10 Jahre nach der Fukushima-Atomkatastrophe – welche Folgen hat diese bis heute für Mensch und Natur?

Vorratstanks mit Reinwasser. © kawamoto takuoderivative work: PM3, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Nach dem schwersten, jemals gemessenen Seebeben im Pazifischen Ozean vor der Nordostküste Japans am 11. März 2011 kam es wenige Stunden später zu einem verheerenden Tsunami, der 500 km der japanischen Ostküste erfasste, darunter auch die Region von Fukushima mit dem unmittelbar an der Küste gelegenen 6 Atomkraftwerken von Daiichi.

Durch die massiven Überschwemmungen fiel deren komplette Stromversorgung inkl. der Notstromaggregate aus, so dass es in den Folgetagen aufgrund der fehlenden notwendigen Kühlung der Brennelemente in mindestens 3 Blöcken zu Kernschmelzen und Explosionen der sog. Abklingbecken kam, in denen abgebrannte Brennelemente gekühlt wurden.

Die Folge war eine atomare Verstrahlung mit hochradioaktiven, kurz- und langlebigen Partikeln wie z. B. Jod 131, Cäsium 134 und 137 und Strontium 90 der Fukushima-Region, die zu einer zögerlichen, dann aber konsequenten Evakuierung der Bevölkerung im 30 km-Radius, teilweise aber auch darüber hinaus führte.

Die explodierten Atomkraftwerke wurden mühselig gelöscht, die drei nicht havarierten Blöcke notgestoppt - bis heute ist das gesamte Gelände nur für Aufräumarbeiten zu betreten, die gesicherte Stilllegung wird über Jahrzehnte erfolgen müssen.

Unklar ist z. B., was mit dem radiaoaktiven Tritium in den riesigen Kühlwassertanks geschehen soll, dessen Gesamtvolumen mit 1,2 Mio Kubikmetern eine kleine Talsperre füllen würde. Oder wie langfristig das mit Cäsium137 verstrahlte Erdreich so gelagert werden kann, dass es nicht erneut z. B. bei Monsunregen freigewaschen wird, nachdem es mit Milliardenkosten von der obersten Erdschicht belasteter Regionen abgetragen worden ist – der sog. Dekontamination.

Mehr als 200.000 Menschen wurden evakuiert

Mehr als 200.000 Menschen jeden Alters wurden notfallmäßig evakuiert, mehr als 40.000 sind bisher nicht zurückgekehrt.

Was weiß man bislang über die gesundheitlichen Folgen der Radioaktivität, aber auch der Entwurzelung und Heimatlosigkeit für viele Menschen der Region? Und wie hat sie sich bisher auf Flora und Fauna ausgewirkt? Darüber hat Ende Februar 2021 die deutsche Sektion der IPPNW – ÄrztInnen gegen den Atomkrieg und in sozialer Verantwortung – eine internationale, wissenschaftliche Tagung veranstaltet, über die das Deutsche Ärzteblatt berichtet hat.

Der IPPNW-Co-Vorsitzende und Kinder- und Jugendarzt Alex Rosen wird mit den Worten zitiert: „Bisher wurde in Fukushima nur eine einzige Krankheitsentität bei Menschen systematisch untersucht: Schilddrüsenkrebs. Dafür gebe es seit 2011 alle zwei Jahre Ultraschallscreenings bei den Kindern der Präfektur. Dabei wären in den vergangenen drei Untersuchungsrunden 20 Mal mehr Krebsfälle gefunden worden, als man aufgrund der Basisinzidenz hätte erwarten können. Die meisten dieser Fälle seien in den am schwersten verstrahlten Gebieten aufgetreten. Besonders betroffen seien Kinder, die zum Zeitpunkt der Kernschmelze im Jahr 2011 noch im Mutterleib waren.“

Andere Erkrankungen, wie beispielsweise Leukämien oder Fehlbildungen, die mit einer erhöhten Strahlenbelastung in Verbindung gebracht werden, seien nicht untersucht worden, kritisierte er. Auch habe es keine epidemiologischen Langzeitstudien bei Erwachsenen gegeben.

„In den verstrahlten Gebieten ist die Rate an Depressionen, Suizidalität und Posttraumatischen Belastungsstörungen weiterhin erhöht“, sagte die Psychiaterin und Psychotherapeutin Angelika Claussen als Europavorsitzende der IPPNW. Dabei gebe es eine direkte Korrelation zwischen dem Ausmaß der radioaktiven Belastung und dem psychosozialen Stress der Bevölkerung.

Vertiefende Informationen auch über die Auswirkungen der Atomkatastrophe, für die mehr als 300 Studien ausgewertet wurden, darunter mehr als 70 Studien zu Folgen auf Fauna und Flora der Region, finden sich auf der Website der IPPNW sowie unter fukushima-disaster.de.

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) hat zum 10. Jahrestag eine umfangreiche Pressemitteilung  herausgegeben. Die BfS-Präsidentin Inge Paulini betont darin: „Auch wenn außerhalb der Sperrgebiete wieder ein weitgehend normales Leben möglich ist, wirken die Folgen der Katastrophe bis heute und noch lange weiter nach. Direkt durch die Strahlung verursachte Krankheiten sind zwar bislang nicht aufgetreten, zahlreiche Menschen sind allerdings infolge der Evakuierung verstorben oder leiden immer noch an psychischen Erkrankungen. Und immer noch ist das Sperrgebiet ungefähr so groß wie die Stadt München."

In den vergangenen zehn Jahren nach dem Reaktorunglück habe Deutschland Konsequenzen für den Notfallschutz gezogen. Paulini weiter: „Das Unglück im japanischen Fukushima hat gezeigt, dass Kernkraft selbst für hochentwickelte Industriegesellschaften ein besonders hohes Risiko darstellt. Deshalb müssen wir im Vorfeld alles tun, um bestmöglich vorbereitet zu sein. In Deutschland ist der Notfallschutz für Unfälle oder Ereignisse mit Freisetzungen von radioaktiven Stoffen deshalb nach Fukushima grundlegend neu aufgestellt worden."

So wurden umfangreiche repräsentative Ausbreitungsrechnungen für deutsche Kernkraftwerke durchgeführt mit dem Ergebnis, dass die Gebiete um die Kernkraftwerke, in denen Schutzmaßnahmen konkret vorgeplant waren, ausgeweitet werden sollten. Konkretisiert wurde auch die flächendeckende Bereitstellung von Jodtabletten für den Schutz der Bevölkerung um die Atomanlagen.

Viele Schilddrüsenkarzinome bei Kindern hätten verhindert werden können

Wäre die vorbeugende Einnahme von Jodtabletten in der Fukushima-Region erfolgt, statt sie behördlicherseits zu verbieten, hätten laut nationalen und internationalen Strahlenschutzorganisationen etliche der aufgetretenen Schilddrüsenkarzinome nicht nur bei Kindern verhindert werden können.

Denn dadurch wäre das radioaktive Jod 131 nicht in die Schilddrüse aufgenommen worden, da diese mit dem Jod der Notfalltabletten schon „gesättigt“ worden wäre.

Quellen:

BfS: Fukushima-Folgen immer noch spürbar
Dt. Ärzteblatt: Zehn Jahre nach Fukushima: Gesundheitliche Folgen nicht gänzlich absehbar
IPPNW: 10 Jahre Fukushima: Unabhängige Forschung fördern statt unterbinden

Veröffentlicht: 10. März 2021 - 12:11 Uhr

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