Amalgam

Was ist Amalgam?

AmalgamDentalamalgame werden seit mehr als 150 Jahren in der zahnärztlichen Versorgung als Füllungsmaterial benutzt. Sie sind leicht herzustellen, preiswert und gut zu verarbeiten und entsprechen in Bezug auf ihre mechanischen Eigenschaften den Anforderungen, die an ein Füllungsmaterial im kaubeanspruchten Seitenzahnbereich gestellt werden.

Erhebliche Nachteile sind die fehlende Anpassung an die Zahnfarbe und die aus Amalgamen resultierende Quecksilberbelastung (s.u.).

Je nach Zusammensetzung und Korrosionsbeständigkeit der beim Härten entstehenden Kristallphasen unterscheidet man zwischen den älteren Gamma-2-haltigen und den neueren Gamma-2-freien Amalgamen.

Es wird geschätzt, dass etwa ein Viertel der Quecksilberproduktion (ca. 1 000 - 1 500 t pro Jahr) in die Amalgamherstellung fließt (UNEP 2013), allerdings mit fallender Tendenz.

Im Januar 2017 hat der Umweltausschuss des Europäischen Parlaments entschieden, dass ab Juli 2018 Amalgam nicht mehr als Zahnfüllung bei Jugendlichen unter 15 Jahren sowie bei schwangeren und stillenden Frauen eingesetzt werden darf.

Gesundheitsrisiken

Aus Dentalamalgamen werden fortlaufend Quecksilber und andere Schwermetalle in geringen Mengen freigesetzt. Zum einen geben die Füllungen Quecksilberdampf ab, der in der Lunge zu etwa 80 Prozent aufgenommen wird. Dieses elementare Quecksilber wird in den Erythrozyten, der Leber und im Gehirn durch das Enzym Katalase oxydiert. Die amalgambedingte Quecksilberbelastung des Körpers kommt hauptsächlich auf diesem Weg zustande.

Zum anderen tragen auch Abrieb und Korrosionsvorgänge zur Quecksilberbelastung bei. Das metallische Quecksilber aus dem Amalgamabrieb wird im Magen-Darm-Trakt kaum resorbiert und trägt somit nur unwesentlich zur Quecksilberbelastung bei. Die aus der Korrosion stammenden Quecksilbersalze werden zu etwa 10 Prozent aufgenommen. Früher gelangten auf diese Weise zwischen 3,9 und 21 Mikrogramm Quecksilber pro Tag in den Körper, heute beträgt die Belastung etwa 2 bis 3 Mikrogramm (Kommission Human-Biomonitoring 1999, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte 2003). Eine von der Europäischen Kommission eingesetzte Amalgam-Arbeitsgruppe kommt zu dem Schluss, dass die Quecksilbergesamtexposition der meisten Patienten mit Amalgamfüllungen unter 5 Mikrogramm pro Tag liegt.

Legen oder Entfernen von Amalgamfüllungen

Die Quecksilberbelastung beim Legen oder Entfernen von Amalgamfüllungen kann durch geeignete zahnärztliche Maßnahmen (Absaugen, Kofferdamm usw.) minimiert werden. Aus Vorsichtsgründen sollten während der Schwangerschaft, während der Stillzeit und bei Patienten mit schweren Nierenfunktionsstörungen keine Amalgamfüllungen gelegt bzw. entfernt werden.

Kaugummikauen und nächtliches unbewusstes Zähneknirschen (Bruxismus) können die tägliche Aufnahme um den Faktor 5 bis 20 erhöhen.

Auf der Bevölkerungsebene sind Dentalamalgame neben dem Fischkonsum die wichtigste Quelle für die Quecksilberbelastung des Körpers. Von einigen Patienten und Patienteninitiativen werden Dentalamalgame für zahlreiche gesundheitliche Beschwerden, Störungen und Erkrankungen verantwortlich gemacht.

Stellungnahme SCENIHR vom 29. April 2015

Im April 2015 hat SCENIHR, der Wissenschaftliche Ausschuss der EU für neu identifizierte Gesundheitsrisiken eine fachlich ausgewogene Stellungnahme zur Sicherheit von Amalgam und zu Alternativstoffen abgegeben (SCENIHR 2015) - Einzelheiten siehe Kapitel "Kontroverse Diskussion"). 

Diagnostik

Dieses Kapitel enthält detaillierte Empfehlungen, wie eine Allergie gegenüber Dentalamalgamen festgestellt werden kann.

Amalgamallergie und Epikutantest (Hauttest)

Die Informationsschrift des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte stellt hierzu fest (BfArM 2003):

In seltenen Fällen können bei sensibilisierten Personen allergische Erscheinungen auftreten, wobei sich die klassische Amalgamallergie in einer Typ-IV-Immunreaktion, d. h. einer zellvermittelten Reaktion vom Spättyp, äußert. Diese ist durch Haut- oder seltener Schleimhautreaktionen, wie z. B. Exantheme, Urtikaria, ekzematöse Hauterscheinungen oder Stomatitis gekennzeichnet. Trotz der hohen Anzahl weltweit gelegter Amalgam-Füllungen wird derzeit in der wissenschaftlichen Literatur nur eine geringe Zahl von Fällen einer sicher dokumentierten Amalgamallergie beschrieben. Bei Verdacht auf eine Allergie gilt der Hauttest (Epikutantest) als anerkanntes Nachweisverfahren. Dieser sollte durch einen entsprechend qualifizierten Arzt und unter Berücksichtigung der Empfehlungen der Deutschen Kontaktallergiegruppe (DKG) zur Amalgamallergie (1994) durchgeführt werden.

