Leitlinien für die Innenraumluftqualität der WHO

Verschiedene physikalische, chemische und biologische Faktoren beeinflussen die Innenraumluft. © Rainer Sturm / pixelio.de.Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) stellt Leitlinien für mehrere Chemikalien in der Innenraumluft bereit, die als Empfehlungen für Länder bei der Definition rechtsverbindlicher Standards zur Aufrechterhaltung der Innenraumluftqualität dienen sollen.

Nachstehend folgen Erläuterungen zu den Schadstoffen Benzol, Kohlendioxid, Formaldehyd, Naphthalin, Stickstoffdioxid, Polyzyklische Kohlenwasserstoffe (PAK), Radon, Trichlorethylen und Tetrachlorethylen:

Benzol

Die Konzentration von Benzol ist in Innenräumen oft höher als in der Außenluft, da Benzol von außen nach innen eindringt und Emissionsquellen in den Räumen zusätzlich Benzol absondern. Die Aufnahme des genotoxischen und karzinogenen Benzols erfolgt hauptsächlich über die Lungen.

Obwohl die Benzol-Konzentrationen in Innenräumen normalerweise unterhalb des niedrigsten Wertes liegen, für den ein nachhaltiger gesundheitlicher Effekt nachgewiesen werden kann, sollte Benzol bei der Schadstoffanalyse der Innenraumluft berücksichtigt werden.

Da keine Empfehlung für eine gesundheitlich unbedenkliche Konzentration (Schwellenwert) gegeben werden kann, sollten Tätigkeiten, die Benzol in die Raumluft freisetzen, so weit wie möglich reduziert bzw. eliminiert werden. Hierzu zählen u.a. das Rauchen, der Einsatz von bestimmten Lösungsmitteln oder die Verwendung von Baustoffen, die Benzol abgeben.

Kohlenmonoxid

Bei einer Kohlenmonoxidexposition ist zwischen einer chronischen und einer akuten Exposition zu unterscheiden. Allgemein führen hohe Kohlenmonoxidkonzentrationen zu einer verringerten körperlichen Leistungsfähigkeit, einem höheren Risiko für ischämische Herzerkrankungen und im Extremfall zum Tod.

Studien von 2009 zeigen, dass bei einer längerfristigen, mittleren Exposition die Konzentration unter 10 mg/m3 bei achtstündiger Exposition liegen sollte. Die WHO empfiehlt daher folgende Konzentrationen nicht zu überschreiten:

  • 100 mg/m3 bei 15 min. Exposition
  • 35 mg/m3 bei 1 h Exposition (leichte körperliche Betätigung; max. einmal pro Tag)
  • 10 mg/m3 bei 8 h Exposition (mittlere Konzentration; leichte bis mäßige körperliche Betätigung)
  • 7 mg/m3 bei 24 h Exposition (mittlere Konzentration; bei wachen und aufmerksamen, aber nicht körperlich aktiven Personen)

Formaldehyd

Über die Innenraumluft wird der größte Anteil an Formaldehyd inhaliert. Eine Konzentration von 0,6 mg/m3 führt am Auge zu einer Zunahme der Blinzelfrequenz und zu Bindehautrötungen. Dieser Wert dient als Grundlage zur Errechnung des Schwellenwertes von 0,1 mg/m3, von dem angenommen wird, dass weder bei Erwachsenen noch Kindern eine Sensibilität vorhanden ist oder eine Sensibilisierung entsteht. Daher empfiehlt die WHO eine Exposition von 0,1 mg/m3 pro 30-Minuten-Intervall während eines Tages nicht zu überschreiten.

Langfristige Effekte wie z.B. eine Krebsentstehung (Nasen-Rachenraum, myeloische Leukämie) werden bei einer Konzentration von 0,2 mg/m3 hervorgerufen und liegen damit oberhalb des empfohlenen Wertes von 0,1 mg/m3. Langfristige gesundheitliche Auswirkungen werden somit nach Ansicht der WHO verhindert.

Um die Formaldehydkonzentrationen auf Dauer zu verringern, können Baumaterial und andere Produkte mit geringer Emission verwendet, Passivrauch und andere Verbrennungsprodukte (auch: Biothenal-Kamine) vermieden werden. Hohe Konzentrationen können sofort durch Lüften verringert werden.

Naphthalin

Eine Exposition mit Naphthalin kann zu Atemwegsläsionen, inklusive Tumoren in den oberen Atemwegen und einer hämolytischen Anämie führen. Aus ausführlichen Studien schloss die WHO auf einen Jahresmittelwert von 0,01 mg/m3.

Die Naphthalin-Werte steigen in der Innenraumluft bei einem Gebrauch von naphthalinhaltigen Mottenkugeln stark an. Damit die Naphthalin-Konzentration in der Innenraumluft gesenkt wird, sollten naphthalinhaltige Mottenkugeln möglichst nicht benutzt werden. Ohne die genannten Naphthalinquellen sinkt die Naphthalin-Konzentration auf knapp über die Nachweisgrenze von 1 µg/m3.

Stickstoffdioxid

Die WHO empfiehlt einen Richtwert von 200 mg/m3 als 1-Stunden-Mittel anzuwenden. Ab etwa der doppelten Konzentration beginnt die Lungenfunktion bei Asthmatikern abzunehmen und die Atemwege werden sensibilisiert. Eine abweichende Bewertung von Innenraumluft und Außenluft ist nach Ansicht der WHO nicht nötig. Als Jahresmittelwert werden 40 mg/m3 empfohlen.

Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK)

PAK bestehen aus einem Gemisch verschiedener Verbindungen, deren Zusammensetzung je nach Ort variiert. Gebunden an Luftpartikel, werden PAK hauptsächlich über die Lunge aufgenommen. Manche der PAK sind starke Karzinogene, wobei der Lungenkrebs als häufigste Krebsart auftritt.

Aufgrund dieser Schwierigkeiten wird Benzo(a)pyren als Indikatorsubstanz herangezogen, zumal viel über dessen Toxikologie bekannt ist, Benzo(a)pyren eines der stärksten Karzinogene der PAK ist und in vielen Studien als Indikatorverbindung Verwendung findet.

Wenn Benzo(a)pyren in der Innenraumluft verringert wird, sollten nach Ansicht der WHO  andere gesundheitsschädliche Wirkungen, die auf PAK zurückgeführt werden, ebenfalls abnehmen. 

Radon

Epidemiologische Studien in Wohnungen zeigen einen Zusammenhang zwischen Radon und einem Risiko für Lungenkrebs auf, können aber keinen Schwellenwert angeben. Bei einer Langzeitexposition über 30 Jahre mit zusätzlichen 100 Bq/m3 steigt das relative Risiko um 16 %, ist aber davon unabhängig, ob jemand Raucher, Ex-Raucher oder lebenslanger Nichtraucher ist.

Das absolute Lungenkrebsrisiko und das kumulative Sterberisiko sind dagegen bei Rauchern deutlich höher als bei Nichtrauchern, das Risiko für Ex-Raucher liegt zwischen dem Risiko der Raucher und dem der Nichtraucher und ist davon abhängig, wie lange das Rauchen zurückliegt.

Aufgrund neuester Erkenntnisse schlägt die WHO einen Referenzwert von 100 Bq/m3 vor, um die Gesundheitsgefährdung so niedrig wie möglich zu halten. Sollte dieser Wert wegen örtlicher Gegebenheiten nicht eingehalten werden können, sollte der Referenzwert von 300 Bq/m3 (10 mSv pro Jahr nach neuesten Berechnungen der Internationalen Strahlenschutzkommission) nicht überstiegen werden.

