Luftverschmutzung macht Kinder krank

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Ende Oktober 2018 hat die WHO in einer umfangreichen Dokumentation (1) Daten zusammengestellt zur – zuvor bereits wohlbekannten - Gesundheitsschädlichkeit von Außen- und Innenraumlauft für Kinder.

Dieses Thema ist auch in einer Lancet-Kommission (Pollution and Health) (2) dargestellt worden.

Eine umfangreiche kanadische Studie (3) beschäftigt sich insbesondere mit Auswirkungen von Luftverschmutzung während der Schwangerschaft. Detailliert wird die Toxizität von Außenluft für die Atemwege beleuchtet – hierbei insbesondere im Hinblick auf die durch den Kraftfahrzeug-Verkehr bedingte Schadstoffbelastung; hier gibt es sehr eindeutige kausale Beziehungen. Nicht ganz so klar, aber doch eindeutig hinweisend, ist die Datenlage zu Assoziationen mit späteren Verhaltensstörungen (ASD, ADHS, IQ-Herabsetzung) sowie mit der Entwicklung von sexueller Orientierung und Geschlechtsmerkmalen, wie auch zu Korrelationen mit Adipositas und Diabetes.

Feinstäube mit einem Gewicht von 2,5 µg/m3 und kleiner werden vielfach als Maßstab für das Ausmaß der Luftbelastung gewertet, wobei es sich in der Regel um ein Gemisch von Schadstoffen handelt, bei denen auch Stickoxide (NOx) und Ozon (O3) wichtig sind. Kohlenmonoxid (CO) ist besonders in der Innenraumluft in Entwicklungsländern von Bedeutung.

Es wird in diesem Beitrag vornehmlich die Schädigung durch Außenluft in Ländern der Ersten Welt betrachtet, wenngleich nicht vergessen werden darf, dass Kinder in der Dritten Welt in Haushalten, in denen mit Holz, Kohle oder Öl gekocht und geheizt wird, in viel größerem Maße betroffen sind. Auch die Morbidität und Mortalität im Erwachsenenalter (insbesondere durch Akzentuierung von Störungen des Herz-Kreislaufsystems und der Atemwege) werden hier nicht besprochen.

Lungenfunktion, Atemwegsinfekte, Asthma

Es gibt zahlreiche und eindeutige Studien, die belegen, dass sowohl PM wie auch NOx in der Außenluft Lungenfunktionsparameter und – wenn pränatal wirksam – die Lungenreifung beeinträchtigen, und zwar auch bereits bei Belastungen im Bereich und unterhalb dessen, was in den USA regulatorisch als akzeptabel definiert ist. Akute Belastung führt zu vermehrten Krankenhausaufnahmen, chronische Belastung zur Erhöhung der Inzidenz von Bronchitis und Pneumonie sowie zur Entstehung und Exazerbation von Asthma bronchiale (4, 5).

PM2.5 und Schwangerschaft und Säuglingssterblichkeit

Daten, die auf Erhebungen bei 3 Millionen Schwangerschaften in Kanada beruhen, belegen, dass höhere Belastungen die Schwangerschaft verkürzen und zu geringerem Geburtsgewicht der Kinder führen, und unterstützen ähnliche frühere Beobachtungen. Die Korrelationen sind eindeutig, zahlenmäßig erscheinen die Effekte (Reduktion des durchschnittlichen Geburtsgewichtes um 20,5 g) gering, sind aber deshalb von Bedeutung, weil große Teile der Bevölkerung betroffen sind.

Es gibt Hinweise darauf, dass Frühgeburtlichkeit, Säuglingssterblichkeit und die Häufigkeit von Fehlbildungen mit höheren PM2,5-Werten und anderen Schadstoffen in der Außenluft korreliert sein könnten, hierzu gibt es allerdings widersprüchliche Aussagen.

Verhaltensstörungen, Intelligenz

Die Hirnentwicklung ist besonders anfällig für Störungen in der Pränatalzeit und in den ersten drei Lebensjahren. In dieser Zeit kommt es zur Entstehung anatomischer Strukturen (Proliferation, Migration, Differenzierung, Synaptogenese, Myelinisierung) und zur Ausbildung funktioneller Verknüpfungen. Störungen in dieser Zeit können lebenslange Beeinträchtigungen von Intelligenz, sozialer Kompetenz und Verhaltensmustern nach sich ziehen.

