Pestizide und Parkinson?

Auszüge aus dem Original: 

Pesticide exposure and risk for Parkinson's disease
Alberto Ascherio, MD, DrPH , Honglei Chen, MD, PhD, Marc G. Weisskopf, PhD, Eilis O'Reilly, MSc, Marjorie L. McCullough, ScD , Eugenia E. Calle, PhD , Michael A. Schwarzschild, MD, PhD , Michael J. Thun, MD

email: Alberto Ascherio (aascheri@hsph.harvard.edu

Correspondence to Alberto Ascherio, Department of Nutrition, Harvard School of Public Health, 665 Huntington Avenue, Boston, MA 02115

Digital Object Identifier (DOI) 10.1002/ana.20904 Objective (Zielsetzung)

Chronic, low-dose exposure to pesticides is suspected to increase the risk for Parkinson's disease (PD), but data are inconclusive.

Übersetzung (sinngemäß): Eine chronische Exposition im Niedrigdosisbereich steht im Verdacht, das Risiko für eine Parkinsonerkrankung zu erhöhen, die Datenlage ist jedoch nicht eindeutig.

Results (Ergebnisse)

Exposure to pesticides was reported by 7,864 participants (5.7%), including 1,956 farmers, ranchers, or fishermen. Individuals exposed to pesticides had a 70% higher incidence of PD than those not exposed (adjusted relative risk, 1.7; 95% confidence interval, 1.2-2.3; p = 0.002). The relative risk for pesticide exposure was similar in farmers and nonfarmers. No relation was found between risk for PD and exposure to asbestos, chemical/acids/solvents, coal or stone dust, or eight other occupational exposures.

7864 Teilnehmer an der Studie gaben an, gegenüber Pestiziden exponiert gewesen zu sein, darunter 1956 Landwirte, Farmer oder Fischer. In dieser Gruppe war das Risiko, an Parkinson zu erkranken, um 70 % gegenüber der nicht exponierten Gruppe erhöht. Das relative Risiko für Farmer/Landwirte bzw. für Personen, die diesen Beruf nicht ausüben, war zahlenmässig vergleichbar  ... Kein Zusammenhang wurde gefunden zwischen dem Risiko, an Parkinson zu erkranken und der Exposition gegenüber Asbest, Chemikalien/Säuren/Lösemitteln, Kohle- oder Mineralstaub oder 8 weiteren beruflichen Expositonen.

Interpretation

These data support the hypothesis that exposure to pesticides may increase risk for PD. Future studies should seek to identify the specific chemicals responsible for this association. Ann Neurol 2006

Diese Daten stützen die Hypothese, dass eine Exposition gegenüber Pestiziden das Risiko erhöhen kann, an Parkinson zu erkranken. Zukünftige Studien sollten das spezifische Agens identifizieren, dass hierfür verantwortlich gemacht werden kann.

Seit dem Ende der neunziger Jahre sind Forscher immer wieder der Frage nachgegangen, ob die Exposition gegenüber Pestiziden das Risiko erhöht, an Parkinson zu erkranken.

Wissenschaftler von der Universität Leicester haben im Februar 2006 die bisher vorliegenden knapp 40 Fall-Kontroll-Studien gesichtet und bewertet. Sie kommen zu dem Schluss, dass "eine solche Assoziation beobachtet wird, dass jedoch ein ursächlicher Zusammenhang nicht bewiesen ist" (T. Brown und Mitarbeiter 2006).

Im Juni 2006 hat Alberto Ascherio von der Harvard School of Public Health in Boston (USA) die Ergebnisse seines Forscherteams zu dieser Fragestellung veröffentlicht. In einer sogenannten Kohortenstudie wurden 143 325 Personen befragt, von denen 413 im Verlaufe der vergangenen knapp 10 Jahre an der Parkinsonschen Krankheit erkrankt waren. In der Studie wurde geprüft, ob die Erkrankten häufiger als Nichterkrankte bestimmten Umweltschadstoffen wie Asbest, Stäube, Chemikalien, Säuren, Lösemitteln oder Pestiziden ausgesetzt waren. Die Auswertung ergab, dass für pestizidexponierte Personen das Risiko um etwa 70% erhöht war, an Parkinson zu erkranken. Für die anderen genannten Stoffe wurde ein solcher Zusammenhang nicht beobachtet.

Wie ist diese Studie, die auf erhebliches Medieninteresse gestoßen ist, zu bewerten?

  • Die Studie umfasst ein großes Personenkollektiv und eine hohe Fallzahl. Sie wurde an einer renommierten Forschungseinrichtung durchgeführt. Ihr Ergebnis stützt zunächst die eingangs genannte Hypothese.
  • Die Studie erbringt jedoch keinen Beweis dafür, dass Pestizide ursächlich am Entstehen der Parkinsonschen Krankheit beteiligt sind. Grundsätzlich können bevölkerungsbezogene Studien zwar Hypothesen (Vermutungen) generieren, sie können aber nicht beweisen, dass im gegebenen Fall ein ursächlicher Zusammenhang besteht.
  • In der Studie wurde nicht zwischen einer beruflichen Pestizidexposition (beispielsweise als Landwirt) und einer privaten Anwendung unterschieden. Daten zur Höhe einer möglichen Pestizidbelastung und zur Häufigkeit der Anwendung liegen nicht vor. Daher kann keine Dosis-Wirkungs-Beziehung ermittelt werden, die die Vermutung eines ursächlichen Zusammenhangs gestützt hätte.
  • Der Begriff "Pestizide" umfasst viele hundert Einzelstoffe unterschiedlicher chemischer Struktur und unterschiedlicher Wirkmechanismen. Dies fand in der Studie keine Berücksichtigung.

Fazit:

Die Studie von Ascherio und Mitarbeitern wird - betrachtet man sie im Zusammenhang mit den vorangegangenen oben genannten Bevölkerungsstudien - sicherlich zu neuen Forschungsansätzen führen. Viele wichtige Fragen, z. B. nach dem Wirkmechanismus und einer Dosis-Wirkungs-Beziehung sind noch offen. Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Pestiziden und Parkinson ist mit der Studie nicht bewiesen worden.

Veröffentlicht: 4. Juli 2006 - 0:00 Uhr

Autor/en: