Welche Rolle spielen Schulen und KiTas in der COVID-19 Pandemie?

Welche Rolle spielen Schulen und KiTas in der COVID-19 Pandemie?

© Manfred Jahreis / pixelio.de

Nach dem Ende der Weihnachtsferien schloss sich ab dem 10. Januar ein weiterer Lockdown an, der nach Bundesländern unterschiedlich dazu führt, dass Klein- und Grundschulkinder wie auch Kinder und Jugendliche an weiterbildenden Schulen keine regelmäßige KiTa-Betreuung bzw. Beschulung im Präsenzmodus erhalten, sondern verschiedene Varianten von Not-Wechselbetreuung, Wechselunterricht bis zum kompletten Homeschooling erleben.

Sind die neuen Einschränkungen wirklich notwendig und wissenschaftlich begründbar?

Politisch werden diese ausgeprägten Einschränkungen damit begründet, dass angesichts der COVID-19 Pandemie nicht notwendige, menschliche Kontakte drastisch reduziert werden müßten.

Insbesondere für Kinder bis zum 12. Lebensjahr und ihre Eltern stellen diese Reduktionen aber erhebliche Probleme im Alltags- und Sozialleben dar. 

Am 4.1.2021 haben zwei wissenschaftliche Fachgesellschaften – die Dt. Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und die Dt. Gesellschaft für Krankenhaushygiene eine gemeinsame Stellungnahme veröffentlicht, die die bisher bekannten europäischen Daten zur Bedeutung von KiTas und Schulen in der der COVID-19 Pandemie zusammenfasst und sich dabei auf die Europäische Gesundheitsbehörde (ECDC) in Stockholm bezieht.

Daraus resultieren fünf Kernbotschaften:

  1. Kinder erkranken selbst nur sehr selten schwer an COVID-19.
  2. Kinder jeden Alters sind grundsätzlich empfänglich für SARS-CoV-2 und können das Virus übertragen. Jüngere Kinder scheinen weniger anfällig für Infektionen zu sein; wenn sie infiziert sind, führt dies seltener zu einer Weitergabe der Infektion.
  3. Kinder in Gemeinschaftseinrichtungen nehmen am Infektionsgeschehen teil, sind aber nach aktuellem Wissensstand selbst kein Treiber der Pandemie.
  4. Für Kinder sind Schulen und KiTas systemrelevant, denn sie treffen im Kern ihre sozialen und intellektuellen Grundbedürfnisse und bestimmen ihre Entwicklung; Schulen und KiTas spielen eine wesentliche Rolle bei der Aufdeckung medizinischer oder sozialer Probleme wie Vernachlässigung. Insofern bedürfen jedwede Einschränkungen, die Kindern fremdnützig, d.h durch andere Gründe auferlegt werden, einer wissenschaftlich konkret belegbaren Rechtfertigung. 
  5. Schulschließungen können nur das letzte Mittel sein. Eine Reihe konkret benennbarer Interventionen sind verfügbar, die davor ergriffen und konsequent umgesetzt werden können, z.B. Etablierung von AHA+L Regeln, Masken etc. in den Schulen und auf den Schulwegen, strukturiertes Ausbruchsmanagement, Etablierung hygienebeauftragter Lehrer etc. (s.u.).

Die DGPI und die DGKH empfehlen deshalb den politischen Entscheidungsträgern mit Nachdruck, die Kernbotschaften der Europäischen Gesundsbehörde (ECDC) als Richtschnur des Handelns auch in Deutschland heranzuziehen. Denn die vorhandenen Analysen bestätigen die europäischen Beobachtungen auch für unser Land!

Deshalb sollten auch unter hohen COVID-19-Infektionszahlen Gemeinschaftseinrichtungen für Kinder und Jugendliche geöffnet bleiben können, wenn die Hygieneregeln (AHA+L) bei zusätzlichen betrieblich-organisatorischen Maßnahmen eingehalten werden.

Die Implementierung der Hygienemaßnahmen hat sich trotz häufig nicht vollständiger Umsetzung als ein effektives Instrument des Infektionsschutzes an Kitas und Schulen bewährt.

Die Maßnahmen müssen den Kindern ein angemessenes Lern- und soziales Umfeld bieten. Schulen sind für Kinder nicht nur zur Erfüllung des Bildungsauftrags, sondern insbesondere für ihre soziale Entwicklung und nicht zuletzt auch zu ihrem Schutz durch die entstehende Sozialkontrolle systemrelevant.

Die beiden Gesellschaften formulieren ergänzende und notwendige Maßnahmen zur weiteren Verbesserung der Hygienekonzepte und zur Beseitigung möglicher Schwachstellen: 

  • Aufbau eines strukturierten Ausbruchsmanagements unter Einbeziehung des örtlichen Gesundheitsamtes, der Schulleitung, des schulischen Hygienebeauftragten (siehe unten), weiterer Personen aus der Elternschaft und ggfs. externer Experten aus Hygiene, virologischer Diagnostik und Betriebsmedizin.
  • Konsequente Einhaltung der Maskenpflicht aller Schülerinnen und Schüler während des Unterrichts jenseits des Grundschulalters bei gleichzeitiger Maskenpflicht für Lehr- und Betreuungspersonal.
  • Mund-Nasenschutz bzw. -Bedeckung sind eine ausreichende Schutzmaßnahme; es braucht keine  FFP2-Masken.
  • Bestellung einer Hygienebeauftragten Person im Lehrerkollegium bzw. im Betreuungsteam mit Qualifizierung durch eine geeignete Fortbildung.
  • Schaffung konstanter Personengruppen mit begrenzter Gruppenstärke einschl. Hortbetreuung und Mensabetrieb. 
  • Gesplitterter Präsenzunterricht im Wechsel zu Online-Angeboten für die Schulklassen ab 14 Jahre, mindestens aber ab 16 Jahre. 
  • Ausweitung des Raumangebotes durch Nutzung nahgelegener ungenutzter Räumlichkeiten zu Unterrichtszwecken. 
  • Einbeziehung der Schulwege, des öffentlichen Nahverkehrs und weiterer Verkehrsangebote in ein integriertes Hygienekonzept, durch das auch die Wege von und zur Schule sicherer werden. 
  • Intensive Aufklärung der Lehrerschaft und des weiteren Betreuungspersonals über die Risiken von Ansteckungen im privaten Umfeld, dem größten Treiber in der momentanen 2. Welle, aber auch in Pausenzeiten (z.B. Lehrerzimmer). Nutzung des von der DGKH herausgegeben „Corona-Knigges“, der die Schutzkonzepte im privaten Umfeld verständlich und alltagstauglich formuliert.

Zusammenfassung: Dr. Thomas Lob-Corzilius (Gemeinnützige Kinderumwelt GmbH)


Mehr zu diesem Thema: Dtsch Arztebl 2020; 117(51-52): COVID-19 in Schulen: Keine Pandemie-Treiber

Veröffentlicht: 13. Januar 2021 - 13:38 Uhr

Autor/en: