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Wie nehmen junge Menschen die Tschornobyl-Katastrophe wahr?

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Aktuelles 2026 tschernobyl 2Die Reaktorkatastrophe von Tschornobyl jährt sich in diesen Tagen zum 40.Mal. In allen Tageszeitungen und öffentlichen Medien wie Fernsehen und Radio und natürlich auch in den Sozialen Medien wurde und wird darüber meist ausführlich berichtet. Allum möchte in diesem Aktuellbeitrag auf zwei wichtige Hintergrundquellen aufmerksam machen.

Erstens hat das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) bei seiner Pressemitteilung auf eine wichtige Studie zur kollektiven Erinnerung an Tschornobyl hingewiesen. Aus deren Einleitung und Fazit soll auszugsweise zitiert werden:

“Die kollektive Erinnerung an die Reaktorkatastrophe von Tschornobyl im Jahr 1986 unterliegt einem kontinuierlichen Wandel, der von Generation zu Generation unterschiedlich ausgeprägt ist. Im Rahmen des BfS-Forschungsvorhabens Erinnerung an Tschornobyl und ihren Konsequenzen für den radiologischen Notfallschutz in Deutschland wurden Gruppendiskussionen als Generationendialoge konzipiert, bei denen Vertreter*innen der Großeltern-, Eltern- und jungen Generation gemeinsam über ihre Erinnerungen, Deutungen und Erwartungen im Zusammenhang mit Tschornobyl und dem radiologischen Notfallschutz diskutierten.  Ziel war es, die unterschiedlichen Perspektiven und Narrative sichtbar zu machen, die sich je nach Generation aus biographischen Erfahrungen, gesellschaftlichen Entwicklungen und medialen Darstellungen speisen.

Die Analyse zeigt, zu welchem Grad dieses Ereignis in das kommunikative und kulturelle Gedächtnis der deutschen Gesellschaft eingeschrieben ist – und wie sich die Formen und Funktionen dieser Erinnerung über Generationen hinweg wandeln und differenzieren. Die ältere Generation, die das Ereignis bewusst miterlebte, verbindet mit Tschornobyl konkrete Alltagsängste und eine tiefe Verunsicherung hinsichtlich Kernkraft und Notfallschutz. Für die mittlere Generation, damals Kinder oder Jugendliche, steht das diffuse Gefühl von Bedrohung und Ohnmacht im Vordergrund, oft vermittelt durch elterliche Fürsorge, Schule bzw. Kindergarten und mediale Berichterstattung. Für die jüngere Generation hingegen ist Tschornobyl primär Teil des kulturellen Gedächtnisses: Die Katastrophe wird über Medien, Filme, Bücher, Popkultur und schulische Vermittlung erinnert – als historisches Ereignis, das weniger emotional, sondern stärker symbolisch und diskursiv verarbeitet wird. Die Weitergabe der Erinnerung erfolgt zunehmend über Medienprodukte und weniger über familiäre Gespräche.

Im Kontrast zu den Erzählungen des Notfallschutzes von damals wird heute generationenübergreifend eine proaktive, transparente und wissenschaftsbasierte Kommunikation des radiologischen Notfallschutzes erwartet. Eine präventive Kommunikation bedeutet, die Bevölkerung bereits im Vorfeld – also ohne akuten Anlass – umfassend darüber zu informieren, welche Maßnahmen im Ernstfall vorgesehen sind und welche konkreten Notfallpläne existieren. So wird ein Gefühl von Sicherheit und Selbstwirksamkeit gefördert. Regelmäßige präventive Kommunikation kann durch Informationskampagnen, Übungen in Schulen und Betrieben oder digitale Informationsangebote stattfinden. Die Teilnehmenden erwarten, dass präventive Kommunikation klar, verständlich und über verschiedene Kanäle erfolgt, um möglichst viele Menschen zu erreichen und aufzuklären, die auch im Ernstfall eines radiologischen Notfalls von zentraler Bedeutung ist.”

Zweitens hat die Dt. Sektion der Ärzt*innen zur Verhütung eines Atomkriegs  (www.ippnw.de) anlässlich des Jahrestags eine erneute Fachtagung „Atomgefahren und Gesundheitsrisiken: damals – heute – morgen“ durchgeführt, die hier dokumentiert ist: www.ippnw.de/atomenergie/tagung.html. Dort finden sich auch zweite Referate zu den  Gesundheitsfolgen der Atomkatastrophen von Fukushima und Tschernobyl – ein Überblick (Dr. med. Alexander Rosen) und zum Stellenwert von  Empirie gegen Ignoranz – Update zum Gesundheitsrisiko niedriger Strahlendosen (Prof. Dr. med. Wolfgang Hoffmann).

Autor/innen: Dr. Th. Lob-Corzilius

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