Mobilfunk und Hirntumoren

Auszüge aus dem Original: 

Time Trends in Brain Tumor Incidence Rates in Denmark, Finland, Norway, and Sweden, 1974–2003

(Zeitliche Trends der Hirntumor-Inzidenzraten in Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden von 1974 bis 2003)

Isabelle Deltour,Christoffer Johansen,Anssi Auvinen,Maria Feychting,Lars Klaeboe,Joachim Schüz

JNCI - Journal of the National Cancer Institute (2009) Vol. 101(24) p. 1721-1724; doi:10.1093/jnci/djp415

Abstract:

In Denmark, Finland, Norway, and Sweden, the use of mobile phonesincreased sharply in the mid-1990s; thus, time trends in braintumor incidence after 1998 may provide information about possibletumor risks associated with mobile phone use. We investigatedtime trends in the incidence of glioma and meningioma in Denmark,Finland, Norway, and Sweden from 1974 to 2003, using data fromnational cancer registries. ... During this period, 59 984 men and women aged 20–79 yearswere diagnosed with brain tumors in a population of 16 millionadults. All statistical tests were two-sided. From 1974 to 2003,the incidence rate of glioma increased by 0.5% per year (95%confidence interval [CI] = 0.2% to 0.8%) among men and by 0.2%per year (95% CI = –0.1% to 0.5%) among women and thatof meningioma increased by 0.8% per year (95% CI = 0.4% to 1.3%)among men, and after the early 1990s, by 3.8% per year (95%CI = 3.2% to 4.4%) among women. No change in incidence trendswere observed from 1998 to 2003, the time when possible associationsbetween mobile phone use and cancer risk would be informativeabout an induction period of 5–10 years.

Zusammenfassende Übersetzung (Quelle: EMF-Portal):

Die zeitlichen Trends der Hirntumor-Inzidenzraten in Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden von 1974 bis 2003 wurden untersucht, um einen möglichen Zusammenhang in Bezug auf die hochfrequente Exposition bei Mobiltelefonen nach 5 bis 10 Jahren Exposition aufzudecken. Die Mobiltelefon-Nutzung begann in den skandinavischen Ländern Mitte der 1980er Jahre und stieg steil Mitte der 1990er Jahre an.

Die Studiengröße umfasste knapp 60 000 Patienten (bei einer Gesamtzahl von ca. 16 Millionen Erwachsenen in der untersuchten Altersgruppe (20 - 79 Jahre).

Ergebnis:

Von 1974 bis 2003 waren die Hirntumor-Inzidenzraten in Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden konstant, nahmen ab oder stiegen allmählich vor der Einführung von Mobiltelefonen an. Es wurden keine Änderungen in den Inzidenz-Trends im Zeitraum von 1998 bis 2003 beobachtet, in der Zeit, in der mögliche Zusammenhänge zwischen Mobiltelefon-Nutzung und Hirntumor-Risiko aufschlussreich über eine Induktions-Zeit von 5 bis 10 Jahren sein könnten.



Inhaltlicher Zusammenhang und mögliche Einschränkungen -  vollständiger Text siehe Link.

Zusammenfassende Übersetzung:

Das Fehlen einer nachweisbaren Trend-Änderung in der Inzidenz bis 2003 könnte nach Auffassung der Autoren auch darauf zurückzuführen sein,

  • dass die Induktions-Zeit für Hirntumor im Zusammenhang mit Mobiltelefon-Nutzung länger als 5 bis 10 Jahre ist,
  • dass das erhöhte Risiko für Hirntumor im Zusammenhang mit Mobiltelefon-Nutzung in dieser Bevölkerung zu klein ist, um beobachtet werden zu können,
  • dass das erhöhte Risiko auf Untergruppen der Hirntumore oder der Mobiltelefon-Nutzer beschränkt ist, oder
  • dass (tatsächlich) kein erhöhtes Risiko für Hirntumor im Zusammenhang mit Mobiltelefon-Nutzung besteht.

Diese groß angelegte Studie skandinavischer Forschungs- und Strahlenschutzeinrichtungen ergänzt sehr gut die von der Weltgesundheitsorganisation in 2000 in Auftrag gegebene INTERPHONE-Studie zur Häufigkeit von Hirntumoren im Zusammenhang mit Mobiltelefonaten. (Anmerkung: Bisher wurden lediglich Teilergebnisse der INTERPHONE-Studie veröffentlicht, eine Veröffentlichung der Zusammenschau aller Daten durch die IARC in Lyon steht immer noch aus).

Das Ergebnis der aktuellen skandinavischen Studie deckt sich gut mit den publizierten Teilergebnissen der INTERPHONE-Studie. Es entspricht den wissenschaftlichen Gepflogenheiten, wenn die Autoren in einem eigenen Abschnitt "Context and Caveats" ("inhaltlicher Zusammenhang und mögliche Einschränkungen") selbst auf Limitierungen hinweisen, etwa auf die im Vergleich zur Induktionszeit für Hirntumore möglicherweise zu kurze Expositionszeit oder auf die Existenz von potentiell sensibleren Untergruppen wie Kinder und Jugendliche. Letzteres ist Gegenstand der im Mai 2009 gestarteten "MOBI-KIDS"-Studie, die von der Europäischen Union gefördert wird. 

Hintumoren sind relativ selten. Über Risikofaktoren für Hirntumoren ist trotz umfangreicher Forschung wenig bekannt. Nach Einschätzung des Krebsinformationsdienstes beim Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg lassen sich kaum irgendwelche Risiken benennen, denen man durch gesunde Lebensweise/Lebensstil entgegentreten könnte. Umweltschadstoffe und Mobiltelefonate scheinen bei Hirntumoren keine Rolle zu spielen.

Die aktuellen Daten aus Skandinavien - sie stammen aus einem recht langen Zeitraum (1974 - 2003), in dem sich unsere Umwelt erheblich verändert hat - unterstützen diese Sichtweise.

Literatur: 

Krebsinformationsdienst (2009): Hirntumoren: Krebserkrankung in der "Schaltzentrale" des Menschen. Link aufgerufen am 21.12.09

Veröffentlicht: 21. Dezember 2009 - 0:00 Uhr

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