Macht Mobilfunk Krebs? Ergebnisse der NTP-Studie vom Mai 2016

Mobilfunk und Krebs

© Robert Müller / pixelio.de

Selten gibt es auf einfache Fragen in der Wissenschaft auch einfache Antworten. Seit wenigen Wochen ist die Antwort auf die in der Überschrift gestellte Frage noch schwieriger geworden.

Die Fachwelt ist sich ziemlich einig, dass man diese Frage in bezug auf Basisstationen getrost verneinen kann. Etwas anders sieht es beim mobilen Telefonieren aus. Hier können je nach Empfangssituation auch ansehnliche elektrische Feldstärken auf den Kopf einwirken.

Ob Krebserkrankungen im Kopfbereich durch häufige Mobiltelefonate vermehrt auftreten könnten, ist angesichts der weltweiten Mobiltelefonnutzung von großer Relevanz.

INTERPHONE-Studie der Weltgesundheitsorganisation 

Die Weltgesundheitsorganisation WHO und die ihr zugehörige Internationale Krebsforschungsagentur IARC beschäftigen sich seit Mitte der 90er Jahre mit dieser Fragestellung.

Vor etwa 6 Jahren hat IARC Ergebnisse zu ihrer groß angelegten Interphone-Studie veröffentlicht. In dieser Studie ging es um Gliome (Tumoren des Stützgewebes im Hirn), Meningeome (Tumoren der Hirnhaut), Akustikusneurinome (Tumoren des Hörnervs) und Parotistumore (Tumore der Ohrspeicheldrüse). Für Nutzungszeiten kürzer als 10 Jahre wurde keine Risikoerhöhung für Gliome oder Meningeome beobachtet. Ein auffälliges Teilergebnis: wer wenig telefonierte, hatte gegenüber den Nichttelefonierern ein statistisch signifikant erniedrigtes Risiko für Hirntumoren, was die Studienautoren allerdings als Zufallsbefund einstuften. Wer dagegen viel (mehr als 30 Minuten am Tag über 10 Jahre hinweg) telefonierte, hat ein möglicherweise erhöhtes Risiko für Hirngewebstumore (Gliome).

IARC stuft Mobilfunkfelder als "möglicherweise krebserregend" ein

Ein Jahr später, im Mai 2011 hat die IARC hochfrequente elektromagnetische Felder (des Mobilfunks) als „möglicherweise krebserregend“ (Gruppe 2B) für den Menschen eingestuft. Diese Einstufung wurde in der Fachwelt kritisch diskutiert, zumal ein plausibler biologischer Wirkmechanismus nicht bekannt ist und Studienergebnisse aus Tierversuchen ein uneinheitliches Bild boten. 

NTP-Studie zu "Mobilfunk und Krebs"

Etwa in diese Zeit (bzw. kurz davor) fällt der Beginn der groß angelegten NTP-Studie zu mobilfunkbedingten Krebserkranken bei Nagetieren (Mäusen und Ratten). NTP steht für National Toxicology Program und ist ein Rahmen für aufwändige, sorgfältig durchgeführte toxikologische Studien unter dem Dach der National Institutes of Health (NIH), der Gesundheitsbehörde der USA.

Ende Mai 2016 wurden Teilergebnisse dieser 25 Millionen USD teuren Studie veröffentlicht (zum Vergleich: der Etat des Deutschen Mobilfunk Forschungsprogramms lag bei 15 Millionen Euro und musste mehr als 50 Einzelprojekte abdecken).

Was wurde in der NTP-Studie untersucht?

Es wurden Mäuse und Ratten über 2 Jahre hinweg mit Mobilfunkfeldern im GSM- und im CDMA-Standard befeldet, und zwar beginnend in utero für insgesamt 9 Stunden pro Tag, an sieben Tagen der Woche. Mäuse wurden einer Frequenz von 1900 MHz, Ratten einer Frequenz von 900 MHz ausgesetzt. Das Mobilfunkfeld wurde für 10 Min angeschaltet, dann gab es eine zehnminütige Pause, dann wurde es wieder angeschaltet usw. Die Tiere befanden sich dabei in Käfigen in einer speziellen Expositionskammer („reverberation chamber“), die die für solche EMF-Studien so wichtige Feldhomogenität gewährleistete. Die spezifische (Ganzkörper-) Absorptionsrate lag bei 1.5, 3 und 6 Watt/Kg (Kontrollgruppe: 0  W/Kg). Pro Messpunkt (Tierart, Geschlecht, Expositionshöhe (SAR), Feldmodulation) wurden 90 Versuchstiere eingesetzt.

