Offene Fragen zur Gesundheit

Fachliche Kontroverse

Sowohl in der wissenschaftlichen Fachwelt als auch in der Öffentlichkeit werden gesundheitsschädigende Effekte durch elektromagnetische Felder seit langem kontrovers diskutiert. Dabei nehmen Diskussionen zu Befindlichkeitsstörungen (zur sogenannten "Elektrosensibilität") und zur Krebsentstehung besonderen Raum ein.

Ursache für die Kontroverse sind die Ergebnisse experimenteller Studien, insbesondere an Tieren und Zellen, die Hinweise auf biologische Wirkungen elektromagnetischer Felder unter ganz speziellen Bedingungen erbracht haben. Beispielsweise wurde über Veränderungen der Melatoninproduktion der Zirbeldrüse, der Zellmembran-Durchlässigkeit und des Ionentransportes und über Einflüsse auf Enzymaktivitäten, Zellteilung und DNS-Synthese berichtet.

Eine ähnliche Diskussion findet zu den sogenannten athermischen Wirkungen hochfrequenter Felder, wie sie beispielsweise vom Mobilfunk ausgehen, statt. Warum sich bisher kein zusammenhängendes Bild der Wirkungen schwacher elektromagnetischer Felder im Niederfrequenz- und Hochfrequenzbereich auf den Menschen abzeichnet, hängt mit einigen grundsätzlichen Problemen zusammen:

  • Wirkmechanismus: Es gibt derzeit bestenfalls Hypothesen dazu, wie elektrische und magnetische Felder im Bereich unterhalb der Grenzwerte mit biologischen Strukturen in Wechselwirkung treten können.
  • Fenstereffekte: Offenbar sind einige der beobachteten Effekte an spezielle Versuchssituationen gebunden, z.B. an bestimmte Werte für Feldstärke, Flussdichte, Frequenz und Pulsung.
  • Gesundheitliche Relevanz: Es ist offen, ob Ergebnisse aus Tier- und Zellversuchen für die Gesundheit des Menschen von Bedeutung sind.
  • Statistik: Bei seltenen Erkrankungen sind die Fallzahlen gering und die statistische Unsicherheit daher recht groß.
  • Störfaktoren: Für zahlreiche Krankheiten, darunter Krebserkrankungen, sind mehrere Risikofaktoren bekannt, die in epidemiologischen Studien berücksichtigt werden müssen.

Bisher zeichnet sich folgendes Bild ab:

Elektrosensibilität und Elektrosensitivität

Von Personen mit selbst berichteter Empfindlichkeit gegenüber elektromagnetischen Feldern werden Schlafbedürfnis, Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrationsstörungen, aber auch Muskelschmerzen, Taubheitsgefühle, Herzstolpern, Tachykardien, Druckgefühle in den Ohren und im Bereich der Brust, Übelkeit, Appetitlosigkeit, Augenbrennen und Hauterscheinungen als Symptome genannt. Bisher ist allerdings der Nachweis nicht gelungen, dass diese Symptome ursächlich auf solche Felder (in der beim bestimmungsgemäßen Gebrauch von Elektrogeräten üblichen Feldstärke bzw. Flussdichte) zurückgeführt werden können.

In Deutschland befasst sich unter anderem das Institut für Normale und Pathologische Physiologie der Universität Witten-Herdecke mit dem Phänomen der Elektrosensibilität, in Österreich ist es das Institut für Krankenhaustechnik der TU Graz (Prof. N. Leitgeb).

Derzeit wird zur Frage der Elektrosensibilität im Zusammenhang mit Hochspannungsleitungen eine sogenannte Perzeptionsstudie an der RWTH Aachen vorbereitet, die neben der Ermittlung einer Perzeptionsschwelle (Wahrnehmungsschwelle, z.B. für Haarbewegungen, Kribbeln, Parästhesien) auch etwaige Synergieeffekte zwischen Gleich- und Wechselstromwirkungen untersuchen soll (Amprion 2018).

Die Weltgesundheitsorganisation hat im Dezember 2005 ein Datenblatt zur Elektrosensibilität und im Juni 2007 ein Datenblatt zu EMF elektromagnetische Felder und Öffentlicher Gesundheit (Fact sheet 322, in Englisch) herausgegeben.

Ausführliche Informationen finden sich in unserem Informationstext "Elektrosensibilität - Elektrosensitivität".

Hochspannungsleitungen und Krebs

Nationale und internationale Studien weisen auf Verdachtsmomente hin, wonach von magnetischen Feldern auch erheblich unterhalb der geltenden Grenzwerte möglicherweise ein erhöhtes Risiko insbesondere für Leukämien im Kindesalter ausgehen könnte. Es handelt sich bei diesen Studien in allen Fällen um sogenannte "epidemiologische Studien". Diese können keinen kausalen (ursächlichen) Zusammenhang aufzeigen, sondern lediglich die Wahrscheinlichkeit des Eintritts einer Hypothese abschätzen.

Vor nicht allzu langer Zeit haben die Epidemiologen Schüz und Michaelis diese Studien in Bezug auf Qualität und Aussagekraft gesichtet und mit eigenen Studienergebnissen verglichen. Es zeigten sich gesicherte Hinweise für ein erhöhtes Risiko für Kinder, an Leukämie zu erkranken, wenn sie dauerhaft niederfrequenten magnetischen Feldern im häuslichen Umfeld ausgesetzt waren. Zu dieser Magnetfeldbelastung tragen Hochspannungsleitungen zweifellos bei, sie sind jedoch bei weitem nicht die einzige Quelle. Andere Feldquellen sind beispielsweise Erdkabel, Straßenbeleuchtungen oder veraltete Elektroinstallationen (zum Beispiel Steigleitungen) im Haus selbst.

Falls die Hypothese zutrifft, dass die magnetischen Felder der Energieversorgung ursächlich verantwortlich seien, können nach Einschätzung der Strahlenschutzkommission damit weniger als 1 % der Leukämiefälle bei Kindern erklärt werden.

Diese Verdachtsmomente waren weltweit Anlass für eine Reihe von Forschungsvorhaben zur Überprüfung der Fragestellung, u. a. auch im Rahmen der Forschungsaktivitäten des Bundesumweltministeriums, ob es einen Mechanismus gibt, über den elektrische und magnetische Felder in Zellen Krebserkrankungen auslösen oder fördern können. Auch bei Expositionsszenarien oberhalb der geltenden Grenzwerte konnten die epidemiologischen Befunde nicht bestätigt werden.

Bisher ist kein Wirkmechanismus bekannt, der einen Zusammenhang zwischen Krebserkrankungen und elektromagnetischen Feldern erklären könnte. 

Stand: 13. Januar 2020 - 13:04 Uhr

Autor/en: