Koalitionsvertrag von CDU-CSU-SPD

© Rainer Sturm / pixelio.de
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 ... in Umwelt- und Nachhaltigkeitsfragen kurzsichtig und unzureichend

Die Umwelt- und Klimapolitik stünde für die Bewahrung der Schöpfung: Wir wollen für unsere Kinder und Enkel eine intakte Natur bewahren. Eine saubere Umwelt und der Schutz der Biodiversität sind unser Ziel.“ (Kapitel XI. Verantwortungsvoller Umgang mit unseren Ressourcen).

Die wichtigen diesbezüglichen Aussagen bleiben im gesamten Vertrag vage, werden zumeist mit dem Verb „wollen“, nicht mit „werden“ eingeleitet oder finden sich überhaupt nicht. Details und Planungen für konkrete Maßnahmen fehlen weitgehend, punktuelle Vorschläge bleiben ohne umfassende Konzepte. Kinder-und Jugendärzte und pädiatrische Gesellschaften präzisieren Kritik und ihre Forderungen zu einzelnen Themenbereichen.

Landwirtschaft und Flächennutzung

Kinder- und Jugendärzte fordern ein umfassendes Konzept, das Nachhaltigkeit, Biodiversität und Tierschutz in der Massentierhaltung und die Reinhaltung des Grundwassers berücksichtigt.

Wie wird die Welt unserer Kinder und Urenkel aussehen, die wir ihnen hinterlassen? In der Landwirtschaft führen Monokulturen, Versiegelung und Drainierung, Massentierhaltung, Überdüngung und der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu tiefgreifenden Veränderungen. Land, Wasser, Luft, Artenvielfalt und Klima sind betroffen.

Insektensterben

In Deutschland gibt es eine gravierende, beunruhigende Verminderung der fliegenden Insekten, nämlich um mehr als drei Viertel. Das hängt neben anderem mit den Methoden zusammen, mit denen die Landwirtschaft arbeitet. Zunahme der Ackerflächen, Verarmung der Kräutervielfalt und Stickstoffdüngung sind mit dem Rückgang korreliert; ein Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Bienensterben ist erwiesen.

Im Koalitionspapier steht dazu: „Wir werden das Insektensterben umfassend bekämpfen. Mit einem Aktionsprogramm Insektenschutz wollen wir die Lebensbedingungen für Insekten verbessern.“ Man würde „einen Dialog zwischen Landwirten, ... den Naturschutzverbänden und der Wissenschaft“ initiieren. Schutzmaßnahmen wollen die Parteien „verstärkt in Zusammenarbeit mit diesen Sektoren voranbringen und die vorhandenen Instrumente verstärkt nutzen.“ Über den Vorsatz hinaus, dass umfassend bekämpft werden solle, sind im Koalitionsvertrag kaum Details und konkrete Vorhaben zu finden.

Pflanzenschutzmittel

Die Kritik am Einsatz von Glyphosat, eines Herbizides steht exemplarisch für Bedenken und Kritik am Einsatz von Pflanzenschutzmitteln.

„Wir werden ... den Einsatz von glyphosathaltigen Pflanzenschutzmittel deutlich einschränken mit dem Ziel, die Anwendung so schnell wie möglich grundsätzlich zu beenden.“ Die Parteien würden „mit der Landwirtschaft Alternativen im Rahmen einer Ackerbaustrategie entwickeln und u.a. umwelt- und naturverträgliche Anwendung von Pflanzenschutzmitteln“ geregelt werden. Mit Glyphosat wird verkürzt ein einziges Pflanzenschutzmittel genannt in einem Kontext, in dem der gesamte Komplex der Insektizide, Herbizide und der unkrautfreien Monokulturen zu betrachten wäre.

Grundwasserqualität/Stickstoffüberdüngung

Der Nitratgehalt liegt in Deutschland in mehr als einem Drittel der Grundwässer über dem Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter. Ursache sind hohe Stickstoffeinträge, deren wichtigste Gründe Überdüngung und intensive Tierhaltung sind. Es dauert – je nach Bodenbeschaffenheit – mitunter Jahrzehnte, bis Oberflächeneinträge (zu denen auch Medikamentenrückstände und Pflanzenschutzmittel gehören) in die grundwasserführenden Schichten durchgesickert sind.

Im Koalitionsvertrag gibt es dazu einen einzigen Satz: „Im Dialog mit der Landwirtschaft werden wir auf eine gewässerschonende Bewirtschaftung hinwirken.“ Wir werden unseren Kindern und Enkeln eine teure Erbschaft hinterlassen. Die Sauberkeit des Grundwassers unseren Enkeln zu erhalten ist eine Verpflichtung unserer Generation.

Begründung; Literatur

Insektensterben

Beim Wissen um die Artenreduktion, die Reduktion der biologischen Diversität handelt es sich nicht um neue Erkenntnisse. Die Verminderung von Faltern (1), von Bienen und insektenfressenden Vögeln (2), wie auch von vielen anderen Arten (3, 4), ist bekannt.