Es gibt eine große Zahl von Studien, die sich mit der Assoziation von Schadstoffbelastung in der Schwangerschaft durch Außenluft (insbesondere PM2,5 und NOx) und der Entstehung von ASD, ADHS und Intelligenzminderung sowie mit Störungen der Genitalentwicklung und der sexuellen Orientierung befassen.

Diese Studien mit z.T. widersprüchlichen Ergebnissen – viele zeigen auch das Fehlen von solchen Korrelationen auf – werden in der WHO-Studie diskutiert, die in der zusammenfassenden Bewertung gleichwohl die gefundenen positiven Assoziationen hervorhebt. (Exposure to air pollutants can negatively affect neurodevelopment, resulting in lower cognitive test outcomes (such as global intelligence quotient) and the development of behavioural disorders such as autism spectrum and attention deficit hyperactivity disorders. Research suggests that both prenatal and postnatal exposure to air pollution represents threats to neurodevelopment. ... Systematic reviews of studies on ASD have shown relatively consistent evidence of an association between AAP, especially prenatal exposure to PM, and autism.)

Das wird an anderer Stelle zurückhaltender formuliert: (There is suggestive evidence of a link between prenatal exposure to traffic-related air pollution and cognitive and psychomotor function and behavioural problems, but the findings have been inconsistent. … Outdoor air pollution has been linked to an increased risk of ASD, especially in studies in the USA in which consistent methods were used.)

Adipositas, Insulinresistenz, Diabetes

Die Ergebnisse einiger Studien lassen annehmen, dass eine Assoziation besteht zwischen Außenluftbelastung in der Schwangerschaft und der späteren Entstehung von Adipositas und Diabetes. Hier seien weitere bestätigende Untersuchungen notwendig.

Rp. Sauberere Luft

Die derzeit vielerorts vorkommenden, Kinder (und auch Erwachsene) krank machende Schadstoff-Konzentrationen in der Außenluft, die vornehmlich durch die Verbrennung fossiler Energieträger freigesetzt werden, woran der verkehrsbedingte Ausstoß maßgeblich beteiligt ist, müssen dringend vermindert werden.


Literatur

(1) Air Pollution and Child Health: Prescribing clean air.
World Health Organisation (WHO), Oktober 2018

(2) The Lancet Commission on Pollution and Health
Lancet 2018; 391: 462-512
http://dx.doi.org/10-1016/SO140-6736(17)32345-0

(3) Stieb DM et al.
Associations of pregnancy outcomes and PM2.5 in a national Canadian study
Environmental Health Perspectives 2016; 124:243-249
http://dx.doi.org/10.1298/ehp.1408995

(4) Khreis H et al.
Exposure to traffic-related air pollution and risk of development of childhood asthma: a systematic review and meta-analysis. Environ Int. 2017;100:1-31

(5) Gehring U et al.
Exposure to air pollution and development of asthma and rhinoconjunctivitis throughout childhood and adolescence: a population-based birth cohort study.
Lancet Respir Med 2015; 3:933-942


Anhang 1: Abkürzungen

AAP: ambient air pollution
ADHS:  attention deficit hyperactivity syndrome
ASD: autism spectrum disorder


Anhang 2: EU-Grenzwerte (bzw. WHO-Richtwerte) für Feinstäube in der Außenluft

Grenz- und Richtwerte für Feinstäube und NOx in der Aussenluft in µg/m3

    EU WHO
PM10 Jahresmittelwert
Tagesmittelwert
40
501
20
502
PM2.5 Jahresmittelwert
Tagesmittelwert
25

10
253
NOx Jahresmittelwert
Stundenmittelwert
40
2004
40
200


Zahl der jährlich erlaubten Überschreitungen

1 35
2 3
3 3
4 18

Veröffentlicht: 7. November 2018 - 18:32 Uhr

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Grafik oben rechts (Abgase): Gabi Eder / pixelio.de.