Wahrnehmung und Gesundheitsrisiken

Wahrnehmung von Infraschall

Bereits unterhalb von 100 Hz verändern sich die Qualität und die Art der Wahrnehmung: Töne werden deutlich schlechter und unterhalb von 50 Hz gar nicht mehr gehört. Manche Menschen können aber auch Töne mit deutlich tieferen Frequenzen hören. Für sie kann daher ein Ton, der für die meisten Menschen unhörbar ist, unerträglich laut erscheinen. Es zeichnet sich ab, dass das menschliche Ohr wesentlich empfindlicher gegenüber Infraschall und tieffrequentem Schall ist, als bisher vermutet wurde.

Hörbare und nicht hörbare tieffrequente Schallimmissionen werden häufig als Ohrendruck, Vibrationen, Angst- oder Unsicherheitsgefühl beschrieben. Generell gilt: je tiefer die Frequenz ist, desto höher muss der Schalldruckpegel (gemessen in Dezibel) sein, damit der Mensch etwas von dem Schall hört. Allerdings ist der Übergang vom Hören zum ausschließlichen Fühlen fließend.

Die Ortung von Infraschallquellen gestaltet sich schwierig, da der Ohrabstand deutlich kleiner als die Wellenlänge ist. Eine Ortung ist mit speziellen "Mikrofonarrays" (einem Netz von Mikrofonen in großem gegenseitigem Abstand) möglich.

Wenn der Ton nicht mehr hörbar ist, können Menschen tieffrequenten Schall dennoch wahrnehmen. Mechanorezeptoren vermitteln Druck-, Berührungs-, Kitzel- und Vibrationsreize. Mechanorezeptoren sind bestimmte Nervenzellen, die im ganzen Körper verteilt sind und mechanische Kräfte in Nervenimpulse umwandeln.

Eine eindrucksvolle Darstellung der Wahrnehmung und Erzeugung von Infraschall durch Tiere findet sich bei http://www.birds.cornell.edu/brp/elephant/cyclotis/language/infrasound.html

Gesundheitsrisiken durch Infraschall

Grundsätzlich sind alle Menschen tieffrequentem Schall ausgesetzt, da tieffrequenter Schall allgegenwärtig und Bestandteil des modernen Lebens ist. Unterhalb eines Schalldruckpegels von 170 Dezibel (dB) (was im hörbaren Bereich lauter als ein startendes Flugzeug wäre) konnte keine schädigende Wirkung auf die menschliche Gesundheit nachgewiesen werden. Beschwerden wie Abnahme der Konzentrationsfähigkeit sind eher als Folge einer Belästigung zu werten, die nach der Exposition auch wieder verschwinden.

Speziell für den Infraschall (unter 20 Hz) gibt es einige wenige Laboruntersuchungen. Sie weisen nach, dass Infraschall ermüdend und konzentrationsmindernd wirken sowie die Leistungsfähigkeit beeinflussen kann. Auch das Gleichgewichtssystem wurde in den Laborversuchen beeinträchtigt. Als die am besten nachgewiesene Reaktion des Körpers auf Infraschall gilt eine zunehmende Müdigkeit nach mehrstündiger Exposition.

Manche Menschen reagieren besonders aufmerksam und sensibel auf tieffrequenten Schall. Die Betroffenen leiden an einer Zwangsaufmerksamkeit, aufgrund derer sie sich immer auf den tieffrequenten Schall konzentrieren müssen. Dies kann unter anderem zur chronischen Erschöpfung und Schlaflosigkeit führen. Dieses Phänomen ist in der Umweltmedizin ein nicht zu vernachlässigender Faktor.

Belästigung

Der primäre Effekt von tieffrequentem Schall scheint beim Menschen die Belästigung zu sein. Die sich daraus ergebenden Symptome erstrecken sich über ein weites Spektrum: Kopfschmerzen, Verspannungen, Verärgerung, geistige und körperliche Erschöpfung, Unzufriedenheit, Konzentrationsstörungen, Störung des Nachtschlafs. In einer Studie über Bürgerbeschwerden konnten die meisten Personen den Schall nicht hören. Doch fast alle beschrieben eine sensorische Wahrnehmung in Form von Körper- oder Objektvibrationen (Møller & Morten, 2002).

Betroffenheit der Bevölkerung durch Infraschall

Im Auftrag des Umweltbundesamtes wurde eine Betroffenheitsanalyse durchgeführt. Tendenziell wurden in Süddeutschland, im Ruhrgebiet und in Berlin vermehrt Beschwerden über Infraschall und tieffrequente Geräusche gemeldet.

Grund für die Beschwerden waren vorwiegend Anlagen der Energieerzeugung bzw. -transport (33,0%) und Raumlufttechnische Anlagen (22,8%). Von den Anlagen der Energieerzeugung bzw. –transport waren Biogasanlagen (8,4%), Blockheizkraftwerke (6,5%) und Windenergieanlagen (3,3%) die häufigsten Quellenarten. Häufigster Anlass für Beschwerden waren Wärmepumpen (9,3%).

In der unteren Abbildung wird die Verteilung auf die Quellengruppen illustriert. 

Nach Krahé, Schreckenberg, Ebner, Eulitz & Möhler (2014) (Angaben in Prozent)

Weitere Informationen zur "Machbarkeitsstudie zu Wirkungen von Infraschall" des Umweltbundesamtes finden sich hier.

Umweltmedizinisches Paradoxon

Oftmals sind es ältere Menschen in ruhiger Umgebung, die über Infraschall und tieffrequenten Schall klagen. In der Regel sind Frauen häufiger als Männer betroffen. Untersuchungen zeigen, dass sie nicht über eine besonders niedrige Hörschwelle verfügen.

Die ruhige Umgebung führt offenbar zu einer verstärkten Wahrnehmung von Infraschall, denn paradoxerweise öffnen Betroffene gern die Fenster, "um normalen Außenlärm herein zu lassen" und auf diese Weise die Wahrnehmung/Wirkung des Infraschalls zu verringern.

Stand: 5. September 2018 - 12:34 Uhr

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