Multiple Chemical Sensitivity (MCS, sMCS, IEI)

Definition und Krankheitsbild

Die „Multiple Chemikalienunverträglichkeit“ (engl. Multiple Chemical Sensitivity, kurz MCS) ist ein neuartiges umweltassoziiertes Krankheitsbild. Betroffene reagieren auf unterschiedliche (Umwelt-)Substanzen bzw. chemische Trigger mit multiplen Beschwerden (z.B. Müdigkeit, Übelkeit, Schwindel, Überempfindlichkeit gegenüber Gerüchen). Es gibt keine Kernsymptome, die eindeutig MCS zuzuordnen sind. Es handelt sich vielmehr um einen Symptomkomplex, der sich aus körperlichen und psychischen Beschwerden zusammensetzt.

Das Umweltbundesamt definiert MCS wie folgt (Sachstand Juli 2013):

„Als „Multiple Chemikalienüberempfindlichkeit” (MCS) wird ein Beschwerdekomplex aus Allgemeinsymptomen wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit, psychischen Beeinträchtigungen und Störungen verschiedener Organsysteme bezeichnet. Diese Symptome werden von den betroffenen Personen mit einem Kontakt gegenüber Chemikalien unterschiedlicher Art in Verbindung gebracht, wobei schon Konzentrationen, die andere Menschen ohne Schwierigkeiten vertragen, zu Beschwerden führen sollen. Eine klare und allgemein anerkannte Definition, welche Symptome zu MCS gehören, und gesicherte Kenntnisse, welche Ursachen dafür verantwortlich sind, existieren bisher nicht.“

MCS wurde erstmals von Cullen (1987) folgendermaßen beschrieben:

  • Initiale Symptome im Zusammenhang mit einer belegbaren Expositionssituation (erworbene Störung)
  • Rezidivierendes Auftreten der Symptome in zeitlichem Zusammenhang mit bestimmten Stimuli
  • Symptome werden bei sehr geringen Expositionsniveaus hervorgerufen
  • Symptome werden durch unterschiedliche chemische Stoffe ausgelöst
  • Symptome in mehr als einem Organsystem
  • Untersuchungsbefunde normal

Nach seiner Definition beginnt MCS durch eine Expositionssituation gegenüber Umweltstoffen, an die sich der Betroffene genau erinnern kann. Heute ist diese Ansicht nicht mehr von Bedeutung. Von den Betroffenen wird eher angegeben, dass man der Exposition über einen längeren Zeitraum ausgesetzt war.

Namensgebung: Multiple Chemikalienunverträglichkeit oder idiopathische Umweltintoleranz?

Von Fachleuten wird anstelle von „Multipler Chemikalienunverträglichkeit“ der eher neutrale Terminus „Idiopathische Umweltintoleranzen“ (engl. Idiopathic Environmental Intolerances, kurz IEI) vorgeschlagen. Der Begriff „idiopathisch“ würde berücksichtigen, dass es sich um eine Unverträglichkeit mit ungeklärter Ursache handle. Dieser Begriff konnte sich jedoch weder in der Forschung noch in der Praxis durchsetzen.

ICD 10-Klassifikation

In der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD 10) wird MCS im Diagnosenthesaurus erwähnt und mit der Schlüsselnummer T78.4 gekennzeichnet.
Im Systematischen Verzeichnis des ICD 10 steht unter T78.4:

Allergie, nicht näher bezeichnet

  • Allergische Reaktion o.n.A.
  • Idiosynkrasie o.n.A.
  • Überempfindlichkeit o.n.A.

Diese Zuordnung des MCS-Phänomens zu T78.4 "Allergie, nicht näher bezeichnet" wird sowohl von vielen umweltmedizinisch tätigen Medizinern und Wissenschaftlern als auch von MCS-Selbsthilfeverbänden als unglücklich empfunden.
Die Erwähnung von MCS im ICD-10-Diagnosenthesaurus bedeutet nicht, dass MCS  eine Anerkennung als "durch Umweltnoxen bedingte Krankheit" erfahren hat. Von Betroffenenverbänden wird dies allerdings meist anders gesehen.
MCS wird in Deutschland nicht als Berufskrankheit anerkannt.

Häufigkeit

Aufgrund der fehlenden Krankheitsdefinition sind genaue Angaben zur Häufigkeit („Prävalenz“) schwierig. Die selbstberichtete Krankheitshäufigkeit von MCS liegt in Deutschland bei ca. 9%, die ärztlich diagnostizierte Prävalenz bei ca. 0,5%. In den USA sind 15% laut Eigenaussage von MCS betroffen, 2,5% haben die Diagnose MCS von einem Arzt gestellt bekommen.

Frauen sind eher von MCS betroffen als Männer (Hausteiner-Wiehle et al. 2012).
Häufig werden neben MCS Allergien (insbesondere auf Medikamente) und psychische Störungen beobachtet.

Entstehung und Ursachen

Zur Entstehung von MCS gibt es zwei Kerntheorien:

  1. Es besteht ein Kausalzusammenhang zwischen Umweltstoffen und Beschwerden.
  2. MCS ist eine Manifestationsform funktioneller Syndrome, bei denen eine Fehlattribution auf Umweltschadstoffe besteht.

