Handfehlbildungen bei Neugeborenen: zufällige oder auffällige Häufung?

In der Kinderklinik Gelsenkirchen-Buer sind in den letzten drei Monaten drei Kinder mit einseitigen Handfehlbildungen geboren worden.

Solche Häufungen erregen verständlicherweise Sorgen und Ängste, und es muss untersucht werden, ob es sich um eine zufällige Häufung (statistisches Cluster) oder um eine signifikante Abweichung handelt.

Es gibt sehr verschiedenartige Handfehlbildungen, die jeweils einzeln betrachtet, in der Regel auch durch speziell ausgebildete Kinderärzte und Genetiker begutachtet werden müssen (so geschieht das im Geburtenregister Mainzer Modell).

Wenig weiterführend ist die pauschale Bezeichnung „Handfehlbildung“. Um zu den Gelsenkirchener Fällen eine fundiertere Aussage machen zu können, ist die Kenntnis der Art der beobachteten Fehlbildung erforderlich.

Es gibt genetisch bedingte Fehlbildungen; manchmal sind auch Umweltfaktoren die Ursache, z.B. Thalidomid.

Zufällige Häufung oder signifikante Abweichung?

Nach den Zahlen von EUROCAT, dem europäischen Fehlbildungsregister, gibt es

  • Syndaktylien (Verwachsungen von Fingern) bei 4,83 von 10.000 Neugeborenen,
  • Polydaktylien bei 9,35 und
  • Minusvarianten (limb reduction) bei 4,95 von 10.000 Neugeborenen, letzteres demnach bei rund 300 Kindern jährlich in Deutschland.

Ob bei dieser Inzidenz die Beobachtung in Gelsenkirchen eine statistisch erwartbare Häufung ist, mit welcher in gewissen Zeitabständen immer wieder zu rechnen ist, bedarf der Beurteilung durch einen Statistiker.

In Deutschland gibt es kein nationales Fehlbildungsregister, allerdings werden in Magdeburg für Sachsen-Anhalt und in Mainz (Geburtenregister Mainzer Modell) seit nun bald drei Jahrzehnten Daten erhoben. Das EUROCAT (European Registry of Congenital Abnormalities and Twins) registriert in 20 Ländern die Fehlbildungen bei etwa einem Viertel aller in der EU geborenen Kinder.

Bei Kenntnis dieser Tatsachen kann der von manchen Politikern sogleich vorgebrachten Forderung nach schneller Aufklärung nicht ohne weiteres nachgekommen werden.


Weitere Informationen zum Thema

Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin Tübingen: "Hand- und Fußfehlbildungen"
Europäisches Fehlbildungsregister EUROCAT
Orthopädie und Unfallchirurgie 5/2010: "Angeborene skelettale Fehlbildungenin der Kinderorthopädie"

Veröffentlicht: 17. September 2019 - 10:06 Uhr

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