Exposition und gesundheitliche Bewertung

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Exposition und gesundheitliche Bewertung

Freisetzung von Bisphenol A (BPA) aus Polycarbonat, Epoxiden und Thermopapier

Der nachfolgende Text bezieht sich in Teilen auf die Situation vor dem BPA-Verbot gemäß EU-Verordnung 2024/3190. Viele BPA-haltige Gebrauchsgegenstände haben eine lange Lebensdauer und dürften somit weiterhin in Gebrauch sein.

Im Polycarbonat liegt Bisphenol A als sogenanntes Polymer vor. Hier ist Bisphenol A chemisch fest gebunden. Nur unter ziemlich extremen Bedingungen kann es herausgelöst werden.

Die Freisetzung (Migration) von Bisphenol A aus polycarbonatbasierten Gegenständen, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen, ist vielfach untersucht worden. In typischen Nutzungsszenarien wurde der Grenzwert laut seinerzeit gültiger Bedarfsgegenstände-Verordnung BedGgstV weit unterschritten.

Aus BPA-haltigem Kunststoff durften maximal 0.6 Milligramm BPA in ein Kilogramm Lebensmittel migrieren, ab 2018 nur noch 0.05 Milligramm pro Kilogramm Lebensmittel. Babyprodukte wie z.B. Anfangsnahrung mussten „praktisch BPA-frei“ sein.

Auch die Menge an BPA, der man durch den Kontakt mit Medizinprodukten ausgesetzt war, wurde als sicher betrachtet, da die BPA-Freisetzung unter den gültigen Grenzwerten lag.  

In Epoxidharzen liegt Bisphenol A polymerisiert (also fest gebunden) vor.

Im alten (weißen) Thermopapier ist Bisphenol A nicht chemisch gebunden, kann also bei Hautkontakt relativ leicht freigesetzt werden. In der Praxis ist dies u.a. bei Kassierer*innen relevant. Fachleute stufen diesen Belastungspfad als bedeutsam ein.

Exposition

Woher stammt die Bisphenol A-Belastung bei Kindern und Erwachsenen?

Die Europäische Kommission und auch das deutsche Umweltbundesamt (UBA) gehen davon aus, dass Bisphenol A hauptsächlich über Lebensmittel aufgenommen wird, in zweiter Linie über dermale Aufnahme nach Hautkontakt mit Thermopapier.

Wie hoch ist die tägliche Aufnahmemenge?

Einer Auswertung der EFSA aus dem Jahr 2015 zufolge lag die damalige tägliche Aufnahmemenge

  • zwischen ca. 0.2 und 1.1 Mikrogramm Bisphenol A pro Kilogramm Körpergewicht und Tag für Erwachsene und
  • zwischen 0.04 und 1.4 Mikrogramm pro kg Körpergewicht und Tag für Kinder und Jugendliche

Aktuelle Schätzungen auf der Basis von Biomonitoring-Daten und Expositionsschätzungen liegen etwas niedriger (BfR 2023):

  • bei 0.12 – 1.1 Mikrogramm/kg Körpergewicht /Tag für Erwachsene und
  • bei 0.04 – 0.87 Mikrogramm/kg Körpergewicht /Tag für Kinder und Jugendliche

Die Werte spiegeln u.a. das Verbot des alten weißen Thermopapiers wider.

Gesundheitliche Bewertung

Bisphenol A (BPA) wird seit ca. 60 Jahren toxikologisch untersucht. Es ist nicht akut giftig, ruft keine Veränderungen am Erbgut hervor, ist nicht fruchtschädigend und wirkt auch nicht krebserzeugend (SCF 2002, BfR 2023).

Bisphenol A gehört zu den Stoffen mit hormonähnlicher (u. a. östrogenartiger) Wirkung. Studienergebnisse zu Auswirkungen auf den Stoffwechsel (Gewichtszunahme, Auswirkungen auf die Brustdrüsen/ Verhalten/ Angstgefühle) sind widersprüchlich.

In 2016 wurde BPA in die Kategorie 1B („vermutlich reproduktionstoxisch beim Menschen“) nach der CLP-Verordnung (CLP = Classification, Labelling and Packaging, d.h. Einstufung, Kennzeichnung und Verpackung von Stoffen) eingestuft. Basis für diese Einstufung waren Ergebnisse aus Tierversuchen (verzögerter Eintritt der Pubertät, Spermienqualität, histologische Veränderungen an den Geschlechtsorgangen).

