Neues zu Bisphenol A

Auszüge aus dem Original: 

1. Harvard School of Public Health, Boston

Use of Polycarbonate Bottles and Urinary Bisphenol A Concentrations.

Jenny L. Carwile, Henry T. Luu, Laura S. Bassett, Daniel A. Driscoll, Caterina Yuan, Jennifer Y. Chang, Xiaoyun Ye, Antonia M. Calafat, and Karin B. Michels. Environmental Health Perspectives, Link

doi: 10.1289/ehp.0900604 (available at http://dx.doi.org/) Online 12 May 2009

2. Health Canada (Kanadische Gesundheitsbehörde), Ottawa

Survey of Bisphenol A  

(3 Studien zur Bisphenol A - Freisetzung aus abgepacktem Wasser bzw. Übergang in Babyfertignahrung und Babytrockennahrung) 

2.1 Survey of Bisphenol A in Bottled Water Products

This survey examined samples from 56 different bottled water products.  We have discovered no detectable levels of BPA in these products, with the exception of water cooler containers; however, the levels of BPA in these containers were very low and pose no safety concerns. 

2.2. Survey of Bisphenol A in Baby Foods Prepackaged in Glass Jars with Metal Lids

This survey examined samples from 122 baby foods sold in glass jars with metal lids, and found very low levels of BPA in these products.  The results of this survey clearly indicate that exposure to BPA through the consumption of baby food is extremely low and poses no health or safety concerns.

2.3 Survey of Bisphenol A in Canned Powdered Infant Formula Products

The results of this survey clearly indicate that exposure to BPA through the consumption of canned powdered infant formula poses no health or safety concerns.  BPA was not detected in any of the 38 canned powdered infant formula products surveyed.

Source: www.hc-sc.gc.ca/fn-an/securit/packag-emball/bpa/bpa_survey-summ-enquete-pow-pou-eng.php

Bisphenol A (BPA) hat erneut das Interesse der Medien gefunden. BPA gilt als Stoff mit (schwacher) östrogenartiger Wirkung.

Eine Studie aus den USA (Karin Michels, Boston) vom Mai 2009 und drei Studien der Kanadischen Gesundheitsbehörde (Health Canada) vom Juli 2009 beschäftigen sich mit der Freisetzung von BPA aus Trinkgefäßen bzw. aus Flaschen für abgepacktes Wasser, Babyfertignahrung und trockener Babynahrung.

Die Arbeitsgruppe um Karin Michels, einer Epidemiologin an der Harvard School of Public Health, untersuchte die BPA-Ausscheidung an 77 studentischen Probanden. Diese mussten zunächst eine Woche lang alle Kaltgetränke aus Trinkgefäßen aus rostfreiem Stahl trinken, um die Körperbelastung mit BPA zu minimieren. BPA wird im menschlichen Körper sehr rasch abgebaut und über den Urin ausgeschieden, die Halbwertszeit liegt bei weniger als 6 Stunden (vgl. Völkel und Mitarbeiter 2002). Anschließend wurden sie aufgefordert, eine weitere Woche lang alle Getränke aus Polycarbonatflaschen zu sich zu nehmen. In beiden Zeiträumen wurde die Ausscheidung von BPA (als Summenwert des freien und konjugierten BPA) im (Spontan-)Urin gemessen und – wie bei Messungen im Urin üblich – auf Creatinin bezogen. Als Ergebnis fand sich ein Anstieg von durchschnittlich 1.2 Mikrogramm BPA pro g Creatinin in der ersten Woche auf 2 Mikrogramm BPA pro g Creatinin in der zweiten Woche. Die Autoren schlussfolgern, dass der Gebrauch von Polycarbonatflaschen die BPA-Ausscheidung signifikant um 69 % erhöht.

In methodischer Hinsicht macht die Studie durchaus einen guten Eindruck: Ihr Design als Interventionsstudie ermöglicht den Vorher-Nachher-Vergleich bei einzelnen Individuen. Der mögliche Einfluss von Störfaktoren (= Einfluss anderer BPA-Quellen) wird auf diese Weise minimiert. Die Gruppe war in Bezug auf Alter und Lebensstil relativ homogen, die Versuchsdurchführung erfolgte unter Alltagsbedingungen. Ferner wurde auch die Freisetzung anderer Phenole gemessen, dies diente als interne Kontrolle der Gültigkeit der BPA-Ergebnisse.

Was besagt nun diese Studie?

Unbestritten ist, dass die Nutzung von Polycarbonatflaschen die BPA-Zufuhr und -Ausscheidung erhöht. Allerdings geschieht dies auf sehr niedrigem Niveau.

Die folgende Überschlagsrechnung mag dies verdeutlichen:  Angenommen, Zufuhr und Ausscheidung halten sich die Waage und die Ausscheidung erfolgt ausschließlich über den Urin. Dann betrüge die zusätzliche Belastung durch Polycarbonatflaschen insgesamt etwa 0.8 – 1.2 Mikrogramm BPA pro Tag (berechnet für einen 60 kg schweren Erwachsenen über die normale Creatininausscheidung via 1 Liter Urin).

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA (European Food Safety Authority) hat eine täglich tolerierbare Dosis (TDI) in Höhe von 50 Mikrogramm BPA pro Kg Körpergewicht festgelegt. Bei einem 60 kg schweren Erwachsenen entspräche das 3 000 Mikrogramm BPA pro Tag.

