sozialstatus rauchen besonders stark. Ein Viertel der jungen Nichtraucher sind mehrmals in der Woche Passivrauch ausgesetzt, ein Fünftel sogar täglich.

Inanspruchnahme von Früherkennungsuntersuchungen

81% der Kinder und Jugendlichen haben laut Eltern an allen Früherkennungsuntersuchungen teilgenommen, 16% nur teilweise und 3% gar nicht.

Immer wieder ist in den Medien zu hören, die Kinder seien heutzutage übergewichtig, unbeweglich und nicht gesund. Dabei wird mit allerhand unterschiedlichem Zahlenmaterial argumentiert, es gibt jedoch nur unzureichende Informationen über die Verbreitung von  Krankheiten und Gesundheitsverhalten der Bevölkerung unter 18 Jahren. Es wurden zwar viele Studien publiziert, doch nur wenige waren repräsentativ für ganz Deutschland. Dies wollte das Robert Koch-Institut mit dem Projekt KiGGS ändern.

KiGGS ist eine wichtige und - dank der Vielzahl und Auswahl der Teilnehmer - repräsentative Studie.

In manchen Bereichen ist es nicht möglich, genaue Aussagen zu machen. Der Fragebogen zum Thema Essstörungen zum Beispiel besteht aus nur 5 Fragen. Daraus lässt sich keine Prävalenzangabe ableiten.
Die Daten zu Allergien wurden ebenfalls nur durch Befragungen ermittelt. Dies ist nicht so gründlich, da die Eltern sich bei ihren Angaben irren können.
Auch bei der Befragung zur Bewegung der Kinder stellt sich die Frage nach der Zuverlässigkeit der Angaben der Eltern.

Die notwendigerweise sehr verkürzte Darstellung von Ergebnissen birgt das Risiko einer verzerrten Wiedergabe durch die Medien ("Jedes dritte Mädchen hat Essstörungen", "Mehr als 25% der Kinder haben vergrößerte Schilddrüsen" etc.)

Wiederholt, fast stereotyp wurde die Forderung nach Prophylaxe, nach primärer Prävention geäußert, wobei allerdings zuvor nach genauer Definition von Zielgruppen und auch nach der Kosten-Nutzen-Relation von Interventionsversuchen gefragt werden müsste.

Das KiGGS-Team und dessen Sprecherin, Frau Prof. B.M. Kurth, haben in den vergangenen Jahren mit großem Aufwand gute Arbeit geleistet, diese gut präsentiert, und es ist zu hoffen/zu fordern, dass KiGGS und die angehängten Module nicht Eintagsfliegen bleiben, sondern den Beginn einer kontinuierlichen Gesundheitsberichterstattung über die Lage der Kinder und Jugendlichen in Deutschland darstellen.

Die Studie KiGGS und ihre Module werden weiter ausgewertet, ausführliche Ergebnisse werden voraussichtlich im Mai 2007 im Bundesgesundheitsblatt veröffentlicht.

In einem eigenen Modul KUS (Kinder-Umwelt-Survey) werden Daten zur Umweltbelastung der Kinder erfasst.

Veröffentlicht: 25. April 2007 - 0:00 Uhr

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