Leserbrief zum Artikel: "Giftstoffe machen Jungen weiblicher"

Bildquelle: Karina Sturm / pixelio.de.

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... in der Neuen Osnabrücker Zeitung, 17.12.2013, S. 24.

Viele industriell hergestellte Chemikalien, die z.T. in sehr großen Mengen in die Umwelt freigesetzt und nur sehr langsam abgebaut werden, beeinflussen die Hormonsysteme (wirken als endokrine Disruptoren) des Menschen. Sie wirken an spezifischen Rezeptoren, wo sie zumeist als Einzelsubstanzen nur als schwache Oestrogene oder Androgene (weiblich bzw. männlich wirkende Hormone) agieren.

Dass sie als von mancher Seite als „Gift-Cocktail“ bezeichnetes Gemisch mehr schaden können als bisher nachgewiesen, ist eine nicht ganz unbegründete Vermutung. Diese Überlegung gilt insbesondere für Prägungen beim ungeborenen Kind. Weichmacher (Phthalate), Flammschutzmittel (polybromierte Biphenyle), Duftstoffe (Nitromoschusderivate) und Bisphenol A werden unter solchen Aspekten betrachtet; und auch die in der beschriebenen Studie beforschten Dioxine und Furane (PCDD/F) und polychlorierten Biphenyle (PCB) haben neben anderen auch endokrine Wirkungen.

Die beiden letzten Substanzgruppen sind allerdings heute, auf Grund von Verboten und Beschränkungen, in viel geringeren Mengen in der Umwelt als etwa vor 15 oder 30 Jahren zu finden. Weitere Einzelheiten können auf der Website der Kinderumwelt (www.allum.de) nachgelesen werden.

Die beschriebene Studie von Winneke und Mitarbeitern, einer renommierten Forschergruppe, muss allerdings kritisch betrachtet werden. Weniger als 110 Kinder, zur Hälfte Jungen und Mädchen, machten die Probandengruppen aus, es handelte sich also um kleine Kollektive. Die Aussagen beruhen auf Fragebögen, die die Eltern zu Hause ausgefüllt hatten; die Ergebnisse sind z.T. widersprüchlich, in der Studie selbst und auch im Vergleich zu früheren Untersuchungen. Die Autoren räumen selbst ein, dass manche Störfaktoren nicht berücksichtigt worden sind und dass „kausale Rückschlüsse auf Grund einer einzelnen solchen Studie mit komplexen Expositionsmustern von endokrinen Disruptoren“ nicht gezogen werden können.

Bei genauerer Lektüre der Originalpublikation sind die beunruhigende Überschrift des Artikels („Giftstoffe machen Jungen weiblicher“) und der abschließend zitierte Satz („Unsere Studie belegt, dass selbst eine relativ geringe vorgeburtliche Belastung mit Dioxinen und PCB das Geschlechtsverhalten bei Schulkindern verändern kann“) mit Vorbehalt zu lesen, weil solche Aussagen, wenn sie unkommentiert bleiben, auch unbegründete, unnötige Ängste bei Lesern auslösen können.


Prof. Dr. med. Karl Ernst v. Mühlendahl, Umweltmediziner und Kinderarzt

Kinderumwelt gGmbH der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (des Dachverbandes der deutschen Kinderärztlichen Gesellschaften)
Westerbreite 7, 49084 Osnabrück, info@uminfo.de.

Link zum Artikel "Giftstoffe machen Jungen weiblicher" in der NOZ
Siehe auch: "Jungen als Puppenspielerinnen, Mädchen als Schläger?" auf Allum

Veröffentlicht: 3. Januar 2014 - 11:01 Uhr

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Grafik oben rechts (Junge): Karina Sturm / pixelio.de.