Urtikaria-Formen

Die Urtikaria tritt in unterschiedlichen Erscheinungsformen auf. Ärzte unterscheiden vier Hauptgruppen:

  • spontane, nicht induzierbare Urtikaria
    • akute Urtikaria
    • chronische Urtikaria
  • induzierbare Urtikaria
    • physikalische Urtikaria
    • andere Unterformen

Akute Urtikaria

Etwa 10-25% aller Menschen sind im Laufe ihres Lebens mindestens einmal von einer akuten Nesselsucht betroffen. In den meisten Fällen kommt es nach plötzlich und stark auftretenden Beschwerden innerhalb weniger Tage zu einer allmählichen Besserung der Symptome. Je nach Stärke der Beschwerden können Antihistaminika, kortisonhaltige Lotionen und gegebenenfalls auch Kortisontabletten über einen kurzen Zeitraum die Heilung beschleunigen. Oft sind Infekte für die akute Nesselsucht verantwortlich, selten sind Allergien im Spiel. Der Auslöser für die akute Urtikaria bleibt oft unentdeckt. Wenn die Symptome schnell wieder verschwinden, ist eine eingehende Diagnostik nicht erforderlich.

Chronische Urtikaria

Die chronische Urtikaria dauert mehr als 6 Wochen. In dieser Zeit treten die Symptome täglich oder in wiederkehrenden Schüben auf. Dazwischen können beschwerdefreie Episoden liegen. Für eine Heilung der chronischen Urtikaria ist es unbedingt notwendig, nach den Auslösern zu suchen. Diese können allergischer oder pseudoallergischer Natur sein. Auch Infektionen oder autoreaktive Erkrankungen können eine chronische Urtikaria verursachen. Die Diagnose kann sich sehr aufwendig gestalten. Eine genaue Anamnese der Vorgeschichte ist unbedingt notwenig. Hier kann ein Urtikariatagebuch wertvolle Unterstützung leisten.

Mit der Beseitigung der Auslöser kann die chronische Urtikaria geheilt werden. Allerdings ist der Auslöser nicht immer vermeidbar.

Induzierbare Urtikaria

Unter diesem Begriff werden alle Urtikariaformen zusammengefasst, die durch äußere Reize entstehen. Bei manchen Menschen quaddelt die Haut, wenn sie mit kalter Luft oder kalten Gegenständen in Berührung kommt. Andere werden von besonders warmen Gegenständen ausgelöst. In wieder anderen Fällen kommt es durch körperliche Belastung, Schwitzen oder Licht zur Quaddelbildung. Besonders heimtückisch ist die so genannte „Kratzurtikaria“. Durch Scheuern oder Kratzen entstehen Quaddeln und Juckreiz. Der Juckreiz wiederum provoziert neuerliches Kratzen der Betroffenen, wodurch neue juckende Quaddeln entstehen. Die Betroffenen benötigen eine gute Therapie und viel Selbstdisziplin, um einen Schub zu verhindern.

Die nachfolgende Tabelle gibt einen Überblick über die Einteilung der Urtikaria in verschiedene Formen und deren Auslöser (Quelle: Hagen Ott, 2013):

Urtikariaform Unterform assoziierte Grunderkrankung*, Auslöser
nicht-induzierbar
spontane Urtikaria akute spontane Urtikaria Infektion, Allergie
chronische spontane Urtikaria Autoimmunität, Infektion, Pseudoallergie
induzierbar
physikalische Urtikaria Kälteurtikaria kalte Gegenstände, Luft, Flüssigkeit
Wärmeurtikaria lokalisierte Wärme
verzögerte Druckurtikaria statischer Druck
Urticaria factitia, dermographische Urtikaria Scherkräfte
vibratorische Urtikaria Vibrationen
Lichturtikaria UV-Licht, sichtbares Licht
weitere Urtikariatypen aquagene Urtikaria Wasser
cholinergische Urtikaria Erhöhung der Körperkerntemperatur
Kontakturtikaria Kontakt mit urtikariogenen Substanzen
anstrengungsinduzierte Urtikaria körperliche Anstrengung
* Eine assoziierte Grunderkrankung ist im Kindesalter bei einer akuten Urtikaria häufig, aber bei einer chronischen Urtikaria nur selten vorhanden bzw. klinisch relevant

Im Infokasten "Zusätzliche Informationen" werden einige Urtikariatypen im Detail beschrieben.

Zusätzliche Informationen: 

IgE-vermittelte Urtikaria

Die häufigste Ursache der akuten Urtikaria ist die durch IgE-Antikörper vermittelte Urtikaria. Auslöser sind meist Nahrungsmittel und Inhalationsallergene (Pollen, Tierallergene), aber auch Insektengifte und Medikamente (Penicillin). Daneben kann eine Urtikaria auch durch die Vermittlung anderer Faktoren des Immunsystems, z. B. des Komplementsystems ausgelöst werden.

Urtikaria durch Schmerzmittel- und Konservierungsmittelunverträglichkeit

Schmerzmittel vor allem Acetylsalicylsäure und auch einige Farbstoffe können Auslöser für urtikarielle Symptome sein. Hier spielen Allergien keine direkte Rolle (nicht IgE-vermittelt). Von dieser Urtikariaform sind vor allem Jugendliche und Erwachsene betroffen.

