"Vollständig lernunfähig sind die Menschen vielleicht doch nicht"

Prof. Dr. von Mühlendahl ist Geschäftsführer und ärztlicher Leiter der gemeinnützigen Kinderumwelt GmbH in Osnabrück.

Prof. Dr. von Mühlendahl ist Geschäftsführer und ärztlicher Leiter der gemeinnützigen Kinderumwelt GmbH in Osnabrück.

Umwelteinflüsse und Kindergesundheit: Fragen von Prof. Dr. Jörg Maywald an Prof. Dr. med. Karl Ernst von Mühlendahl, Kinder- und Jugendarzt und Umweltmediziner.

Maywald: Viele Eltern fürchten, dass durch Einflüsse aus der Umwelt die Gesundheit ihrer Kinder Schaden nimmt. Inwieweit sind diese Befürchtungen berechtigt und um welche Gefährdungen geht es hierzulande vor allem?

von Mühlendahl: Ja, die Umwelt macht manchmal krank. Gesundheit und Krankheit werden durch vorhandene Anlagen – die zum Teil ererbt sind – und durch die Umwelt bedingt. Umwelt, das sind: Schimmelpilze, Bakterien und Viren, Wetter und Kälte, Autoverkehr und Lärm, Mobilfunk und Hochspannungsleitungen, Weichmacher und Pflanzenschutzmittel, Armut und Migration, Patchwork-Familien und häuslicher Tabakrauch. Manches davon kann krank machen, ist im medizinischen Sprachgebrauch „pathogen“.

Maywald: Stimmt es eigentlich, dass unsere Umwelt „immer ungesünder“ wird oder gibt es auch gegenteilige Entwicklungen, dass nämlich krank machende Umwelteinflüsse zurückgedrängt werden und die Lebensbedingungen sich verbessern?

von Mühlendahl: Die Umwelt ist seit vielen Jahren, insbesondere in den letzten Dekaden, gesünder geworden. Das gilt auch für die anthropogen veränderte Umwelt, für die menschengemachten, technisch und chemisch bedingten Veränderungen. Die Luft im Ruhrgebiet ist in den letzten 50 Jahren sauberer geworden, Dioxine gelangen nur noch in geringen Mengen in die Umwelt, die Quecksilber- und Bleibelastung von Nahrungsmitteln und Wasser ist stark rückläufig, die Produktion und Anwendung von den sogenannten POPs (Persistent Organic Pollutants) sind beendet oder eingeschränkt. Letzteres lässt sich gut an einem erheblichen Rückgang der Schadstoffe und Rückstände in der Muttermilch ablesen. Aber es ist auch zu beachten: Persistente, schwer abbaubare chemische Produkte werden in zum Teil großen Mengen (hunderttausende bis Millionen Tonnen jährlich) produziert und auch in die Umwelt freigesetzt. Dabei handelt es sich etwa um Weichmacher, Duftstoffe, Flammschutzmittel. Sie lassen sich im Blut und im Fettgewebe von Menschen nachweisen, wie auch in Eisbären und Pinguinen, also weltweit, überall zwischen Nord- und Südpol.

Maywald: Säuglinge reagieren besonders empfindlich auf Umweltgifte. Daher kann es nicht verwundern, wenn stillende Mütter angesichts immer wieder auftauchender Berichte über Schadstoffe in der Muttermilch besorgt sind. Ist Muttermilch aus kinderärztlicher Sicht weiterhin die optimale Ernährung für Babys?

von Mühlendahl: Ja; und zwar ohne Einschränkungen. Das ist bei der höheren Belastung in den beiden letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts nicht so gewesen, damals gab es eine Empfehlung der Deutschen Forschungsgemeinschaft, das ausschließliche Stillen auf vier Monate zu beschränken.

Maywald: Aus der Kinder- und Jugendgesundheitsstudie KiGGS ist bekannt, dass die Häufigkeit allergischer Erkrankungen bei Kindern hoch ist. Sind Kinder heutzutage anfälliger für Allergene als früher und inwieweit spielt eine möglicherweise übertriebene Sauberkeit hierbei eine Rolle?

von Mühlendahl: Viele Kinder – und auch Erwachsene – sind von allergisch bedingten Krankheiten oder Störungen betroffen, im wissenschaftlichen Sprachgebrauch: die Prävalenz ist hoch. Das liegt an Faktoren, die mit unserer Zivilisation zu tun haben. Welche das sind, ist immer noch nicht richtig geklärt. Ernährung, Sauberkeit und fehlende Allergenexposition, Feinstäube, neue Vegetationen – wie das Beifußblättrige Traubenkraut, Ambrosia artemisiifolia – sind Faktoren, für deren krankmachende, pathogene Wirkungen es Hinweise und zum Teil auch Belege gibt. Die Prävalenz von Allergien ist deutlich höher als vor etwa 50 Jahren. Allerdings steigt sie jetzt möglicherweise nicht mehr weiter an. Die typische Einlassung in den Medien „immer mehr...“ ist wahrscheinlich nicht korrekt, jedenfalls nicht belegt.