Ergebnisse der NTP-Studie

Die Ergebnisse der Versuche an Ratten tragen, soweit sie bisher bekannt geworden sind, eher zur Verwirrung als zur Klärung bei.

  • EMF - Einfluss auf Trächtigkeit, Wurfgröße und Geschlecht des Wurfs bei der F0-Generation: kein Effekt. Geringer Einfluss auf das Körpergewicht.
  • Überlebensrate nach 2 Jahren in den Versuchsgruppen meist höher als in der Kontrollgruppe
  • Maligne Gliome und Glia-Hyperplasien: nur bei männlichen Ratten mit CDMA-modulierter Exposition „signifikant positiver Trend zu malignen Gliomen“, bei weiblichen Tieren sowie bei GSM-Modulation kein Effekt
  • Schwannome (Tumoren des peripheren Nervensystems, hier: im Bereich des Herzens) : „signifikant positiver Trend“ bei männlichen Ratten unabhängig von der Modulation
  • ...

Die Studienautoren schlussfolgern:

„Unter den Bedingungen dieser 2 Jahres-Studien sind die im Herz und Gehirn der männlichen Ratte beobachteten hyperplastischen Läsionen und Glia-Neoplasmen wahrscheinlich das Ergebnis der Ganzkörper-Exposition gegenüber GSM- und CDMA-modulierter Radiofrequenz.

Der Zusammenhang zwischen einer Radiofrequenz-Exposition und neoplastischen Läsionen im Herz und Gehirn wird dadurch glaubwürdiger. Bei weiblichen Ratten konnten keine biologisch signifikanten Effekte am Herzen oder im Gehirn beobachtet werden und zwar unabhängig von der Modulation“ (Übersetzung: M.O.).

Der Studie muss man zugute halten, dass bisher nur Teilergebnisse veröffentlicht wurden und das Gesamtbild noch fehlt.

Die Teilergebnisse weisen jedoch einige Ungereimtheiten auf:

  • Wieso leben die Versuchstiere länger als die Kontrolltiere?
  • Handelt es sich bei den geschlechts- und modulationsspezifischen Effekten um echte Resultate oder um Zufallsbefunde? (die „Power“ der Studie ist bezüglich der selten auftretenden Endpunkte „Gliom“ bzw „Schwannom“ viel zu gering !).
  • Wurden auch andere Tumorarten untersucht?
  • kann ein thermischer Effekt die Ursache sein? Eine (Dauer)-Exposition von mehreren Watt pro Kg Gewebe würde für eine Erwärmung um Bruchteile eines Grades Celsius allemal ausreichen.

Fazit:

Erst in der Gesamtschau aller Ergebnisse wird sich zeigen, ob es sich um brisante Resultate handelt, die zu einer Neubewertung des Mobilfunks (und hochfrequenter elektromagnetischer Felder überhaupt) führen können, oder ob dies nicht der Fall ist.

Literatur:

Report of Partial findings from the National Toxicology Program Carcinogenesis Studies of Cell Phone Radiofrequency Radiation in Hsd: Sprague Dawley® SD rats (Whole Body Exposure)

Michael Wyde, Mark Cesta, Chad Blystone, Susan Elmore, Paul Foster, Michelle Hooth, Grace Kissling, David Malarkey, Robert Sills, Matthew Stout, Nigel Walker, Kristine Witt, Mary Wolfe, John Bucher. doi: http://dx.doi.org/10.1101/055699

http://biorxiv.org/content/early/2016/05/26/055699

Veröffentlicht: 13. Juni 2016 - 14:36 Uhr

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Grafik oben rechts (Telefonat): © Robert Müller / pixelio.de