Bezieht man jene 0,8 – 1,2 Mikrogramm BPA auf diesen laut EFSA maximal zulässigen Wert, so liegt die Zusatzbelastung bei etwa 0,03 Prozent, sie ist also vernachlässigbar klein.

Die drei Studien der Kanadischen Gesundheitsbehörde (Health Canada) haben die Freisetzung von BPA aus Flaschen für abgepacktes Wasser, aus Glasgefäßen für Babyfertignahrung mit Metalldeckel und Konserven für trockene Babynahrung zum Gegenstand.

Da diese Studien mit vergleichbarer Methodik durchgeführt wurden und sich nur im Untersuchungsgegenstand unterscheiden, werden sie hier gemeinsam besprochen.

In allen drei Fällen wurden in Kanada erhältliche Handelsprodukte (in 18.5 l-Flaschen/Behältern abgepacktes Wasser, Babyfertignahrung, trockene Babynahrung) verschiedener Hersteller auf die Migration (Freisetzung) von BPA in das Lebensmittel untersucht.

Die Ergebnisse im Einzelnen:

 Abgepacktes Wasser:

  • Die BPA-Konzentration im Wasser aus polycarbonatfreien Flaschen lag unterhalb der Nachweisgrenze von 0,5 Mikrogramm BPA pro Liter.
  • Die BPA-Konzentration im Wasser aus Polycarbonatflaschen lag durchschnittlich bei 1,5 Mikrogramm pro Liter (Schwankungsbereich 0,5 – 8,82 Mikrogramm pro Liter).

 Bewertung durch die Kanadische Gesundheitsbehörde (Health Canada):

  • "The current dietary exposure to BPA through food packaging is not expected to pose a health risk to the general population, including newborns and young children."
  • Übersetzung (sinngemäß): die gegenwärtige durch Lebensmittelverpackungen bedingte BPA-Belastung stellt aller Wahrscheinlichkeit nach kein Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung dar. Das gilt auch für Säuglinge und Kleinkinder.
  • "In view of uncertainties related to possible neurodevelopmental and behavioural effects that BPA may have in experimental animals, Health Canada's Food Directorate has recommended that precaution be exerted on products consumed by the sensitive subset of the population, i.e. infants and newborns, by applying the ALARA (as low as reasonably achievable) principle to reduce their exposure to BPA through food packaging applications."
  • Übersetzung (sinngemäß): Mit Blick auf wissenschaftliche Unsicherheiten, die mögliche Wirkungen auf die neuronale Entwicklung und das Verhalten bei Tieren betreffen, hat die für Lebensmittel zuständige Abteilung der kanadischen Gesundheitsbehörde empfohlen, dass für Säuglinge und Kleinkinder bestimmte Handelsprodukte das Vorsorgeprinzip durch Anwendung des ALARA-Grundsatzes gelten solle. (ALARA = as low as reasonably achievable = so niedrig wie vernünftigerweise machbar).

Babyfertignahrung

  • Die untersuchten Produkte sind für den kanadischen Markt repräsentativ
  • Der BPA-Gehalt in Babyfertignahrung ist gering: Ein Siebtel der untersuchten Proben lag unter der Nachweisgrenze, fünf Siebtel lagen unter 1 Mikrogramm pro Kg Nahrungsmittel und damit weit unter dem EU-Migrationslimit von 600 Mikrogramm BPA pro Kg.

 Bewertung durch die Kanadische Gesundheitsbehörde (Health Canada):

  • "The current dietary exposure to BPA through food packaging is not expected to pose a health risk to the general population, including newborns and young children. The nutritional benefits of baby food products far outweigh any possible risk."
  • Übersetzung (sinngemäß): die gegenwärtige durch Lebensmittelverpackungen bedingte BPA-Belastung stellt aller Wahrscheinlichkeit nach kein Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung dar. Das gilt auch für Säuglinge und Kleinkinder. Die ernährungsphysiologischen Vorteile von Babynahrung wiegen etwaige Risiken bei weitem auf.
  • Es folgt ein Hinweis auf wissenschaftliche Unsicherheiten - gleichlautend mit dem vorigen Zitat.

Trockene Babynahrung

  • Es wurden 38 Handelsprodukte auf Milch- und Sojabasis untersucht.
  • BPA wurde in keinem der untersuchten Pulver für Babynahrung gefunden. Die Nachweisgrenze lag bei 0,13 Mikrogramm pro Kg Nahrungsmittel.

Die Bewertung durch die Kanadische Gesundheitsbehörde (Health Canada) deckt sich mit ihrer Bewertung für Babyfertignahrung. 

Fazit:

Die allermeisten Untersuchungen zur Freisetzung bzw. Migration von BPA aus polycarbonathaltigen Flaschen und Gefäßen zeigen, dass sie zwar messbar, aber von geringem Ausmaß ist.  

Verglichen mit der tolerierbaren täglichen Aufnahme - entsprechend der Festlegung durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA- handelt es sich um Mengen weit unterhalb einer gesundheitsrelevanten Schwelle.

 

Literatur: 

Völkel W, Colnot T, Csanády GA, Filser JG, Dekant W. (2002) Metabolism and kinetics of bisphenol a in humans at low doses following oral administration. Chem Res Toxicol. 2002 Band 15, S.1281-7.

Veröffentlicht: 17. Juli 2009 - 0:00 Uhr

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