Nationale und internationale Fachgremien und -behörden schätzen diese Einstufung unterschiedlich ein: das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und die Weltgesundheitsorganisation halten solche Effekte erst bei ungewöhnlich hoher Exposition für möglich, während die EFSA auf so genannte Niedrigdosis-Effekte verweist und einen sehr niedrigen Wert für die tolerierbare tägliche Aufnahme (TDI) abgeleitet hat. Dieser TDI-Wert der EFSA liegt 1 000-fach unter dem TDI-Wert des BfR.

Bioakkumulation: die Fähigkeit von Bisphenol A zur Bioakkumulation wird als gering eingeschätzt.

Gut zu wissen

Wissenswertes zur Studienqualität und zum Studiendesign

Studien und Tierexperimente zu Bisphenol A sind methodisch sehr anspruchsvoll, insbesondere im Niedrigdosisbereich:

Die Art der Versuchsdurchführung ist wichtig: z.B. sollte der Gehalt an Phytoöstrogenen (Soja) im Tierfutter genau kontrolliert werden.

Auch der Aufnahmeweg ist wichtig: In einer Studie an Affen (Leranth und Mitarbeiter, 2008) wurde der natürliche Aufnahmeweg umgangen, indem Bisphenol A mittels Minipumpe unter die Haut injiziert wurde. Angesichts der raschen Verstoffwechselung von Bisphenol A in der Darmwand und in der Leber von Primaten (“First Pass Effect”) können die beschriebenen Wirkungen des Bisphenol A auf das Gehirn nicht ohne weiteres auf den Menschen übertragen werden.

Es muss ausgeschlossen sein, dass biologische Proben im Labor kontaminiert werden, z.B. durch Plastikmaterial.

Aufsehenerregende Versuchsergebnisse bedürfen hier in besonderem Maße einer unabhängigen wissenschaftlichen Überprüfung.

Studiendesign: Diskrepanzen in der BPA-Bewertung verschiedener Institutionen und Forscher resultieren nicht zuletzt aus dem unterschiedlichen Herangehen im Studiendesign:

Die “regulatorische Toxikologie” legt Wert auf standardisierte Versuchsbedingungen, Versuchsprotokolle, toxikologische Endpunkte und Auswerteverfahren, während die “experimentelle Toxikologie” unter oftmals nicht standardisierten Versuchsbedingungen (Tierart, Dosisbereich, Endpunkte) neue, bisher nicht beobachtete Wirkungen eines Stoffes zu finden hofft.

Beide Ansätze haben ihre Berechtigung. Bei der Bewertung von Studienergebnissen sollten aber die Grenzen des jeweiligen Ansatzes bedacht werden.

Aufnahme und Verteilung von Bisphenol A im Körper

Im Magen-Darm-Trakt wird Bisphenol A gut resorbiert, es wird im Stoffwechsel in eine wasserlösliche Verbindung (“Bisphenol A-Glucuronid, Bisphenol A-Sulfat”) umgewandelt und rasch über die Niere ausgeschieden. Die Halbwertzeit im Körper liegt bei weniger als 6 Stunden.

Wirkung auf Organe

Beim Menschen geht eine östrogenartige Wirkung nach derzeitigem Wissensstand nur vom freien Bisphenol A aus, also nicht von seinen Stoffwechselprodukten, dem Bisphenol A-Glucuronid oder -sulfat. 

In Versuchen an Fröschen, Fischen und Vögeln wurde gezeigt, dass Bisphenol A an den sogenannten Östrogenrezeptor (einem Bindungsort für weibliche Sexualhormone im Zellkern einer Zelle) bindet und zur Verweiblichung, zu Fehlbildungen der Fortpflanzungsorgane und anderen Effekten führt. Allerdings waren hierfür sehr hohe Konzentrationen erforderlich. Bisphenol A wirkt etwa 100 bis 10 000-fach schwächer als das natürliche Sexualhormon Östradiol (Umweltbundesamt 2010).

Einige Versuche an Ratten und Mäusen deuten auf mögliche Wirkungen auf Verhalten und Lernvermögen der Tiere sowie auf das Prostatawachstum und die Spermienkonzentration hin (Umweltbundesamt 2010). Die Relevanz dieser Ergebnisse für den Menschen wird von Fachleuten unterschiedlich beurteilt.

 

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Becker, K., Göen, T., Seiwert, M., Conrad, A., Pick-Fuss, H., Müller, J., Wittassek, M., Schulz, C., Kolossa-Gehring, M. GerES IV (2009): phthalate metabolites and bisphenol A in urine of German children. Int J Hyg Environ Health. 2009 Band 212(6) S. 685-692.

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Autor/innen: Dr. M. Otto, Prof. K. E. von Mühlendahl

Zuletzt aktualisiert: 21.02.2026

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