Eine im letzten Jahr bekannt gewordene Studie zeigt, dass zwischen 1990 und 2015 an 26 Sammelstellen in Deutschland, an denen dort mehrfach über längere Sammelperioden die Insektenmenge gewogen wurde, die „Insektenmasse“ um mehr als drei Viertel zurückgegangen ist. Zunahme der Ackerfläche, ausgebrachte Stickstoffmenge und Rückgang der Kräutervielfalt waren mit dem Rückgang korreliert, nicht aber Temperaturveränderungen, Ausmaß des Grünlandes und Feuchtigkeit (5).

Pflanzenschutzmittel

In Deutschland werden jährlich fast 9 Liter Pflanzenschutzmittel (darin 2,8 Liter Wirkstoff) pro Hektar Anbaufläche ausgebracht (6). Auf den betroffenen Äckern dürfte jeweils mehr als das Doppelte der genannten Mengen versprüht werden. Weltweit werden in jedem Jahr mehr als 700.000 Tonnen des derzeit vornehmlich in der Kritik stehenden Glyphosats (7) freigesetzt. Es wird in der Regel vor der Aussaat verwendet, aber auch vor der Ernte (Desikkation).

Glyphosat ist von der IARC als wahrscheinlich kanzerogen für Menschen klassifiziert worden (eine nicht allgemein akzeptierte Einstufung). Es ist schädlich für Bienen und andere Insekten. Es ist abbaubar und zählt somit nicht zu den POPs. Unter den Pflanzenschutzmitteln sind viele andere, giftige, persistente Substanzen (sog. POPs, persistent organic pollutants), die noch über Dekaden in der Welt verbleiben, und humantoxische, krebserregende und erbgutschädigende Stoffe) sowie insekten- und bienentoxische Chemikalien (z.B. Neonikotinoide).

Grundwasserqualität/Stickstoffüberdüngung

Seit rund 100 Jahren werden reaktive Stickstoffverbindungen aus dem inerten Stickstoff der Luft hergestellt (Haber-Bosch-Verfahren). Die damit einsetzende Destabilisierung des über viele Millionen von Jahren bestehenden Stickstoffkreislaufes ist eine nachhaltige Bedrohung für nachkommende Generationen und für viele Ökosysteme. 150 Millionen Tonnen reaktiven Stickstoffs gelangen jährlich durch menschliche Aktivität in die Umwelt (8, 9). In mehr als einem Drittel der Grundwässer liegt der Nitratgehalt schon heute über dem noch als gesundheitsverträglich betrachteten Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter.

Überdüngung und intensive Tierhaltung sind die von der Landwirtschaft zu verantwortenden Gründe für die verursachenden hohen Stickstoffeinträge und zu rund 50% für die weltweiten Stickstoffeinträge verantwortlich. Es dauert – je nach Bodenbeschaffenheit – mitunter Jahrzehnte, bis Oberflächeneinträge (zu denen auch Medikamentenrückstände und Pflanzenschutzmittel gehören) in die grundwasserführenden Schichten durchgesickert sind.

Trinkwasser könnte auch in unserem wasserreichen Mitteleuropa für kommende Generationen sehr teuer werden, da aufwendige Aufbereitung notwendig werden wird. In diesem Zusammenhang kann auf die 2018 anstehende Überarbeitung der Europäischen Rahmenrichtlinie von 2009 (Sustainable Use Directive) hingewiesen werden: EC Proposal for a Directive of the European Parliament and of the Council on the quality of water intended for human consumption, Brüssel 1.2.2018


Prof. Dr. med. K. E. v. Mühlendahl, Kinder- und Jugendarzt, Umweltmediziner

Kinderumwelt gemeinnützige GmbH, info@uminfo.de

Literatur

  1. Habel JC et al. (2016) Butterfly community shifts over two centuries. Conservation Biology. doi 10.1111/cobi.12656
  2. Hallmann CA et al. (2014) Declines in insectivorous birds are associated with high neonicotinoid concentrations. 101038/nature1353
  3. Ceballos G et al. (2017). Biological annihilation via the ongoing sixth mass extinction signaled by vertebrate population losses and declines www.pnas.org/cgi/doi/10.1073.1704040114
  4. Régnier, C et al. (2015). Mass extinction in poorly known taxa. www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.15022350112.
  5. Hallmann CA et al. (2017). More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas. PLOS ONE. doi.org/10.1371/journal.pone.0185809.
  6. Umweltbundesamt (UBA) (2017). Umweltschutz der Landwirtschaft. Download über www.umweltbundesamt.de/publikationen
  7. Mühlendahl KEv, Otto M. (2016). Glyphosat: gefährlich (?), nützlich; erlaubt oder zu verbieten? Umwelt – Hygiene – Arbeitsmed 21 (4) 183 – 187
  8. Umweltbundesamt (UBA) (2011). Stickstoff – zuviel des Guten? uba@broschuerenversand.de
  9. Umweltbundesamt (UBA) (2017). Wasserwirtschaft in Deutschland. Grundlegende Daten und Fakten. info@umweltbundesamt.de

Veröffentlicht: 9. März 2018 - 12:36 Uhr

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Grafik oben rechts (Traktor): Rainer Sturm / pixelio.de.