Es existieren aber auch weitere Erklärungsansätze, zum Beispiel biologischer Art. MCS könnte eine Überreaktion des Immunsystems sein oder es handelt sich um eine biologische Prädisposition, z. B. aufgrund der individuellen Ausstattung mit Enzymen für die Biotransformation ("Entgiftung"). Infrage kommen auch psychosoziale und soziokulturelle Erklärungsansätze. Bisher gibt es für diese Theorien keine Belege und es wird als unwahrscheinlich angesehen, dass jemals die Ursache für MCS gefunden wird (Hausteiner-Wiehle et al. 2012).

Diagnostik

Die Diagnose bei MCS stützt sich auf vier Pfeiler:

  1. Wie bei anderen Erkrankungen auch, spielt bei MCS die Anamnese, also die Erhebung der Krankengeschichte, eine wesentliche Rolle.
  2. Mittels der Differentialdiagnostik wird die Abgrenzung von MCS zu anderen Erkrankungen mit ähnlicher oder übereinstimmender Symptomatik vorgenommen.
  3. In der Simultandiagnostik werden gleichzeitig (=simultan) körperliche und psychosoziale Krankheitsaspekte berücksichtigt. Darüber hinaus werden auch Wechselwirkungen beachtet.
  4. Zentral für die Diagnostik von MCS ist die Zusammenhangsbeschreibung zwischen den auftretenden Beschwerden und den auslösenden Chemikalien.

Therapie

Für MCS gibt es bisher kein charakteristisches Beschwerdebild, eine Abgrenzung gegenüber anderen Erkrankungen bzw. gesundheitlichen Störungen kann nicht klar vorgenommen werden. 

„Die Attribution auf Chemikalien sollte kritisch geprüft, aber nicht vorschnell als illegitim beurteilt werden. Angesichts einer erheblichen Komorbidität mit verschiedenen psychischen Erkrankungen (v. a. Angst und Depression), anderen funktionellen Syndromen (z. B. Reizdarm- und Fibromyalgie- Syndrom) und einer Reihe von differenzialdiagnostisch relevanten, klar definierten somatischen (z. B. Allergie oder Asthma) und psychischen Erkrankungen (z. B. Panikstörung) sollte zunächst eine breite und sorgfältige Differenzialdiagnostik erfolgen und mit dem „Label“ MCS vorsichtig umgegangen werden. So lange es für keines der vielfältigen Therapieangebote für MCS (vor allem Vermeidungs- und Entgiftungs-, aber auch verschiedene psychotherapeutische Ansätze) wissenschaftliche Wirkungsnachweise gibt, sollte die Therapie vorwiegend bewältigungsorientiert erfolgen. Dabei sollten so wenige Vermeidungsempfehlungen wie möglich gegeben werden, da diese Ängste weiter verstärken, negative Folgen für das Sozial- und Arbeitsleben haben und nicht selten mit erheblichen finanziellen Belastungen für die Patienten einhergehen. Komorbide Erkrankungen sollten rechtzeitig erkannt und leitliniengerecht behandelt werden“ (Hausteiner-Wiehle et al. 2012, Hervorhebung durch das ALLUM-Redaktionsteam).

Studien zur Multiplen Chemikalienunverträglichkeit

Im Folgenden finden sich Ergebnisse ausgewählter Studien und Publikationen zum Thema „Multiple Chemikalienunverträglichkeit“ in chronologischer Reihenfolge. 

Fazit des Fachgesprächs zu MCS am 4. September 2003 im Umweltbundesamt:

"Nach wie vor ist das Beschwerdebild von MCS und seine Abgrenzung gegen andere gesundheitliche Störungen unklar. Ungeklärt ist auch, ob chemische Stoffe aus der Umwelt Auslöser für MCS sind."

Fazit der MCS-Verbundstudie ("RKI-Studie") (Januar 2006):

"Weiterhin findet man bei den Patienten kein für das "MCS-Phänomen" charakteristisches Symptommuster; ebenso gelingt es nicht, einen Zusammenhang zwischen geklagten Beschwerden und angeschuldigten Noxen herzustellen; auch für die immer wieder vermutete besondere genetische Disposition der MCS-Patienten, Störungen des olfaktorischen Systems oder gar neurogene Entzündungen gibt es weiterhin keine wissenschaftlich fundierten Hinweise. Diese Ergebnisse stimmen im Wesentlichen mit den Erkenntnissen im internationalen Forschungsbereich überein. ... Konsens herrscht auf jeden Fall darüber, dass MCS-Patienten einen hohen Leidensdruck haben und der Hilfe im weitesten Sinne bedürfen."