Trichlorethylen

In der Vergangenheit wurden Studienergebnisse bezüglich der Toxizität von Trichlorethylen und des Krebsrisikos unterschiedlich bewertet. Aus diesem Grund werden in die gesundheitliche Bewertung von Trichlorethylen durch die WHO neue Kenntnisse mit einbezogen. Beachtet wurden ein von der Art unabhängiger Wirkmechanismus, eine schwache nachgewiesene Genotoxizität und das Auftreten bestimmter Krebsarten sowohl bei Menschen als auch bei Tieren (siehe "Zusätzliche Informationen" am Seitenende).

Tetrachlorethylen

Ein Leitlinienwert wird zurzeit mit einer Beeinträchtigung verhaltensneurologischer Leistungen und Veränderungen der Niere begründet. Die epidemiologische Beweislage ist dagegen fragwürdig, bei Tieren beobachtete Tumore werden als nicht humanrelevant eingeordnet und es gibt keinen Hinweis auf eine Genotoxizität.

Nach Ansicht der WHO ist der Nutzen eines Kurzzeitwertes weniger geeignet, da akute Effekte erst in sehr hoher Konzentration (340 mg/m3) auftreten. Stattdessen stellt ein Langzeitwert einen besseren Schutz für die Gesundheit dar. Die WHO empfiehlt einen Richtwert von 0,25 mg/m3 im Jahresmittel.

Tabellarische Übersicht der Empfehlungen zu den oben aufgeführten Chemikalien:

Schadstoffe

Empfehlung

Bemerkungen

Benzol

Empfehlung für sichere untere Belastungsgrenze nicht möglich.

  • häufig hohe Konzentrationen in Innenraumluft
  • Aufnahme über Lungen
  • genotoxisch
  • karzinogen

Kohlenmonoxid

  • 100 mg/m3 in 15 min.
  • 35 mg/m3 in 1 h
  • 10 mg/m3 in 8 h
  • 7 mg/m3 in 24 h
  • hohe Konzentrationen häufig Ursache für tödliche Unfälle
  • erhöhte Konzentrationen
    • verursachen verringerte Beweglichkeit
    • erhöhen Risiko für ischämische Herzerkrankungen

 

Formaldehyd

empfohlene Höchstkonzentration von durchschnittlich 0,1 mg/m3 in 30 min

  • Quellen besonders in Innenräumen
  • empfohlene Höchstkonzentration
    • soll vor sensorischen Irritationen schützen
    • dient der Prävention vor Folgen einer Langzeitbelastung für die Lungenfunktion oder dem Risiko einer Krebserkrankung

Naphthalin

Belastungsgrenze bei 0,01 mg/m3 im Jahresdurchschnitt

  • begründet mit Schädigungen der Atemwege

Stickstoffdioxid

Belastungsobergrenze von 40 mg/m3 im Jahresdurchschnitt

  • eine Vielzahl an Atemwegserkrankungen möglich

Polyzyklische Kohlenwasserstoffe (PAK)

Empfehlung eines unteren Belastungswertes ist nicht möglich.

  • größtes Risiko Lungenkrebs
  • Benzo(a)pyren eines der stärksten Karzinogene

Radon

keine sichere Untergrenze

  • karzinogen
  • Gewohnheitsraucher besitzen ein vielfach höheres Lungenkrebsrisiko als Nichtraucher

Trichlorethylen

keine Grenzwertempfehlung

  • plausibles Krebsrisiko

Tetrachlorethylen

empfohlene Höchstmenge 0,25 mg/m3 im Jahresdurchschnitt

  • höhere Belastung kann zu Nierenschäden und Schädigungen der Nervenleistung führen
Zusätzliche Informationen: 

Aufgrund der Kanzerogenität von Trichlorethylen bei Tieren, positiver epidemiologischer Studien und eines plausiblen Krebsrisikos beim Menschen empfiehlt die WHO einen Ansatz ohne Schwellenwert mit einer Risikoabschätzung statt eines sicheren Schwellenwertes, der eine gesundheitliche Unbedenklichkeit anzeigen würde.

Stand: 13. Oktober 2020 - 12:13 Uhr

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