Maywald: Sie sind seit vielen Jahren ärztlicher Leiter der Kinderärztlichen Beratungsstelle für Allergie- und Umweltfragen Kinderumwelt in Osnabrück. Mit welchen Anfragen haben Sie es dort zu tun und inwieweit hat sich das Themenspektrum der Ratsuchenden in den vergangenen rund zwanzig Jahren verändert?

von Mühlendahl: Als wir vor nun bald 25 Jahren mit unserer umweltmedizinischen Tätigkeit begannen, gab es häufige Fragen über mögliche Schädigungen durch Rückstände in der Muttermilch, durch Amalgam, Fluor, Blei, Holzschutzmittel, aber auch durch Hochspannungsleitungen und Lärm. Damals haben wir viele Individualberatungen durchgeführt. Längst haben wir die Hintergründe zusammengefasst und diese, zusammen mit den Antworten, publiziert. Seit bald 15 Jahren sind diese Ausführungen auf unserer Website nachlesbar (www.allum.de). Dort werden am häufigsten die Seiten aufgerufen, die mit Fragen rund um die Allergie zu tun haben. Quecksilber, Kupfer im Trinkwasser, Mobilfunk sind weitere oft gefragte Themen. Direkte persönliche Anfragen sind bei der Kinderumwelt nicht mehr sehr häufig, wohl auch deshalb, weil viele Antworten www.allum.de entnommen werden können, worauf wir stets zunächst verweisen („Wenn Sie dann noch Fragen haben, dann können Sie sich an uns wenden“).

Maywald: In letzter Zeit taucht verstärkt der Begriff „Human-Biomonitoring“ auf. Was ist darunter zu verstehen und worin besteht die Bedeutung dieses Verfahrens?

von Mühlendahl: Human-Biomonitoring (HBM) bezeichnet die Messung von chemischen Substanzen und deren Abbauprodukten im Menschen, in Blut, Urin, Speichel, Haaren. Oft sind solche Messwerte viel aussagekräftiger, deutlich relevanter, als die, die aus Luft, Wasser und Nahrungsmitteln gewonnen werden (diese Messungen bezeichnet man als Umwelt- oder Ambient-Monitoring). HBM-Werte sagen etwas darüber aus, was „angekommen“ ist. Für diese komplexen Fragen gibt es auf www.allum.de ein animiertes, interaktives und leicht zu bedienendes Modul, das einmal anzusehen ich allen Interessierten empfehle.

Maywald: Bereits sehr junge Kinder verbringen immer längere Zeiten in Institutionen wie zum Beispiel Krippen und Kitas. Dadurch wächst die Verantwortung pädagogischer Fachkräfte, auch in gesundheitlicher Hinsicht. Worauf sollten Erzieherinnen und Erzieher in Tageseinrichtungen für Kinder achten, um umweltbedingte Gefährdungen möglichst präventiv zu verhindern?

von Mühlendahl: In Krippen und Kindertagesstätten spielen die sogenannten anthropogenen Umweltfaktoren – Chemikalien, elektromagnetische Felder etc. – keine so große Rolle. Viel wichtiger sind hier gesunde Ernährung, Zähneputzen, ausreichende Bewegung, UV- und Schallschutz und Verhinderung von Unfällen sowie eine möglichst vollständige Impfung gegen alle durch Impfung vermeidbaren Krankheiten. Insbesondere wichtig und heute noch erheblich verbesserungsbedürftig sind Zahl und Kompetenz der Betreuer und Betreuerinnen. Sie sind zu wenige, sollten vielfach besser ausgebildet und qualifiziert sein und sind unterbezahlt. Hier muss noch sehr viel nachgebessert werden. Am wichtigsten in der Umwelt in Krippen und Kindertagesstätten ist aber, dass die Kleinkinder dort feste, vertraute und liebevolle, auf sie eingehende Bezugspersonen haben und sich sicher aufgehoben fühlen.

Maywald: Über welches Wissen sollten Eltern und Fachkräfte verfügen, um Umweltbelastungen realistisch einzuschätzen, und auf welche Weise kann dieses Wissen erworben werden?

von Mühlendahl: Für alle, die über Umweltbelastungen nachdenken und vielleicht aus Erkenntnissen praktische Konsequenzen ziehen wollen, ist ein Faktenwissen erforderlich. Dieses soll möglichst umfassend, exakt und richtig sein. Es soll frei von politischen, ideologischen, paramedizinischen und kommerziellen Einfärbungen sein. Die gesundheits- und umweltrelevanten Bundesoberbehörden – etwa Umweltbundesamt, UBA, und Bundesinstitut für Risikobewertung, BfR – halten auf ihren Websites (www.umweltbundesamt.de und www.bfr.bund.de) viele gut brauchbare Informationen vor, und unsere eigene Website (www.allum.de) hat viele Daten und Fakten aufgearbeitet, in verschiedenen Detail- und Schwierigkeitsgraden, bis hin zur Angabe von den zugrundeliegenden Literaturquellen. Sehr hilfreich ist zudem eine Basiskenntnis über Risikobewertung und gegebenenfalls Risikoakzeptanz.

Maywald: Werden bei pädiatrischem Handeln umweltmedizinische Erkenntnisse angemessen berücksichtigt und nimmt die Umweltmedizin im Konzert der Fachdisziplinen insgesamt einen gebührenden Rang ein?

von Mühlendahl: In der Regel dürften umweltmedizinische Aspekte – hier noch einmal als anthropogene Bedingungen definiert – ausreichend bei Diagnostik und Therapie berücksichtigt werden. Bei dieser Aussage handelt es sich um meine eigene, medizinisch-naturwissenschaftliche und erfahrungsbasierte Einschätzung. Anders dürften das manche Ärzte sehen, etwa diejenigen, die dem Deutschen Berufsverband der Umweltmediziner (DBU) angehören, deren Empfehlungen abweichen von dem, was in der von ihnen als „Schulmedizin“ bezeichneten Heilkunde empfohlen wird. Die Umweltmedizin war in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts ein recht lebendiges, viel beachtetes und diskutiertes Querschnittfach mit eigenem Ausbildungscurriculum. Diese Aktivitäten und die dazugehörige Medienpräsenz sind deutlich rückläufig.

Maywald: Die bereits vielfach spürbaren globalen Änderungen des Klimas sind zu einem Megathema unserer Zeit geworden. Welche umweltmedizinischen Herausforderungen sind damit verbunden?

von Mühlendahl: Mit dieser Frage wird die global wichtige, umweltpolitisch bedeutsame Dimension angeschnitten, zu der weitere große Problemkreise gehören: Untergang vieler tropischer und nordischer (borealer) Waldflächen, Verminderung des stratosphärischen Ozons, Rückgang der Artenvielfalt, Wetter- und Hochwasserkatastrophen, Bevölkerungswachstum mit Armut und Migration. Damit sind die Herausforderungen beschrieben, für deren Bewältigung zumeist greifende Konzepte fehlen.

Maywald: Wenn Sie einmal den Blick auf die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder richten: Für wie lernfähig halten Sie den Menschen angesichts zukünftiger Bedrohungen, die mit Veränderungen seiner Umwelt einhergehen?

von Mühlendahl: Wo früher für viele Generationen vorausgedacht und gewirtschaftet wurde, da ist man heute schon stolz, wenn man von Enkel- oder gar nur von Kindertauglichkeit spricht. Wir sind alle informiert über unmäßigen Ressourcenverbrauch und Energieverschwendung. Wir wissen, dass unsere Welt als Müllkippe missbraucht wird: man denke nicht nur an Chemieprodukte, sondern auch an die Millionen Tonnen an Plastikabfällen auf den Meeren oder an die nicht sicher deponierbaren Atomabfälle. Die großflächige Abholzung der Wälder bedroht das globale Ökosystem. Das alles geschieht oft ohne viel Rücksicht auf Nachhaltigkeit. Die Infektion unserer Welt mit dem Krankheitskeim Homo sapiens könnte eine vorübergehende Episode in der Erdgeschichte sein. Aber: saurer Regen und Waldsterben, Dioxinemissionen aus Müllverbrennungsanlagen und Eisenhütten, die Toxizität von Hexachlorbenzol (HCB) und polychlorierten Biphenylen (PCB), die massenhafte Verwendung von Pentachlorphenol (PCP) als Holzschutzmittel, die Bleibelastung der Nahrung, die Verwendung von Quecksilberamalgamen in der Zahnheilkunde – das alles sind bereits mehr oder weniger Themen der Vergangenheit. Vollständig lernunfähig sind die Menschen vielleicht doch nicht.

Das Interview erschien in der Zeitschrift frühe Kindheit. die ersten sechs Jahre, 01/2014, S. 46-48. Hrsg: Deutsche Liga für das Kind in Familie und Gesellschaft (Initiative gegen frühkindliche Deprivation) e.V.

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Veröffentlicht: 10. März 2014 - 10:15 Uhr

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