Fazit der „Studie zum Verlauf und zur Prognose des MCS-Syndroms“ des Aktionsprogramms „Umwelt und Gesundheit“ (Januar 2008):

"Im Rahmen der Studie wurden 291 Umweltambulanzpatienten aus zunächst 6, später 5 umweltmedizinischen Ambulanzen mit Standorten in Aachen, Berlin, Bredstedt, (Freiburg), Gießen, und München untersucht. Die Patienten waren zwischen 22 und 80 Jahre alt, im Mittel 48 Jahre, der Frauenanteil lag bei knapp 70%. Es handelte sich überwiegend um eine „anfallende Stichprobe“, die insbesondere für universitäre Umweltambulanzen repräsentativ erscheint. Die Datengewinnung erfolgte größtenteils im Jahr 2000 und im ersten Halbjahr 2003. Der Basisstudie liegt ein Querschnittdesign mit implementiertem Fall-Kontroll-Segment (MCS vs. Nicht-MCS) zugrunde. Zur Datengewinnung diente u. a. ein umweltmedizinischer Patientenfragebogen, ein Fragebogen zur psychosozialen Gesundheit und ein ärztlicher Basisdokumentationsbogen. Da MCS- Einstufungen einem beträchtlichen Urteilereinfluss unterliegen, wurde im Rahmen der Studie ein Scoringsystem zur formalen, computergestützten MCS-Fallcharakterisierung entwickelt und eingesetzt. Bei 251 Patienten (86% der Gesamtstichprobe) konnte ein computergestütztes standardisiertes psychiatrisches Interview (CIDI) durchgeführt werden. Darüber hinaus wurden die Patienten des Untersuchungsjahres 2000 nach einem Follow-up-Zeitraum von drei Jahren telefonisch zum Beschwerdenverlauf und zu anderen Merkmalen nachbefragt (Beteiligungsquote 83%).  An einer Unterstichprobe von 205 Patienten wurden molekulargenetische Untersuchungen zur „Suszeptibilität bei MCS“ durchgeführt. Eine Teilstichprobe von 47 Patienten unterzog sich einem standardisierten Riechtest („Sniffin’ Sticks“). Eine ergänzende Pilotstudie zur Frage einer „neurogenen Entzündung bei MCS“ konnte an einer kleinen Unterstichprobe von 19 Patienten und einer ebenso großen Kontrollgruppe realisiert werden. 
Die hypothesengeleitete Datenauswertung ergab für das MCS-Phänomen kein charakteristisches Symptommuster, keinen systematischen Zusammenhang zwischen geklagten Beschwerden und angeschuldigten Noxen, keinen Hinweis auf eine besondere genetische Prädisposition der MCS-Patienten und keinen Beleg für eine eindeutige Störung des olfaktorischen Systems oder eine neurogene Entzündung. Die standardisierte psychiatrische Diagnostik (CIDI) ergab, dass Umweltambulanzpatienten signifikant häufiger unter psychischen Störungen leiden als die vergleichbare Allgemeinbevölkerung und dass die psychischen Störungen bei den meisten Patienten den umweltbezogenen Beschwerden weit vorausgehen."(Hervorhebung: ALLUM-Redaktionsteam).

Fazit der Studie „Pathophysiology of multiple chemical sensitivity [In French]“ (2013)

"Patients with symptoms of MCS are often encountered by pulmonologists. Their suffering is undeniable but, unfortunately, the lack of understanding of the pathophysiological mechanisms makes treatment difficult and empirical." (sinngemässe Übersetzung:  "Patienten mit MCS Symptomen suchen häufig Pulmologen auf. Ihre Beschwerden sind real, aber das Fehlen eines Pathomechanismus erschwert ihre Behandlung und beschränkt sie auf empirische Ansätze").

MCS und Elektrosensibilität

Gibt es hier Analogien und/oder Zusammenhänge? Hierzu mag das Ergebnis einer Studie der Universität Mainz aus dem Jahr 2008 zur Elektrosensibilität von Interesse sein, die im Rahmen des Deutschen Mobilfunk Forschungsprogramms durchgeführt wurde. Hier wurden elektrosensible Personen im Hinblick auf Begleitfaktoren bzw. -erkrankungen, wie z.B. Allergien und erhöhte Belastung mit bzw. Empfindlichkeit gegenüber Schwermetallen und Chemikalien (MCS) untersucht. 

Ein EMF-spezifisches Beschwerdemuster konnte trotz der hohen Anzahl untersuchter Personen (130 Elektrosensible, 101 Kontrollen) nicht ermittelt werden. Bei einigen klinisch-chemischen Parametern fanden sich Unterschiede zwischen den Elektrosensiblen und den Kontrollpersonen, diese lagen aber innerhalb der Normbereiche und wurden von Ärzten als klinisch nicht bedeutsam eingestuft. Eine besondere Belastung mit Allergien und Chemikalien und eine verringerte Entgiftungskapazität der Leber wurde nicht beobachtet. Personen mit (selbstberichteter) Elektrosensibilität litten weitaus häufiger an so genannten somatoformen Störungen, d.h. an Störungen, für die keine oder keine adäquate körperliche Ursache gefunden werden kann.

MCS und Chronic-Fatigue-Syndrom

Zu Ähnlichkeiten mit dem Chronic-Fatigue-Syndrom und zu dessen Abgrenzung zu MCS finden sich hier nützliche Informationen.

Stand: 31. März 2015 - 14:40 Uhr

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