Kangalfische oder Knabberfische

Fische zur Therapie von Hauterkrankungen?

Das fischreiche Thermalbad Sivas-Kangal liegt 90 km von der Provinzhauptstadt Sivas entfernt, 14 km nordöstlich der Kleinstadt Kangal auf 1.425 m Höhe. In dem schwefel- und salzhaltigem Wasser des Thermalbades leben zahlreiche Kangal-Fische. Diese rötlichen Saugbarben (Garra rufa) aus der Familie der Karpfenfische können bis zu 14 cm groß werden. Sie fühlen sich bei ca. 36°C am wohlsten. Aus Mangel an eiweißreichem Plankton in den warmen Thermalbächen waren die Tiere gezwungen, auf andere Eiweißquellen auszuweichen. Sie fanden sie in den Hautschuppen der Menschen. Über Jahrhunderte hinweg konnte beobachtet werden, dass es bei den Menschen, die unter Hautkrankheiten litten, zu Abheilungsprozessen kam, nachdem sie in dem mineralstoffhaltigen Wasser gebadet hatten und die Fische sie von ihren Hautschuppen befreit hatten. Seit einigen Jahren werden nun diese Fische auch in Deutschland gezüchtet. Inzwischen gibt es bereits viele Unternehmen, die die Fische verkaufen. Auch Heilpraktiker und Privatkliniken bieten Kuren mit den "Kangalfischen oder Knabberfischen" an.

Der Einsatz bei Schuppenflechte (Psoriasis)

Zunächst wurde die Fischtherapie zur Behandlung der Schuppenflechte bekannt. Die Fische reinigen die Wunden, es kommt zu einer Verringerung der Hornschicht und dadurch wird die Haut glatter und wirkt weniger betroffen. Die Fische scheinen zusätzlich auch eine geringe Dosis dithranol- und enzymhaltige Sekrete an die Haut abzugeben, wenn sie an der Haut knabbern. Dithranol wird zur Behandlung der Schuppenflechte eingesetzt und verhindert die zu rasche Erneuerung der Haut. Dithranol ist wirksam aber auch als hautreizend bekannt (Bruner 2003). Eine türkische Studie, welche die Therapie in dem Kangal Therapiezentrum bei Psoriasis untersuchte, kam zu positiven Ergebnissen (Ozcelik 2000). Diese lassen sich aber nicht einfach auf deutsche Verhältnisse übertragen, da Klima und chemische Zusammensetzung des Wassers in der Türkei sich erheblich von denen in Deutschland unterscheiden und die Wirkung der Fische nicht eindeutig von den Effekten des Klimas und des Wassers abgegrenzt werden kann (Matz 2003).

Der Einsatz bei Neurodermitis

Schnell dehnte sich das Anwendungsgebiet der "Kangalfische" auch auf die Neurodermitis als andere entzündliche Hauterkrankung aus. Es gibt aber keine Studien oder wissenschaftlichen Informationen zur Effektivität oder Wirkweise dieser "Fischtherapie" bei Neurodermitis. Betroffene mit Neurodermitis oder Schuppenflechte beurteilen den Behandlungserfolg weitgehend positiv. Die Hautirritationen entwickelten sich größtenteils zurück und der Juckreiz ließ nach. Die Therapie ist aber zeitaufwendig. Das Knabbern der Fische wird als Kribbeln verspürt und ist schmerzlos. Damit die Haut nicht austrocknet, muss sie nach dem Bad gut eingecremt werden, um die verlorene Feuchtigkeit auszugleichen. Die meisten gesetzlichen Krankenkassen zahlen diese Behandlung nicht.

Beurteilung

Der Einsatz der Kangalfische zur Behandlung der Neurodermitis oder der Schuppenflechte ist noch nicht anerkannt, da aussagekräftige Studien fehlen. Es gibt keine Studien oder wissenschaftliche Informationen zur Effektivität oder Wirkweise dieser Therapie bei Neurodermitis. Wie bei allen Behandlungsmethoden muss individuell entschieden werden, ob die Anwendung erfolgversprechend sein kann, oder nicht. Sicher ist, dass die "Fisch-Therapie" nur als eine Ergänzung oder Kombination eines umfassenden Therapiespektrums gesehen werden darf. Eine Heilung wird selbst von den Befürwortern nicht versprochen.

Eine aktuelle und umfassende Information zu den Kangalfischen siehe auch unter: Kangal-Fische im Psoriasis-Netz.

Bestehen Risiken?

Bevor Sie sich für eine Behandlung mit Kangalfischen entscheiden, sollten Sie mögliche Infektionsgefahren in Ihre Überlegung einbeziehen. Mikroorganismen werden sowohl durch die natürliche Besiedlung der Fische als auch durch die Nutzer selbst in das Wasser eingebracht. Eine Reinigung und Desinfektion der Tank- oder Wannensysteme ist - wenn überhaupt - nur eingeschränkt möglich, weil die dafür notwendigen Verfahren für die Kangalfische schädlich sind.

Wenn die Fische nicht personenbezogen, d.h. bei verschiedenen Personen, eingesetzt werden, können Mikroorganismen auf andere Personen übertragen werden. Somit besteht die Möglichkeit einer höheren Infektionsgefahr bei Personen mit vorgeschädigter Haut oder einem abgeschwächten Immunsystem.

Literatur: 
Höller, C. et al. (2013): Hygienische, veterinärmedizinische und rechtliche Aspekte zum Einsatz von Kangalfischen am Menschen, Hygiene & Medizin - Infection Control and Healthcare, 2013 (7/8): 306-311

Stand: 28. Juli 2019 - 22:17 Uhr

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