US-Studie zum Anteil der Umwelt am Krankheitsgeschehen

Auszüge aus dem Original: 

Ecology of Increasing Diseases: Population Growth and Environmental Degradation
D. Pimentel & S. Cooperstein & H. Randell & D. Filiberto & S. Sorrentino & B. Kaye & C. Nicklin & J. Yagi & J. Brian & J. O’Hern & A. Habas & C. Weinstein
Human Ecology, Springer-Verlag,  (online-Version unter DOI 10.1007/s10745-007-9128-3)

Abstract

The World Health Organization (WHO) and other organizations report that the prevalence of human diseases during the past decade is rapidly increasing. Population growth and the pollution of water, air, and soil are contributing to the increasing number of human diseases worldwide. Currently an estimated 40% of world deaths are due to environmental degradation. The ecology of increasing diseases has complex factors of environmental degradation, population growth, and the current malnutrition of about 3.7 billion people in the world.

Sinngemäße Übersetzung der Zusammenfassung (M.O.):

Die Weltgesundheitsorganisation und andere Organisationen berichten, daß in den letzten 10 Jahren Krankheiten immer häufiger auftreten. Das weltweite Bevölkerungswachstum und die  Verschmutzung von  Wasser, Luft und Boden tragen dazu bei. Derzeit können etwa 40 % aller Todesfälle weltweit auf Umweltzerstörung zurückgeführt werden. Die  Zunahme von Krankheiten hat komplexe Ursachen. Dazu gehören Umweltzerstörung, Bevölkerungswachstum und die Unterernährung von ca. 3.7 Milliarden Menschen in der Welt.

Conclusion

...  Currently, 40% of global deaths result from diverse environmental factors, including chemical pollutants, tobacco smoke, and malnutrition. Today, six infectious diseases cause 90% of all deaths worldwide.

Sinngemäße Übersetzung der Schlußfolgerungen (M.O.): 

... Derzeit stehen 40 % aller Todesfälle weltweit im Zusammenhang mit Umweltfaktoren, darunter chemische Umweltstoffe, Tabakrauch und Unterernährung. Heutzutage verursachen 6 Infektionskrankheiten 90 % aller weltweiten Todesfälle.

Anteil der Umwelt an der weltweiten Krankheits- und Todesstatistik

Weltweit seien 4 von 10 Todesfällen durch die Umwelt bedingt, so lautet das Ergebnis einer aktuellen Literaturstudie  des amerikanischen Forscherteams um D. Pimentel (Cornell University, Ithaca).

Wenige Wochen zuvor hatte die Weltgesundheitsorganisation ihren Bericht „Environmental burden of diseas: Country profiles (Anteil der Umwelt am Krankheitsgeschehen: Länderprofile – Übersetzung M.O.) vorgestellt, der hier bereits kommentiert wurde, in naher Zukunft aber noch ausführlicher besprochen werden wird.

Pimentel und seine Mitarbeiter haben für ihre Studie mehr als 210 Publikationen in Fachzeitschriften, Fachberichte teilweise namhafter Institutionen und schließlich im Internet vorgehaltene Informationen ausgewertet. Hauptursache für die weltweite Zunahme von Krankheiten seien das rapide Bevölkerungswachstum und die Verschmutzung von Wasser, Boden und Luft. Auch die Mangel- bzw. Fehlernährung von 3,7 Milliarden Menschen trüge hierzu bei.

Den Autoren muss eine breit gefasste Herangehensweise an die ausgesprochene komplexe Thematik bescheinigt werden. Klimaveränderungen und die Verknappung von Wasser- und Nahrungsressourcen in vielen Teilen der Welt werden ebenso betrachtet wie landestypische Lebensgewohnheiten (Kochen und Heizen mit festen Brennstoffen) und neuartige - durch Klima, Urbanisierung und Mobilität begünstigte -   Ausbreitungsmöglichkeiten von Krankeitsvektoren. Fehlender Zugang zu sauberen Wasser und mikrobiologisch einwandfreien Nahrungsmitteln erhöhen das Risiko für Infektionskrankheiten, die weltweit den größten Anteil an allen Todesfällen haben. Allerdings bestehen hier große Unterschiede zwischen Entwicklungsländern, Schwellenländern und Industrieländern.

Dem aufmerksamen Leser der Studie fallen einige inhaltliche und methodische  Aspekte auf:

  • Der Umweltbegriff wird sehr weit gefasst. Während man in Europa bei „Umwelteinflüssen“ hauptsächlich an anthropogene Umweltbelastungen (Lärm, Schadstoffe, Strahlung), an Lebensstilfaktoren (z. B. Ernährung, Bewegungsarmut, Rauchverhalten), eventuell noch an biogene Faktoren (z. B. Belastung mit Schimmelpilzen) denkt, spielen in Pimentels Umweltbegriff auch Viren, Mikroorganismen und Parasiten und deren Überträger eine herausragende Rolle. Dies erklärt zu einem großen Teil, warum er zu der Schlussfolgerung kommt, dass 4 von 10 Todesfällen umweltbedingt seien (vgl. auch "Conclusions").
  • Anders als in den Medien dargestellt, handelt es sich nicht um eine Meta-Analyse (hierfür müssten Primärstudien mit statistischen Mitteln analysiert werden), sondern eher um einen wissenschaftlich-narrativen Essay. Der formale Aufbau (Einführung, Einzelthemen, Schlussfolgerungen) ist ungewöhnlich. Ein methodischer Teil (z.B. Auswahlkriterien für die zitierten Fachartikel) fehlt. Aus inhaltlicher Sicht muss angemerkt werden, dass einige wichtige Umweltthemen wie z.B. Energieverbrauch und Verkehr nicht abgehandelt werden. 
  • Themen werden in der Regel sachlich und unvoreingenommen angesprochen, beispielsweise die erfolgreiche Malariaeindämmung in Afrika mittels gezieltem (lokalem) Pestizideinsatz, neue Arzeinmittelresistenzen, Unterernährung und Krankheitsanfälligkeit oder der Einfluß des Klimas und ökologischer Eingriffe (Rodungen, Anlage von Stauseen) auf die Ausbreitung von Krankheitserregern.
  • An einigen Stellen kommt es zu kleineren und größeren Ungenauigkeiten und Fehlern, z.B. in den Maßeinheiten.

Pimentels Aussage, dass „Umweltfaktoren einschließlich Chemikalien, UV und ionisierender Strahlung, Tabak und Kochfeuerabgase für 75 % aller Krebsfälle verantwortlich gemacht werden können“, beruht auf einem ungenauen Zitat der Ergebnisse von Sharpe und Irvine (2004). Diese britischen Wissenschaftler hatten im Abstract ihrer Arbeit diese Zahl genannt, in den Schlussfolgerungen aber ganz klar gesagt, dass der Einfluß von Umweltchemikalien im Vergleich zu Lebens- und Ernährungswohnheiten sehr gering ist (Originalzitat: „If environmental chemicals are exerting adverse health effects in humans, these are likely to be small in relation to those caused by our dietary and lifestyle changes, although these factors may interact.“)

  • Die europäischen Fachkreisen sehr umstrittene „Multiple Chemikalienunverträglichkeit (MCS)“ wird als anerkannte Krankheit dargestellt und die dadurch verursachten Kosten berechnet. Möglicherweise werden hierunter Sensibilisierungen und Allergien gegenüber Chemikalien (oftmals berufsbedingt) subsummiert.
  • Sicherlich bemerkenswert ist die Zusammenstellung ökonomischer Kosten, die Krankheiten „mit Umweltbezug“ (im Pimentel´schen Sinne) im Vergleich mit genetisch und durch den Lebensstil bedingten Krankheiten in den USA verursachen. Die Rangliste wird angeführt von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, gefolgt von Hepatitis B, Krebserkrankungen, Diabetes sowie alkohol- und tabakbedingten Krankheiten.

Fazit:

Pimentel weist zu Recht auf den Zusammenhang zwischen Bevölkerungswachstum, Unterernährung, Klima und begrenzten Umweltressourcen einerseits und dem weltweiten Krankheitsgeschehen andererseits hin. 

Das von den Medien gezeichnete und auszugsweise auch in der Pimentel-Studie auffindbare Bild, „dass die Umweltverschmutzung eine Haupttodesursache sei“, trifft nicht zu.

Veröffentlicht: 7. September 2007 - 0:00 Uhr

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