Jungen als Puppenspielerinnen, Mädchen als Schläger?

Jungen als Puppenspielerinnen, Mädchen als Schläger?

© Karina Sturm / pixelio.de.

Eine aktuelle Publikation sorgt für Diskussionsstoff:

Behavioral sexual dimorphism in school-age children and early developmental exposure to dioxins and PCBs: a follow-up study of the Duisburg cohort.
Winneke G et al.,
Environ Health Perspect, Nov. 2013. http://dx.doi.org/10.1289/ehp.1306533.

„Giftstoffe machen Jungen weiblicher. Forscher: Dioxin und PCB beeinflussen geschlechtsspezifisches Verhalten“, so titelte die Neue Osnabrücker Zeitung am 17. Dezember 2013, und es ist zu erwarten, dass manches weitere zu diesem Thema folgen wird.

So wurde das in der Neuen Osnabrücker Zeitung aufgegriffen:

Für ihre Studien maßen die Forscher bei 232 schwangeren Frauen und jungen Müttern aus Duisburg die Konzentrationen von 35 PCBs und Dioxinen im Blut und in der Muttermilch. ... Sieben Jahre nach den Messungen wurden die Mütter nach den Spielzeugvorlieben ihrer Kinder befragt. ... Je höher die Belastung mit hormonaktiven Substanzen, desto mädchenhafter verhielten sich Jungen im Schulalter. Bei den Mädchen kam es zu einem umgekehrten Effekt: Ihr weibliches Verhalten nahm ab.

Und was steht in der Originalpublikation?

Es handelte sich um weniger als 110 Kinder. Die Eltern füllten Fragebögen mit 24 Items aus: ob die Kinder eher Gewehre oder mehr Puppen bevorzugten, ruhig oder eher aggressiv spielten usw. Daraus wurden Männlichkeits- und Weiblichkeits-Scores errechnet.

Grundsätzlich ist der Unterschied bei den Ergebnissen, wenn Jungen mit Mädchen verglichen werden, bei Anwendung dieses Fragebogens (PSAI, Preschool Activity Questionnaire) hoch signifikant. Höhere Konzentrationen von Schadstoffen im Blut der Mütter bedingten bei Jungen wie bei Mädchen keine vermehrte „masculinity“. Vermehrte Belastung der Muttermilch mit Dioxinen und Furanen (PCDD/F), nicht aber mit Polychlorierten Biphenylen (PCBs) waren mit vermehrter „masculinity“ bei Mädchen, nicht bei Jungen, assoziiert. Weiblichkeits-Scores („feminity“) waren bei Jungen, nicht jedoch bei Mädchen, assoziiert mit erhöhten Schadstoffkonzentrationen im Blut der Mütter. Mädchen waren sogar weniger „weiblich“ in ihrem Spiel. Wurde die Belastung der Milch betrachtet, waren bei Jungen und Mädchen die Weiblichkeits-Scores erhöht.

Kritik

Es handelt sich um kleine Kollektive, jeweils etwas mehr als 50 Mädchen und Jungen. Die Kinder wurden nicht untersucht, die Ergebnisse beruhen auf einer Fragebogenaktion; der PSAI-Fragebogen ist für Vorschulkinder, nicht für Schulkinder validiert. Detaillierte Zahlen sind der Publikation nicht zu entnehmen, etwa: wie viele der Kinder betroffen und wie viele unauffällig waren; die Aussagen werden mit kalkulierten Scores begründet, deren Entstehung der Leser nicht nachvollziehen kann. Frühere Untersuchungen aus den Niederlanden hatten für PCBs - im Gegensatz zu den Ergebnissen von Winneke et al. - niedrigere masculinity-scores bei Jungen aufgezeigt, während Dioxine mit höheren Weiblichkeits-Scores bei Jungen und Mädchen assoziiert waren. Insgesamt ergibt sich kein klares, ein in manchen Aspekten auch widersprüchliches Bild.

Es handelt sich um eine renommierte Forschergruppe, die selbst vorsichtig formuliert, dass eine einzelne solche Beobachtungsstudie keine kausalen Rückschlüsse erlaube („causal inferences cannot be drawn from a single observational study .. such as this one.“) Die Untersuchung erbringe aber zusätzliche Belege dafür, dass niedrige Belastungen mit Dioxinen und PCB vor der Geburt die Sexualprägung (sexual dimorphism) von Vorschulkindern prägten.

Kommentar

Es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Belegen dafür, dass höhere Mengen an Umweltgiften (Dioxine, Furane, PCBs, Weichmacher und viele andere) die Entwicklung der Sexualorgane und des Hormonsystems bei Tieren stören können; ferner gibt es zahlreiche Hinweise darauf, dass bereits geringere Mengen, so wie sie in der Umwelt vorkommen können, auch beim Menschen Einfluss auf die Entwicklung des Hormonsystems und auf die sexuelle Prägung haben könnten.

Diese Beobachtungen sind ernst zu nehmen und bedürfen unbedingt weiterer Beachtung und Forschung.

Veröffentlicht: 17. Dezember 2013 - 11:24 Uhr

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