Es ist darauf hinzuweisen, dass positive Reaktionen gegenüber anorganischem Quecksilber im Epikutantest weitaus häufiger als wirkliche Amalgamallergien sind, was als Ausdruck dafür gewertet werden kann, dass die äußere Haut empfindlicher als die Mundschleimhaut auf diese Allergene reagiert. Daher empfiehlt die DKG Amalgamfüllungen nur dann auszutauschen, wenn neben einer eindeutigen ekzematösen Reaktion im Hauttest auch charakteristische Veränderungen an der Mundschleimhaut, wie z. B. Stomatitis, lichenoide Reaktionen oder rezidivierende aphthöse Veränderungen in einem zeitlichen und örtlichen Zusammenhang mit den Füllungen auftreten. In diesen Fällen sollte bei einer erneuten Kavitätenversorgung kein Amalgam mehr verwendet werden.

Der Vorstand der Deutschen Kontaktallergiegruppe (DKG) weist in seiner aus dem Jahre 1994 stammenden Stellungnahme darauf hin, dass der Epikutantest mit standardisiertem Quecksilber(II)-Amidchlorid in Vaseline (1 Prozent) und Amalgam in Vaseline (5 Prozent) durchgeführt werden sollte. Zu fordern sind eine 24- bzw. 48stündige Exposition sowie Spätablesungen nach mindestens 72 Stunden. Der Test sollte nur von erfahrenen, dermatologisch versierten Allergologen vorgenommen werden.

Amalgamallergie und Lymphozytentransformationstest (LTT)

Der Lymphozytentransformationstest (LTT) und seine Modifikationen, wie z.B. der Lymphozytenstimulationstest (memory lymphocyte immunostimulation assay, "MELISA"), stellen in der Diagnostik allergischer Reaktionen gegen Amalgam keine Alternative zum Epikutantest (Hauttest) dar.

Es ist unbestritten, dass eine Exposition gegenüber Metallen zu Autoimmunreaktionen führen kann. Mit Hilfe des LTT können jedoch lediglich Sensibilisierungen nachgewiesen werden, die klinische Bedeutung dieser Sensibilisierung geht aus dem LTT und dessen Modifikationen nicht hervor (Kommission "Methoden und Qualitätssicherung in der Umweltmedizin" am RKI, 2002 und 2007).

Amalgamallergie und unkonventionelle Methoden

Zur Abschätzung einer Belastung durch Amalgam sind unkonventionelle Methoden wie z.B. die Elektroakupunktur nach Voll, die Bioresonanztherapie, die Kinesiologie oder vergleichbare Verfahren nicht geeignet (BfArM 2003).

Biomonitoring

Falls aus umweltmedizinischer Sicht Biomonitoringuntersuchungen angeraten werden, sollte die Quecksilberbestimmung im 24-Stunden-Urin bzw. im Morgenurin ohne Gabe von Komplexbildnern erfolgen. Nähere Informationen zur Bestimmung der Quecksilberbelastungen finden sich hier.

Einsatz von Komplexbildnern (Mobilisationstest)

Oft wird versucht, das Quecksilber in den Zielorganen, insbesondere in der Niere, durch die Gabe von Komplexbildnern (meist DMPS, gelegentlich auch DMSA) zu mobilisieren. Der Komplexbildner soll quasi als "toxikologisches Vergrößerungsglas" wirken und gleichzeitig zur Schwermetallentgiftung beitragen. Allerdings erbringt der Mobilisationstest unter Verwendung eines Komplexbildners keine Erkenntnisse, die über die normale Quecksilberbestimmung im Urin hinausgehen.

Die Urinuntersuchung ist auch ohne Mobilisation empfindlich genug, um eine mögliche Quecksilberbelastung zu erkennen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte weist ausdrücklich darauf hin, dass Komplexbildner zu unerwünschten Wirkungen (Fieber, Schüttelfrost, schwere allergische Hauterscheinungen, Herz-Kreislauf-Symptome, Störungen des Mineralhaushaltes usw.) führen können.

Komplexbildner sind für die Indikation "Amalgamvergiftung" nicht zugelassen (BfArM 2003).

Amalgam und Krebsrisiko

Geht von Amalgamfüllungen möglicherweise ein Krebsrisiko aus? Der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) hält dies für wenig wahrscheinlich (Stellungnahme).

Bei einer etwaigen Krebserkrankung besteht keine medizinische Notwendigkeit, intakte Amalgamfüllungen entfernen zu lassen.

Zusätzliche Informationen: 

Bei der Herstellung von Dentalamalgamen wird ein Legierungspulver, das hauptsächlich aus Silber, Zinn und Kupfer besteht, mit etwa dem gleichen Massenanteil an elementarem Quecksilber vermischt. Der Quecksilbergehalt im fertigen Amalgam liegt also bei ca. 50 %. Beim Erhärten des Amalgams entstehen verschiedene Kristallphasen, die sich unter anderem in ihrer Metallzusammensetzung und in ihrer Korrosionsbeständigkeit unterscheiden. Sie werden als Gamma-1-, Gamma-2- und Eta-Phase bezeichnet. Aus gesundheitlicher Sicht ist besonders die Gamma-2-Phase von Bedeutung. Sie besteht aus unedlem Zinn und Quecksilber, bei Korrosion werden diese beiden Metalle freigesetzt. Gamma-2-freie Amalgame ("non-Gamma-2-Amalgame") enthalten im Legierungspulver einen Silberanteil von mindestens 40 Prozent, maximal 32 Prozent Zinn, maximal 30 Prozent Kupfer, maximal 3 Prozent Quecksilber und maximal 2 Prozent Zink.

Die unedelste und damit am meisten korrosionsgefährdete Kristallphase ist nun quecksilberfrei: sie enthält Kupfer und Zinn. Insgesamt sind Gamma-2-freie Amalgame gut korrosionsbeständig.

Stand: 21. Juli 2017 - 10:38 Uhr

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