Parainfektiöse Urtikaria

Ebenfalls häufig, vor allem im Kindesalter, ist die eine Infektion begleitende ("parainfektiöse") Urtikaria. Im Rahmen von meist banalen Infekten kommt es zu einer Histaminfreisetzung und zu flüchtigen Urtikariasymptomen. Gesichert sind solche Zusammenhänge bei viralen Infektionen und auch Infektionen mit Parasiten (Wurminfektionen). Aber auch bei bakteriellen Infektionen z. B. mit Staphylokokken und Streptokokken scheint die Auslösung einer parainfektiösen Urtikaria möglich.

Autoimmunurtikaria

Bei der Mehrzahl der Patienten mit einer chronischen Urtikaria blieb die Ursache trotz ausgedehnter Diagnostik unklar (idiopathisch). Neuere Studien konnten nun zeigen, dass bei diesen Patienten eine Autoimmunerkrankung vorliegt. Das Immunsystem bildet Antikörper gegen den IgE-Rezeptor an den Mastzellen und dadurch werden die Symptome ausgelöst.

Induzierbare Urtikaria

Physikalische Urtikaria

Unterschiedliche physikalische Faktoren wie Druck, Wärme, Licht, Wasser und Vibrationen sind in der Lage, an der Haut urtikarielle Erscheinungen auszulösen. Sie sind vor allem bei Patienten mit chronischen Krankheitsverläufen als ursächlich zu bedenken. Inzwischen stellt die physikalische Urtikaria neben der akuten und chronischen eine eigene Untergruppe dar, da es sich bei der physikalischen Urtikaria zwar um eine chronische Form handelt, die Patienten jedoch unter Meidung des Auslösers lange symptomfrei bleiben.

Dermographismus

Durch bestreichen oder Kratzen der Haut können Quaddeln und Rötungen an den gereizten Stellen entstehen und so Muster bilden. Die Latenzzeit, die Dauer der Symptomatik und die Stärke des Juckreizes variieren je nach Patient deutlich.

Generalisierte oder cholinergische Urtikaria

Dieses Krankheitsbild tritt vor allem bei Jugendlichen auf. Typisch für diese Urtikaria sind die kleinen, stecknadelkopfgroßen Quaddeln von nur wenigen Millimetern Durchmesser. Die Quaddeln entwickeln sich auf einer Hautrötung, die vor allem auf der Brust, dem Rücken und den Extremitäten auftreten. In einzelnen Fällen kommen zusätzlich Kopf- und Bauchschmerzen, Schwindel und Luftnot hinzu. Die Symptomatik tritt jugendlichen Alter über durchschnittlich 6 Jahre immer wieder auf.

Typische Auslöser für diese Urtikariaschübe sind sportliche Aktivitäten, heißes Duschen, Schwitzen und Angst. Die Symptome führen oft zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität und sind eine starke Belastung für betroffene Patienten. Die typischen Hauterscheinungen können z. B. durch einen Belastungstest (Laufband) in einem warmen Raum provoziert werden.

Kälteurtikaria

Wenn sie Kälte ausgesetzt sind, entwickeln die Patienten urtikarielle Symptome. Kalte Luft, Gegenstände oder auch Getränke und Speisen können auslösend wirken. So führt z. B. das Auflegen eines Eiswürfels auf die Innenseite des Unterarms für 10 Minuten zur Auslösung einer Quaddel an dieser Stelle. Diese Methode wird zur, was man für die Diagnosestellung  einer Kälteurtikaria einsetzt.

Urtikariaähnliche Formen

Genetische bedingte Urtikariaformen

Zu den genetisch bedingten Sonderformen der Urtikaria gehört das Hereditäre angioneurotische Ödem. Diese Erkrankung geht mit wiederkehrenden Schwellungen der Haut und Schleimhäute einher, die z. B. in Zusammenhang mit Verletzungen auftreten. Charakteristischerweise jucken diese Quaddeln nicht. Obwohl die Erkrankung genetisch bedingt ist, beginnen die Attacken nur zu etwa 50% im Kindesalter. Jede individuelle Schwellung verläuft in der Regel über 2 – 3 Tage. Gefährlich sind dabei starke Schleimhautschwellungen im Bereich des Kehlkopfes und der Luftröhre, die lebensbedrohlich werden können.

Urtikaria pigmentosa

Die Urtikaria pigmentosa ist eine Spezialform der Mastozytose. Der Begriff Mastozytose steht für eine Gruppe von seltenen Erkrankungen, bei der die Zahl der Mastzellen vermehrt ist. Die Urtikaria pigmentosa tritt zu über 90% in den ersten sechs Lebensmonaten auf. Die Patienten fallen durch gelblich-braune dunkle Hautflecken auf. Im Bereich dieser Flecken kommt es durch mechanische Reize, wie Druck oder Reibung, wiederkehrend zu Quaddeln. Diese Form der Mastozytose verläuft in der Regel gutartig und verschwindet nach einigen Jahren. Tritt die Urtikaria pigmentosa allerdings nach dem 10. Lebensjahr auf, so ist das Risiko einer späteren ungünstigen Ausbreitung dieser Mastzellvermehrung auch auf die inneren Organe möglich.

Stand: 23. Januar 2018 - 12:33 Uhr

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