Toxikologie und Human-Biomonitoring des DEHP

Auszüge aus dem Original: 

Kommission Human-Biomonitoring des Umweltbundesamtes: Bundesgesundheitsbl.-Gesundheitsforsch-Gesundheitsschutz 2005; 48: 706-722 "Stoffmonographie Di(2-ethylhexyl)phthalat (DEHP) - Referenzwerte für 5oxo-MEHP und 5OH-MEHP im Urin"

Weichmacher halten Kunststoffe geschmeidig. Sie sind in praktisch allen Bereichen des täglichen Lebens anzutreffen. Phthalate sind die am häufigsten eingesetzten Weichmacher. Eines der mengenmäßig bedeutendsten Phthalate ist das DEHP, das überwiegend zur Verbesserung der Gebrauchseigenschaften des PVC verwendet wird und von dem weltweit jährlich mehrere Millionen Tonnen produziert wurden. Bei DEHP handelt es sich um eine Substanz, die im Tierversuch an Nagetieren endokrine (endokrine disruptor) sowie reproduktions- und entwicklungstoxische Eigenschaften aufweist und so in den Hormonhaushalt des Menschen eingreifen und die Fortpflanzungsfähigkeit beeinflussen könnte.
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Ergebnisse zu DEHP-Metabolitenkonzentrationen (50H-MEHP, 5oxo-MEHP), die in den letzten Jahren in den USA, aber insbesondere auch in Deutschland gemessen wurden, zeigen, dass die Bevölkerung deutlich stärker mit DEHP belastet ist, als bisher vermutet. Dies war für die Kommission Human-Biomonitoring der Anlass, die vorliegende Stoffmonographie zu erstellen und Referenzwerte für DEHP-Metaboliten abzuleiten.

Die Kommission Human-Biomonitoring (eine aus Wissenschaftlern und Experten aus Bundes- und Landesbehörden, Universitäten, Hygieneinstituten und Kliniken zusammengesetzte unabhängige Kommission) hat im Sommer 2005 ihre Stellungnahme zu DEHP, dem bekanntesten und zugleich am häufigsten verwendeten Phthalat veröffentlicht und Referenzwerte für zwei wichtige Stoffwechselprodukte des DEHP bekanntgegeben.

In der Einleitung werden die Verwendung von DEHP als Weichmacher für PVC (Anteil ca. 90 - 95%), als Zusatz zu Lacken und Farben, als Emulgator, Repellents, Trägerflüssigkeiten für Biozide und als Zusätze in Kosmetika und Parfums beschrieben. Aufgrund dieser breiten Anwendung und der Tatsache, dass DEHP die stärkste reproduktionstoxische Wirkung aller Phthalate aufweist, fasst die Kommission im vorliegenden Artikel den gegenwärtigen Kenntnisstand zur Toxikologie und zum Human-Biomonitoring des DEHP zusammen. Zunächst werden Daten zum Vorkommen von DEHP in der Außen- und Innenraumluft genannt und Quellen im Wohn- und Innenraumbereich (Fußbodenbeläge, Teppichrückenbeschichtungen, Vinyltapeten, PVC-Weichprofile, Kabel, Duschvorhänge, Tischdecken usw.) beschrieben. Die langsame Freisetzung aus den genannten Gegenständen spiegelt sich im DEHP-Gehalt des Hausstaubs wieder. Die individuelle DEHP-Belastung wird allerdings hauptsächlich durch den DEHP-Gehalt von Lebensmitteln bestimmt. Ausführlich werden aktuelle Erkenntnisse zur Toxikologie (insbesondere zur Reproduktionstoxizität) von DEHP und seinen Metaboliten dargestellt. Nach einmaliger Aufnahme ist DEHP praktisch nicht toxisch. Es wirkt weder reizend noch sensibilisierend und ist auch nicht gentoxisch. In Tierversuchen zur chronischen Toxizität wurden jedoch bei relativ niedrigen Dosierungen Wirkungen auf Hoden, Nieren und Leber beobachtet. Sämtliche vorhandenen Studien belegen den Einfluss von DEHP auf Fruchtbarkeit, Fortpflanzung und die Entwicklung der Nachkommen bei Nagetieren. In einer Drei-Generationen-Studie an Ratten wurde gezeigt, dass Nachfolgegenerationen möglicherweise empfindlicher als die Elterngeneration in Bezug auf  Effekte auf die Geschlechtsorgane männlicher Nachkommen sind. Ausführlich wird diskutiert, auf welche Weise DEHP endokrine, reproduktions- und entwicklungstoxische Wirkungen auf Nager ausübt und inwieweit die Ergebnisse auf den Menschen übertragbar sind. In der Stellungnahme wird auch auf spezielle Belastungssituationen bei Menschen (beispielsweise durch PVC-haltige Aufbewahrungsbeutel für Blut, Beutel für die künstliche Ernährung und weitere Medizinprodukte wie Schläuche und Infusionsbestecke) hingewiesen. Insbesondere Frühgeborene, Neugeborene und Kleinkinder können hier eine erhebliche Belastung (10-20 mg/Tag) erfahren. Nach einer ausführlichen Diskussion der DEHP-Resorption, Verteilung, Verstoffwechselung und Ausscheidung im menschlichen Körper kommt die Kommission Human-Biomonitoring zu dem Schluss, dass die Konzentration der sogenannten Sekundärmetabolite (= sekundäre Stoffwechselprodukte) 5OH-MEHP und 5oxo-MEHP im Urin am besten geeignet ist, die DEHP-Belastung des Menschen zu charakterisieren.

Als Referenzwerte (gültig für Kinder und Erwachsene in Deutschland) hat die Kommission 220 Mikrogramm 5OH-MEHP bzw. 150 Mikrogramm 5oxo-MEHP/L Urin abgeleitet.

Anmerkung: Referenzwerte geben eine Obergrenze für die durchschnittliche Belastung einer Bevölkerungsgruppe mit einem Fremdstoff an. Sie sind nicht toxikologisch abgeleitet. Wenn der individuelle Analysewert den Referenzwert überschreitet, ist das also nicht gleichbedeutend mit einer erhöhten gesundheitlichen Gefährdung. Eine (deutliche) individuelle Überschreitung eines Referenzwertes sollte Anlaß für eine Ursachenforschung sein.

Fazit:

Ein aktueller umfassender Übersichtsartikel zur Toxikologie und zum Biomonitoring des DEHP. Allerdings setzt die Lektüre des Artikels erhebliche toxikologische und medizinische Kenntnisse voraus, die Stellungnahme richtet sich in erster Linie an ein Fachpublikum. 9 Tabellen, 134 Literaturstellen.

Veröffentlicht: 4. November 2005 - 0:00 Uhr